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Wie Kinder sprechen lernen:Warum Erwachsene den Nachwuchs nicht ständig korrigieren sollten

Herausforderung im Kindergarten: Kinder lernen zu unterschiedlichen Zeiten sprechen. Doch je mehr ein Erwachsener in einer Dialogsituation auf das einzelne Kind eingeht, desto schneller lernt es. Linguistin Andrea Sens erklärt, wie Erzieher jedem Kind in ihrer Gruppe gerecht werden können.

Kleine Kinder lernen auf viele Arten und Weisen - aber sie lernen immer im Kontext und am besten mit anderen zusammen. Erzieherinnen und Erzieher brauchen Fachwissen und feinfühlige Zuwendung, um die Kinder anzuleiten. Das Magazin des Deutschen Jugendinstituts, Impulse , sprach mit der Erziehungswissenschaftlerin Andrea Sens über Spracherwerb im Kindergarten und das Problem des Korrigierens.

Kindergarten in NRW

Um gute Fachkräfte ist ein Konkurrenzkampf entbrannt. Wer Erzieher sucht, muss sich einiges einfallen lassen. 

(Foto: dpa)

DJI Impulse: Was sollten pädagogische Fachkräfte über die sprachliche Bildung wissen?

Andrea Sens: Beim Spracherwerb geht es nicht nur um Aussprache und Grammatik, sondern auch um die Prozesse der sozial-kommunikativen und sprachlich-geistigen Entwicklung. Nur wer darüber einen breiten Wissensstand hat, kann sinnvolle sprachliche Bildungsarbeit leisten. Entscheidend ist beispielsweise nicht nur die Anzahl der Wörter, die ein Kind sprechen kann, sondern welche Bedeutung es mit den Wörtern verbindet. Um sich ihre Bedeutung Schritt für Schritt erschließen zu können, brauchen Kinder viele sinnliche Erfahrungen mit der Welt. Erzieherinnen und Erzieher sollten zudem die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder einschätzen können. Dafür müssen sie Strategien des Spracherwerbs kennen. Wenn ein Kind zum Beispiel sagt "Ich habe alles aufgeesst", dann ist dies ein Hinweis dafür, dass das Kind begonnen hat, sich beiläufig mit Regeln der Wortbildung zu beschäftigen. Denn sobald Kinder eine sprachliche Regel entdecken, wenden sie diese erst einmal gnadenlos an. Das ist kein Fehler, sondern ein großer Fortschritt.

DJI Impulse: Es wäre also falsch, das Kind zu korrigieren?

Sens: Junge Kinder explizit zu korrigieren, bietet ihnen keine Hilfestellung im Spracherwerb. Denn Kinder sind sich nicht bewusst, dass sie Sprache erlernen. Sie lernen sie beiläufig im Rahmen bedeutungsvoller sozialer Interaktionen. Sie lernen sie, um mit Sprache etwas zu erreichen. Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass Eltern diesen Prozess intuitiv unterstützen, wenn sie sich ihrem Kind liebevoll und interessiert zuwenden. Mütter reagieren genau richtig, wenn sie beiläufig ein korrektives Feedback geben. Um beim Beispiel zu bleiben also sagen: "Prima, dass du alles aufgegessen hast."

DJI Impulse: Was bedeutet das für den Alltag im Kindergarten?

Sens: Fachkräfte benötigen eine feinfühlige Dialoghaltung und sollten sich für die Dialogmöglichkeiten im Kindergarten-Alltag sensibilisieren. Im Gegensatz zum familiären Alltag finden sprachliche Bildungsprozesse häufig im Rahmen der Kindergruppe statt. Deswegen muss der Kita-Alltag systematisch nach Sprach-Lern-Situationen durchleuchtet werden. Dadurch kann sich auch zeigen, dass es manchmal die zwei Minuten am Wickeltisch sind, die eine sehr intensive Situation des Sprachlernens ermöglichen.

Sehr unterschiedliche Situationen

DJI Impulse: Können Sie ein Beispiel für eine feinfühlige Dialoghaltung geben?

Ausgaben fuer Bildung, Forschung und Wissenschaft gestiegen

Schon als Kinder scheuen Mädchen den Wettbewerb.

