Studium "Die Dissertation sollte fertig sein, bevor man stirbt"

Immer noch ohne Doktortitel: Roland Barthes im Sommer 1975.

(Foto: imago/Leemage)

Frustrierende Einübung in Leidenschaftslosigkeit: ein Literaturwissenschaftler liefert eine unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Schreiben.

Von Carlos Spoerhase

"Alles auf der Welt existiert, um in ein Buch zu münden", schrieb der französische Dichter Stéphane Mallarmé in den 1890er-Jahren in seinem Lob auf das Buch als wichtigstes Instrument des Geistes. Schon dreißig Jahre später setzt sein Schüler Paul Valéry einen pessimistischeren Akzent. Alles auf der Welt existiere vielmehr, um in die Universität zu münden: "Alles zersetzt sich zu Dissertationen." Die monografische Dissertation: Ein Instrument geisttötender akademischer Gelehrsamkeit, von dem das geistvolle Buch verdrängt wird. Damit ist eine Dichotomie aufgespannt, die uns heute noch geläufig ist. Hier das literarisch ambitionierte, persönlich gefärbte Buch eines Intellektuellen oder Schriftstellers, dort die sprachlich trockene, unpersönlich formulierte und mit Bibliografien, Abkürzungslisten, Registern und Fußnoten beschwerte Qualifikationsschrift.

Die Dissertation, wie wir sie kennen, gab es in der Frühen Neuzeit noch nicht. Bei der Verleihung des Doktortitels spielten Dissertationen damals keine wichtige Rolle. Der Doktorgrad wurde aufgrund einer schmalen, nur wenige Seiten umfassenden Schrift zu einem standardisierten Thema und einer daran anschließenden mündlichen Prüfungsleistung vergeben.

Wer will schon Vorlesungen halten?

Lehrveranstaltungen an deutschen Unis sind oft öde, Professoren haben wenig Lust darauf. Das liegt im Hochschulsystem begründet. Von Matthias Kohlmaier mehr ...

Das moderne Modell der Dissertation etabliert sich erst langsam im 19. Jahrhundert im Zuge der Entstehung der Forschungsuniversität im deutschsprachigen Raum: Verlangt wird in den Geisteswissenschaften nun zunehmend eine umfangreiche Monographie, deren Thema vom Verfasser eigenständig gewählt wurde und die einen originellen Beitrag zu seiner Disziplin leistet. Erst diese moderne Dissertation macht die Doktoranden zu eigenständigen Forschern, die unter enormem Innovationsdruck stehen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wird dieses preußische Modell auch von den französischen Bildungsinstitutionen übernommen.

In einem Großessay stellt der französische Literaturwissenschaftler Charles Coustille nun unterhaltsam dar, wie sich französische Schriftsteller und Intellektuelle seit dem späten 19. Jahrhundert darum bemühen, den Ansprüchen der modernen Dissertation zu genügen. So arbeiten Dichter wie Stéphane Mallarmé, Jean Paulhan oder Charles Péguy intensiv an Dissertationen, brechen diese später ab und setzen sich anschließend kritisch mit dem akademischen Schreiben auseinander (Charles Coustille: Antithèses. Mallarmé, Péguy, Paulhan, Céline, Barthes. Gallimard, Paris 2018).

Mitunter wächst sich die harsche Kritik zu regelrechten antiakademischen Gegen-Dissertation aus, die dem Buch von Coustille auch den Titel ("Antithèses") geben. Das Buch, das ironischerweise selbst auf einer Dissertation fußt, lenkt den ideenhistorischen Blick auf gescheiterte Doktoranden, die später außerhalb der Universität große Erfolge feiern - die vielen namenlosen Promotionsabbrecher spielen leider keine Rolle. Doch auch am Scheitern eines Glücklichen wie Roland Barthes offenbaren sich einige Grundmerkmale der modernen Dissertation.

Barthes unternimmt zwischen 1946 und 1960 immer wieder Anläufe, eine Dissertation zu schreiben. Und scheitert jedes Mal aufs Neue. Unproduktiv war er während dieser Zeit allerdings nicht. Seine hohe intellektuelle Produktivität bereitet ihm sogar erhebliche Probleme. So wird 1954 sein Stipendium nicht verlängert - aufgrund unerwarteter Budgetprobleme, schreibt der Stipendiengeber.