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Studium:"Die Dissertation sollte fertig sein, bevor man stirbt"

Roland Barthes 24 juin 1975 AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyright

Immer noch ohne Doktortitel: Roland Barthes im Sommer 1975.

(Foto: imago/Leemage)

Frustrierende Einübung in Leidenschaftslosigkeit: ein Literaturwissenschaftler liefert eine unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Schreiben.

Von Carlos Spoerhase

"Alles auf der Welt existiert, um in ein Buch zu münden", schrieb der französische Dichter Stéphane Mallarmé in den 1890er-Jahren in seinem Lob auf das Buch als wichtigstes Instrument des Geistes. Schon dreißig Jahre später setzt sein Schüler Paul Valéry einen pessimistischeren Akzent. Alles auf der Welt existiere vielmehr, um in die Universität zu münden: "Alles zersetzt sich zu Dissertationen." Die monografische Dissertation: Ein Instrument geisttötender akademischer Gelehrsamkeit, von dem das geistvolle Buch verdrängt wird. Damit ist eine Dichotomie aufgespannt, die uns heute noch geläufig ist. Hier das literarisch ambitionierte, persönlich gefärbte Buch eines Intellektuellen oder Schriftstellers, dort die sprachlich trockene, unpersönlich formulierte und mit Bibliografien, Abkürzungslisten, Registern und Fußnoten beschwerte Qualifikationsschrift.

Die Dissertation, wie wir sie kennen, gab es in der Frühen Neuzeit noch nicht. Bei der Verleihung des Doktortitels spielten Dissertationen damals keine wichtige Rolle. Der Doktorgrad wurde aufgrund einer schmalen, nur wenige Seiten umfassenden Schrift zu einem standardisierten Thema und einer daran anschließenden mündlichen Prüfungsleistung vergeben.

Das moderne Modell der Dissertation etabliert sich erst langsam im 19. Jahrhundert im Zuge der Entstehung der Forschungsuniversität im deutschsprachigen Raum: Verlangt wird in den Geisteswissenschaften nun zunehmend eine umfangreiche Monographie, deren Thema vom Verfasser eigenständig gewählt wurde und die einen originellen Beitrag zu seiner Disziplin leistet. Erst diese moderne Dissertation macht die Doktoranden zu eigenständigen Forschern, die unter enormem Innovationsdruck stehen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wird dieses preußische Modell auch von den französischen Bildungsinstitutionen übernommen.

In einem Großessay stellt der französische Literaturwissenschaftler Charles Coustille nun unterhaltsam dar, wie sich französische Schriftsteller und Intellektuelle seit dem späten 19. Jahrhundert darum bemühen, den Ansprüchen der modernen Dissertation zu genügen. So arbeiten Dichter wie Stéphane Mallarmé, Jean Paulhan oder Charles Péguy intensiv an Dissertationen, brechen diese später ab und setzen sich anschließend kritisch mit dem akademischen Schreiben auseinander (Charles Coustille: Antithèses. Mallarmé, Péguy, Paulhan, Céline, Barthes. Gallimard, Paris 2018).

Mitunter wächst sich die harsche Kritik zu regelrechten antiakademischen Gegen-Dissertation aus, die dem Buch von Coustille auch den Titel ("Antithèses") geben. Das Buch, das ironischerweise selbst auf einer Dissertation fußt, lenkt den ideenhistorischen Blick auf gescheiterte Doktoranden, die später außerhalb der Universität große Erfolge feiern - die vielen namenlosen Promotionsabbrecher spielen leider keine Rolle. Doch auch am Scheitern eines Glücklichen wie Roland Barthes offenbaren sich einige Grundmerkmale der modernen Dissertation.

Barthes unternimmt zwischen 1946 und 1960 immer wieder Anläufe, eine Dissertation zu schreiben. Und scheitert jedes Mal aufs Neue. Unproduktiv war er während dieser Zeit allerdings nicht. Seine hohe intellektuelle Produktivität bereitet ihm sogar erhebliche Probleme. So wird 1954 sein Stipendium nicht verlängert - aufgrund unerwarteter Budgetprobleme, schreibt der Stipendiengeber.

Wer die Dissertation nicht abschließt, fällt immerhin durch keine Prüfung

Wie die Archivrecherche von Coustille ergibt, waren die Gründe für die Absage aber andere. Der Berichterstatter hatte in seinem Gutachten nämlich von einer Weiterförderung abgeraten. Barthes habe 1953 mit "Am Nullpunkt der Literatur" und 1954 mit "Michelet" zwei viel beachtete, aber eben nichtakademische Werke publiziert - weshalb man davon ausgehen müsse, dass er die Arbeit an seiner Dissertation sträflich vernachlässigt habe.

Wohl gerade weil Barthes seine Dissertation nie abschließt, befasst er sich in seiner Laufbahn unablässig mit diesem merkwürdigen Genre. Er analysiert den trockenen und unpersönlichen Stil von Dissertationen; er problematisiert das Verbot, "ich" zu sagen; und er kritisiert den disziplinären Zwang zur Spezialisierung, der Doktorarbeiten über nichtdisziplinäre Forschungsprogramme wie die Semiologie ausschließt. 1973 bietet Barthes sogar ein Seminar über Probleme des Verfassens von Dissertationen an und spricht dort über die "grausamen Widersprüche" zwischen der Dissertation als "institutionellem Produkt" und dem Schreiben als "Feld der Leidenschaften". Obwohl Barthes in seiner Laufbahn an der Verleihung von über 150 Promotionstiteln beteiligt ist, bleibt die Dissertation für ihn bis zum Schluss ein lustfeindlicher Text.

Wenn Roland Barthes die Dissertation als frustrierende Einübung in Leidenschaftslosigkeit beschreibt und Jean Paulhan sie als eine krankhafte Form der Entsagung charakterisiert, zielen beide auf den gleichen Punkt: Die Dissertation ist eine Form von Askese. Eine persönliche Selbstdisziplinierung, eine Einschränkung der eigenen Schreibweise und eine Unterwerfung unter die Regeln eines Faches.

Dabei übersehen Coustille und seine Protagonisten aber, dass die Dissertation im Vergleich zu anderen schriftlichen Prüfungsformen relativ große Freiheiten einräumt: Während für Studienarbeiten genaue Abgabefristen und Umfangsangaben vorgesehen sind, sind die Promotionsordnungen vergleichsweise liberal und kennen meist weder klare Fristen für das Fertigstellen von Dissertationen noch strikte Umfangsbegrenzungen.

Wer sehr lange an seiner Dissertation sitzt, mag irgendwann die Förderung des Promotionsvorhabens verlieren oder größeren Familienveranstaltungen aus dem Weg gehen - durch eine Prüfung fällt er aber nicht. Das bringt mit sich, dass man wie Barthes über ein Jahrzehnt an seiner Promotion arbeiten, die Arbeit unterbrechen und wiederaufnehmen, das ursprüngliche Thema stark verändern oder ganz fallenlassen kann, ohne dass man sofort Sanktionen befürchten müsste.

Für diese liberale Praxis des Schreibens von Dissertationen, die nicht selten das unentwegte Verschieben des Abgabedatums verursachen mag, steht die oft kolportierte Fristsetzung eines deutschen Hochschullehrers: "Die Dissertation sollte fertig sein, bevor man stirbt."

© SZ vom 13.09.2018/mkoh
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