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Hochschulen:Sind Exzellenzunis auch exzellent zum Studieren?

TU München bleibt Exzellenzuniversität

München, Technische Universität, eine der deutschen "Exzellenzuniversitäten": Die Vorlesung in diesem großen Hörsaal ist vielleicht exzellent. Vielleicht aber auch gar nicht.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Zehn deutsche Hochschulen und ein Verbund sind zur "Exzellenzuniversität" geadelt. Über die Qualität der Lehre sagt der Titel aber wenig aus.

"Wir haben es geschafft!", jubelte Dieter Lenzen, kaum dass am Freitag vergangener Woche in Bonn verkündet worden war, welche Hochschulen sich "Exzellenzuniversität" nennen dürfen. Elfmal wurde der Titel bundesweit vergeben, und Lenzens Hochschule, die Universität Hamburg, war dabei, erstmals, endlich. "Unsere Universität ist nun auch 'amtlich' Spitzenklasse", freute sich der Universitätspräsident, der sich lange darüber geärgert hatte, dass seine Hochschule nicht den Ruf genoss, den sie in seinen Augen verdiente.

Amtlich Spitzenklasse, das klingt außerhalb der Wissenschaftsszene für viele so, als ob die prämierten Hochschulen hochoffiziell rundum empfehlenswert seien. Exzellente Unis eben, an denen man tunlichst studieren sollte. Doch stimmt das? Sollten Studienbewerber sich anstrengen, an eine Exzellenzuniversität zu kommen?

"Die Wirkkraft des Begriffs suggeriert, dass eine Uni komplett exzellent ist"

Dieter Imboden ist emeritierter Professor für Umweltphysik aus Zürich. Zwischen 2014 und 2016 hat er im Auftrag der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern federführend das Vorläuferprogramm "Exzellenzinitiative" geprüft. Seine Kommission aus Wissenschaftlern besuchte zahlreiche Unis, prämierte, nicht prämierte und solche, die es gar nicht versucht hatten. Imboden sagt: "Die Wirkkraft des Begriffs Exzellenzuniversität suggeriert, dass eine Uni komplett exzellent ist. Aber das trifft vielleicht nur auf einzelne Fachgebiete oder Projekte zu." Diese Projekte, sogenannte Cluster, in denen viele Wissenschaftler im Verbund international wettbewerbsfähige Forschungsfelder wie den Klimawandel beackern, sind nämlich eine Vorbedingung für den begehrten Titel.

Nur Universitäten, die im Herbst 2018 die Kommission der "Exzellenzstrategie" von mindestens zwei Clustern überzeugen konnten, durften sich überhaupt für den Titel bewerben. Jährlich 385 Millionen Euro pumpt der großteils vom Bund bezahlte Wettbewerb in diese Forschungsprojekte. Viel Geld, aber im Gesamtbudget einer großen Uni macht die jeweilige Förderung allenfalls zwei Prozent aus. Der Großteil der Forschungstätigkeit findet außerhalb der geförderten Cluster statt. Sie bringen der Uni zwar viel Renommee, sagen über die übrige Forschung aber wenig aus - und noch weniger über die Qualität der Lehre.

Neue Elite-Standorte

Diese Unis sind jetzt exzellent

Imboden warnt zwar davor, den primär auf Forschung und nicht auf Lehre zielenden Wettbewerb als generelle Studienempfehlung misszuverstehen, hält diese Gefahr aber gleichzeitig für gering. Seine Kommission sprach damals auch mit vielen Studierenden und stellte fest: Nicht einmal diejenigen, die tatsächlich an einer Exzellenzuni studierten, waren dort wegen des Titels. Inzwischen sei das Eliteprogramm etwas bekannter, für Studienanfänger bei der Uniwahl aber nach wie vor kaum relevant, sagt Imboden. Vermutlich liegt er damit richtig: Viele kaufen sich zwar einen Studienführer und besuchen Bewertungsangebote im Internet, doch Studien zeigen, dass bei der Entscheidung für eine Hochschule die Entfernung zum Heimatort und ein passendes Studienangebot eine weit größere Rolle spielen als der Ruf der Uni oder ihr Platz in Rankings.

