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Exzellenzwettbewerb:Schwarmintelligenz

Universität - Abschluss

Auch die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn vermeldet einen großen "Etappensieg" im Exzellenzwettbewerb.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

57 Forschungskonzepte verbündeter Wissenschaftler erhalten viele Fördermillionen. Nun kommt der Run auf den Titel "Exzellenzuniversität".

Kurz vor dem Start wird es noch mal richtig spannend. Ab "circa" 16 Uhr will Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) die Gewinner im Elite-Wettbewerb verkünden: via Livestream vom Wissenschaftszentrum Bonn aus direkt in die Rektorate und Forschungslabore. Dann ist es 16 Uhr, doch der Youtube-Kanal bleibt grau. Nicht weil die Technik streikt, sondern weil die Entscheidungsfindung in einen heftigen Politikerstreit mündet. Als das überraschende Ergebnis dann endlich gelistet ist, leuchtet der Bildschirm auf: viertel nach vier. Beinah auf den Tag genau zwei Jahre haben Deutschlands Universitäten auf diesen Moment gewartet.

Zwei Jahre, so lang ist es her, dass Bund und Länder sich auf eine Neuauflage der fast schon legendären Exzellenzinitiative geeinigt haben. Der neue Wettbewerb heißt nun Exzellenzstrategie, kurz: ExStra. Er soll die universitäre Spitzenforschung noch kompromissloser nach dem Bestenprinzip sortieren - und die Besten sollen richtig viel zusätzliches Geld erhalten. 385 Millionen Euro hat die Politik allein für die sogenannten Exzellenzcluster eingeplant. Die Cluster sind Forschungsverbünde aus zumeist Dutzenden von Forschern unterschiedlicher Disziplinen. Sie müssen nicht nur herausragende Wissenschaftler sein, sondern auch ein Forschungsprojekt vorschlagen, das wirklich ungewöhnliche Fragen stellt, unbekannte Wissensbereiche erschließt und möglichst auch noch neue Forschungsmethoden einsetzt.

Wie im Halbfinale der Champions League: Wer kriegt die Trophäe?

Drei bis zehn Millionen Euro pro Cluster hat die Politik versprochen, jedes Jahr, sieben Jahre lang. Die Verlockung aus Geld und Prestige ist gewaltig für die oft chronisch unterfinanzierten Universitäten. 63 von ihnen reichten 195 "Antragskizzen" ein. Ein Gremium aus 39 Wissenschaftlern, darunter viele aus dem Ausland, sortierte im September 2017 mehr als 100 Skizzen aus. 88 blieben übrig, für diese durften die Forschergruppen einen Vollantrag stellen, also ausführlich darlegen, was sie mit den Millionen anfangen wollen. Die Anträge wurden von Gutachern akribisch geprüft, es gab Präsentationen und Fragestunden. Dann stand die Entscheidung an.

Eine "Art Oscar-Verleihung für die Scientific Community" nennt die Zeit die Bekanntgabe. Der Vergleich mit dem Halbfinale der Champions League passt eigentlich besser: Nicht nur wegen der Public Viewings, die von Berlin über München bis Saarbrücken stattfinden, gern inklusive Bier. Sondern vor allem, weil sich am Donnerstagnachmittag mitentscheidet, wer ins Endspiel um die Trophäe "Exzellenzuniversität" kommt. Bis zu elf solcher Exzellenzuniversitäten sollen im nächsten Jahr gekürt werden, sie erhalten weitere 148 Millionen Euro pro Jahr. Wer sich um den Titel bewerben will, muss mindestens zwei Exzellenzcluster gewonnen haben.

