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Studium:Die Abkehr vom alten Lehrformat funktioniert

Hat Oesterle etwas Neues erfahren? "Ja, ich dachte, mir fehlt nur ein Arbeitsblatt." Sie findet es gut, dass Yuki in wenigen Sekunden Zwischenbilanz ziehen kann. "Dafür bräuchte Herr Handke sicher länger." Doch dem Roboter sind auch enge Grenzen gesteckt. Die einzelnen Lerneinheiten des Kurses sind ihm zum Beispiel fremd.

"Wir wollen das so ausbauen, dass er zu jeder Einheit Informationen geben kann, auch inhaltliche", sagt Katharina Weber. Die 29-jährige wissenschaftliche Mitarbeiterin in Handkes Team evaluiert das Sprechstunden-Experiment. Sie erklärt, dass Yukis Bandbreite davon abhängt, wie viele Daten er nutzen kann - wie stark also der Lehr- und Lernbetrieb digitalisiert ist. Und natürlich davon, wie viel Entwicklerarbeit das Team investiert, damit er aus Daten brauchbare Schlüsse ziehen kann. Die Sorge, die Forschung könne so weit gedeihen, dass Roboter eines Tages Lehrer und Professoren ersetzen, teilt sie nicht. Einmal, weil die Robotertechnik von solchen Fähigkeiten sehr weit entfernt sei. Zum anderen, weil keiner der Beteiligten das anstrebe. "Die Studenten zum Beispiel finden den Roboter zwar gut als zusätzliche Option, wollen aber auf keinen Fall, dass er ihnen Zeit mit dem Dozenten wegnimmt."

Das will auch Handke nicht. Seine Vision ist, dass sich Roboter eines Tages im Hochschulalltag all der lästigen Fragen annehmen, deren Antworten in Datenbanken abrufbar sind. Und dass Lehrende dadurch Zeit für Wichtigeres gewinnen, die intensive individuelle Betreuung ihrer Studenten etwa. Bis eine solche Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine tatsächlich gelingt, ist aber noch viel Forschung nötig. Ein Wissenschaftlerleben allein reicht nicht, deshalb hofft Handke, dass nach seiner Emeritierung jemand weiterführt, was er begonnen hat. Der erwünschte Nachfolger bekäme es nicht nur mit Pepper und Yuki zu tun, sondern auch mit Handkes ausdifferenziertem digitalen Lehrkonzept, das hinter allem steht.

Anglist Jürgen Handke mit Roboter Miki.

(Foto: oh)

Seit der Anglist in den späten 80ern seinen Computer in die Uni schleppte, um seinen Studenten selbstprogrammierte dynamische Grammatikmodelle zu zeigen, hat ihn die Digitalisierung nicht mehr losgelassen. 1996 brannte er die ersten Materialien auf CD-ROM, 20 Jahre später hatte er sein komplettes Fach digitalisiert: Videos, Texte, Töne, Indexe, Grafiken, Bilder. Die Frontallehre des Professors, der sein Auditorium mit Vorlesungen beschallt, hatte er da längst aufgegeben. Seine Studenten lernen den Stoff im Selbststudium, besuchen Handkes Youtube-Kanal und nutzen seine international renommierte linguistische Lernplattform. Dort können sie über sieben Levels bis zum "Virtuosen" aufsteigen.

90 Minuten pro Woche sitzt dann jeder Kurs mit dem Professor und ein, zwei Tutoren zusammen, um das Gelernte in Übungen zu vertiefen und anzuwenden. "Kompetenztraining" nennt Handke das, auch die Abschlussklausur frage nur Kompetenzen ab, kein Wissen mehr, das dürfen die Prüflinge im Internet nachschlagen. Wie schnell die Studenten den Kurs absolvieren, entscheiden sie selbst. In "History of English" schreiben 16 der 66 Teilnehmer ihre Klausur schon im Dezember, die anderen lernen lieber bis Januar oder Februar.

Die Abkehr vom alten Lehrformat habe sich bewährt, so Handke. Das Niveau seiner Kurse sei gestiegen, das Bulimielernen für Prüfungen abgeschafft, die Erfolgsquote betrage 75 bis 80 Prozent. Und das, obwohl seine Prüfungen so anspruchsvoll seien, dass Studenten anderer Hochschulen "nicht die leiseste Chance" hätten, er habe es ausprobiert, sagt Handke. So ganz versteht er nicht, dass er mit seinen digitalen Innovationen auf weiter Flur allein ist: "Es hat sich noch niemand getraut in Deutschland, muss man wohl ehrlich sagen."

Damit ist vor allem der Einsatz von Robotern wie Pepper gemeint. Der hilft den Studenten gerade in "History of English" bei der Prüfungsvorbereitung, indem er ihnen Aufgaben aus dem Pool mit 5000 Prüfungsfragen stellt: "Task number 1", kräht Pepper. "You have two minutes!"

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