Trotzdem üben Studierende Kritik an dem Programm. Es sei Zeit, diesen "sinnlosen Wettbewerb" zu beenden, schrieben die Studierendenvertreter von zehn Unis vergangene Woche in einer Erklärung. Von einem Zweiklassensystem ist die Rede, statt wenige Unis mit Projektgeldern zu belohnen, die Studierenden nichts nützten, solle man lieber alle ausreichend grundfinanzieren. Unter der chronischen Finanznot leide vor allem die Lehre, zudem sei die in der Exzellenzstrategie nicht mitberücksichtigt worden. "Ein fataler Fehler", rügen die Autoren, darunter Vertreter aus Hamburg.

Das will der dortige Universitätspräsident Lenzen so nicht stehenlassen. "Sicher, wir reden bei der Exzellenzstrategie über Forschung, dafür ist sie ja da. Dazu zählt aber auch die Dimension forschungsorientierter Lehre. Etwa, indem man in Exzellenzbereichen eine Überholspur für sehr qualifizierte Studierende einrichtet, die gleich nach dem Bachelor promovieren." Die Auffassung, durch finanzstarke Instrumente wie die Exzellenzstrategie werde die Lehre benachteiligt, hält er für falsch. Lenzen sagt: "Weil es keine Forschung gibt, die sich nicht in der Lehre auswirkt. Wer nicht forscht, kann in der Lehre nur reproduzieren, was er irgendwo gelesen hat."

Karim Kuropka, Vorsitzender im Hamburger Asta, also dem Studierendenausschuss, kontert: "Wenn Herr Lenzen sagt, dass nur forschende Lehre gute Lehre sein kann, unterschätzt er, dass die Studierenden zunächst die Grundlagen und Methoden lernen müssen." Nur auf dieser Basis könne ja überhaupt Forschung betrieben werden. "Man kann also das Ganze auch umdrehen und sagen: Nur exzellente Lehre sorgt am Ende für exzellente Forschung."

Der Präsident der Hamburger Exzellenzuni hat einen Tipp für die Wahl des Studienorts

Aber auch Kuropka erkennt an, dass Unis, die sich exzellent nennen wollen, nicht nur Cluster haben, sondern auch Projekte für die gesamte Hochschule anschieben müssen. Und dabei wird die Lehre in gewissem Maße bedacht. 24 Vorhaben haben die Hamburger beantragt, um nach gleich vier bewilligten Forschungsclustern auch noch den krönenden Exzellenztitel zu ergattern. Mit bis zu 15 Millionen Euro pro Jahr und Uni ist das Krönchen dotiert. Damit will Hamburg unter anderem elf Professuren einrichten, etwa zwei für einen neuen Liberal-Arts-Studiengang nach US-Vorbild. Diese Professoren, sagt Lenzen, müssten immer auch in der Lehre tätig sein.

Inka Spang-Grau leitet die Stabsstelle beim Wissenschaftsrat, der für die Förderlinie Exzellenzuniversitäten verantwortlich ist. Was sagt sie zu der Frage, ob dies besonders gute Studienorte sind? Das Vorläuferprogramm habe den Studierenden tatsächlich kaum genutzt, sagt sie, aber das sei jetzt anders. Im Fokus stehe zwar die Forschung, aber wer international in der Top-Liga mitspielen wolle, müsse in allen Aufgabenfeldern einer Uni herausragen. Auch in der Lehre.

Spang-Grau lobt die vielen "kreativen Ansätze" der Unis, etwa in der interdisziplinären oder digitalen Lehre. Sie sagt aber auch: "Ein Bewerber sollte sich eher an Studienangeboten orientieren als an Exzellenztiteln." Damit liegt sie auf der Linie Lenzens: "Zuerst überlegen, was ist meine fachliche Leidenschaft. Dann an die Uni gehen, wo dieses Fach Spitze ist", rät der Universitätspräsident. "Das muss keine Exzellenzuni sein." Eine kleine Hochschule, wo vielleicht nur dieses eine Fach top ist, wäre in dem Fall ebenso gut.

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