(Foto: ddp)

Sens: Erwachsene sollten der Aufmerksamkeit des Kindes folgen und auf das eingehen, was die Kinder interessiert. Das Interesse, das Kinder haben, ist der Stoff der Sprachentwicklung. Wenn sie gemeinsam ein Bilderbuch betrachten, bedeutet das: Das Kind führt - und nicht etwa der Vorlesende, indem er jeden Gegenstand nacheinander benennt in der Hoffnung, dass das Kind die Wörter nachspricht. Auch dem Kind dabei zuzuhören, ist entscheidend. Der zuhörende Andere ist ein ganz wichtiger Motor für die sprachliche Entwicklung. Sprache wird nicht erworben durch irgendeinen Stimulus, der dem Kind eingetrichtert wird, sondern im intensiven Dialog. Kinder brauchen die Zeit und die Lust, selber sprachlich aktiv zu werden.

DJI Impulse: Fachkräfte betreuen eine ganze Gruppe Kinder. Können sie da überhaupt jedem einzelnen Kind gerecht werden?

Sens: Der Kita-Alltag bietet durch seine unterschiedlichen Dialogkonstellationen und Themen ein großes Bildungspotenzial. Neben der Kommunikation zwischen Kind und Erzieherinnen beziehungsweise Erziehern gibt es auch viele Dialogmöglichkeiten mit anderen Kindern. Das Spiel miteinander bietet ein Übungspotenzial und ist entscheidend für die sozial-kommunikative und sprachlich-kognitive Entwicklung. Dazu kommen Gruppengespräche, wie etwa im Stuhlkreis das Wort zu ergreifen, aber auch Aktivitäten in Kleingruppen, die in Kindern ganz unterschiedliche sprachliche Fähigkeiten wecken können. Entscheidend ist, dass Erzieherinnen und Erzieher ihr Dialogverhalten reflektieren. Im Alltag müssen sie regelmäßig Rückschau halten: Habe ich auch alle angesprochen und gut eingebunden? Das ist gerade im Hinblick auf zurückhaltende Kinder wichtig. Im Rahmen einer Fortbildung ist die Videoanalyse eine gute Möglichkeit, sich des eigenen Verhaltens bewusst zu werden.

DJI Impulse: Nun haben Fachkräfte nicht nur mehrere Kinder zu betreuen, sondern diese haben auch ganz unterschiedliche Entwicklungsbedürfnisse.

Sens: Frühe Bildung ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die ein hohes Maß an Professionalität erfordert. Wenn man den Begriff der Inklusion ernst nimmt, bedeutet das, dass Erzieherinnen und Erzieher mit einer Vielfalt an Persönlichkeiten und einer großen Bandbreite an Fähigkeiten zu tun haben. Das Ziel muss es sein, jedes Kind individuell anzusprechen, auch wenn es einem bestimmten vorgegebenen Raster nicht entspricht. Es geht darum, die Vielfalt der kindlichen Kommunikationsmöglichkeiten zu entdecken, als gleichwertig anzuerkennen und im Rahmen der sprachlichen Bildung aufzugreifen. Das gilt beispielsweise im Hinblick auf mehrsprachige Kinder. Den Fachkräften den notwendigen Kompetenzerwerb zu ermöglichen, impliziert ein Konzept für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von frühpädagogischen Fachkräften, das neben Wissensvermittlung und Handlungsanleitung auch die Reflexion des pädagogischen Verhaltens in den Blick nimmt. Hier haben wir in Deutschland im internationalen Vergleich großen Nachholbedarf.

Andrea Sens ist wissenschaftliche Referentin in dem Projekt Qualifizierungsoffensive nach dem DJI-Konzept Sprachliche Bildung und Förderung für Kinder unter Drei. In einer begleitenden Studie untersucht sie, inwieweit pädagogische Fachkräfte im Rahmen der Weiterbildungsmaßnahmen des Projekts ihre Kompetenzen im Bereich der sprachlichen Bildung weiterentwickeln. Mehr zum Thema "Sprachliche Bildung" finden Sie im aktuellen Magazin DJI-Impulse, dem dieses Interview entnommen ist.