In den Wochen vor dem ersehnten Donnerstag verhalten sich viele Forscher auffällig passiv. Sie meiden Interviews, auch Hochschulrektoren drücken sich vor Journalistenfragen. Kaum einer will mit einem falschen Wort seine Erfolgschancen riskieren. Einigen Mitarbeitern in Univerwaltungen kommt es sogar so vor, als brauche man die Rektoren auf gar kein Thema mehr anzusprechen, weil sie für nichts mehr einen Kopf hätten. Verständlich, immerhin hängen die Zukunftspläne Dutzender Hochschulen von diesem Tag ab: 88 Clusteranträge sind noch im Rennen, sie stammen von 41 Universitäten.

Als der Livestream endlich beginnt, löst sich die Anspannung schubweise. In den sozialen Netzwerken bricht bei den Gewinnern der Jubel aus. Der Bonner Rektor Michael Hoch lässt sich in Siegerpose fotografieren - seine Universität bekommt sechs Cluster bewilligt, so viele wie keine zweite. Die mit vier Clustern ebenfalls unerwartet starke Universität Hamburg twittert: "Wir freuen uns riesig". Weil das dann doch ein wenig mau ist, schiebt sie eine Stunde später nach: "Wir sind unfassbar glücklich". Sätze wie dieser kennzeichnen den unglaublichen Hype, den der Exzellenzwettbewerb in der sonst eher nüchternen Wissenschaftsszene entfacht hat. Ein Hype, der vielen nicht mehr geheuer ist.

Derweil sitzt Forschungsministerin Anja Karliczek neben ihrer Kollegin aus Bremen, die für alle Landeswissenschaftsminister nach Bonn gekommen ist, und gratuliert den Gewinnern. Findet tröstende Worte für die Verlierer. Und lässt nicht erahnen, was sich wenige Stunden zuvor bei der Cluster-Auslese abgespielt hat.

CDU- und SPD-regierte Länder feilschen um die Pfründe

Das Auswahlgremium hat am Mittwoch ein Ranking vorgelegt, in dem es alle 88 Anträge nach ihrer wissenschaftlichen Qualität sortiert. 46 mal grün, das heißt: geschafft! Zwölf mal gelb: nicht übel, mal sehen. Und 30 mal rot: Hm, eher nicht. Das passt gut, denn laut den von Bund und Ländern vor zweieinhalb Jahren vereinbarten Verfahrensregeln sollen 45 bis 50 Konzepte prämiert werden. Doch die Regeln sehen noch etwas anderes vor: dass die Politik zusammen mit den Wissenschaftlern die letzte Entscheidung fällt.

Das Gefeilsche beginnt. Vor allem CDU-regierte Länder drängen, möglichst viele Cluster noch in die Förderung aufzunehmen, sonst sei die Auswahl zu einseitig. Die SPD-Seite argumentiert dagegen. Am Ende geben die von Karliczek abgegebenen Stimmen des Bundes den Ausschlag: Elf von zwölf Gelb-Clustern schaffen es in die Förderung. Der Preis für die Großzügigkeit: Alle 57 Gewinner-Konzepte verlieren mehr als ein Viertel der vorgesehenen Zuwendung. Erleichterung auf der einen, Empörung auf der anderen Seite. Ein Schlag gegen die Wissenschaft, schimpfen einige SPD-Minister nach der Auswahlsitzung. Bremens SPD-Senatorin Eva Quante-Brandt formuliert es diplomatisch: "Die Spitze in Deutschland liegt in der Breite."

17 Einzeluniversitäten sind nun im Endspiel um den Exzellenztitel, dazu zwei Univerbünde aus Hannover und Berlin. Die Berliner Unis gehören mit sieben Clustern zu den großen Gewinnern. Vergleichsweise mäßig schneidet München ab (vier gemeinsame Cluster). Top-Unis wie Heidelberg sind erstaunlich schwach. Die frühere Elite-Uni Göttingen bekommt nur ein Cluster durch und ist raus. Ein tiefrotes Signal setzt "ExStra" gen Osten. Lässt man die Wissenschaftszentren Berlin und Dresden (drei Cluster) außen vor, kommen die neuen Bundesländer auf einen einzigen erfolgreichen Antrag.