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Studium:Wer die Dissertation nicht abschließt, fällt immerhin durch keine Prüfung

Wie die Archivrecherche von Coustille ergibt, waren die Gründe für die Absage aber andere. Der Berichterstatter hatte in seinem Gutachten nämlich von einer Weiterförderung abgeraten. Barthes habe 1953 mit "Am Nullpunkt der Literatur" und 1954 mit "Michelet" zwei viel beachtete, aber eben nichtakademische Werke publiziert - weshalb man davon ausgehen müsse, dass er die Arbeit an seiner Dissertation sträflich vernachlässigt habe.

Wohl gerade weil Barthes seine Dissertation nie abschließt, befasst er sich in seiner Laufbahn unablässig mit diesem merkwürdigen Genre. Er analysiert den trockenen und unpersönlichen Stil von Dissertationen; er problematisiert das Verbot, "ich" zu sagen; und er kritisiert den disziplinären Zwang zur Spezialisierung, der Doktorarbeiten über nichtdisziplinäre Forschungsprogramme wie die Semiologie ausschließt. 1973 bietet Barthes sogar ein Seminar über Probleme des Verfassens von Dissertationen an und spricht dort über die "grausamen Widersprüche" zwischen der Dissertation als "institutionellem Produkt" und dem Schreiben als "Feld der Leidenschaften". Obwohl Barthes in seiner Laufbahn an der Verleihung von über 150 Promotionstiteln beteiligt ist, bleibt die Dissertation für ihn bis zum Schluss ein lustfeindlicher Text.

Wenn Roland Barthes die Dissertation als frustrierende Einübung in Leidenschaftslosigkeit beschreibt und Jean Paulhan sie als eine krankhafte Form der Entsagung charakterisiert, zielen beide auf den gleichen Punkt: Die Dissertation ist eine Form von Askese. Eine persönliche Selbstdisziplinierung, eine Einschränkung der eigenen Schreibweise und eine Unterwerfung unter die Regeln eines Faches.

Dabei übersehen Coustille und seine Protagonisten aber, dass die Dissertation im Vergleich zu anderen schriftlichen Prüfungsformen relativ große Freiheiten einräumt: Während für Studienarbeiten genaue Abgabefristen und Umfangsangaben vorgesehen sind, sind die Promotionsordnungen vergleichsweise liberal und kennen meist weder klare Fristen für das Fertigstellen von Dissertationen noch strikte Umfangsbegrenzungen.

Wer sehr lange an seiner Dissertation sitzt, mag irgendwann die Förderung des Promotionsvorhabens verlieren oder größeren Familienveranstaltungen aus dem Weg gehen - durch eine Prüfung fällt er aber nicht. Das bringt mit sich, dass man wie Barthes über ein Jahrzehnt an seiner Promotion arbeiten, die Arbeit unterbrechen und wiederaufnehmen, das ursprüngliche Thema stark verändern oder ganz fallenlassen kann, ohne dass man sofort Sanktionen befürchten müsste.

Für diese liberale Praxis des Schreibens von Dissertationen, die nicht selten das unentwegte Verschieben des Abgabedatums verursachen mag, steht die oft kolportierte Fristsetzung eines deutschen Hochschullehrers: "Die Dissertation sollte fertig sein, bevor man stirbt."

© SZ vom 13.09.2018/mkoh
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