Schule:"Sinn ist ein Miteinander von hiesiger und deutscher Kultur im Unterricht"

Das İstanbul Lisesi wird zwar vom Auswärtigen Amt als Deutsche Auslandsschule anerkannt, ist aber eigentlich ein staatliches türkisches Gymnasium. Es unterhält jedoch eine deutsche Abteilung, an die Deutschland seit Jahrzehnten Lehrkräfte entsendet. Sie untersteht faktisch der türkischen Schulleitung. Diese wird direkt vom Bildungsministerium in Ankara ernannt und ist dessen höchster Vertreter an der Schule.

Die Schule wird nur von türkischen Schülern besucht, die dort aber auch das deutsche Abitur machen können. Dürfen dort Unterrichtsthemen, egal ob nun Weihnachten oder andere Inhalte, auf Weisung der türkischen Schulleitung ausgespart werden? "Die Deutschen Auslandschulen betreiben einen Kulturaustausch und stehen für Offenheit in dem jeweiligen Land. Sinn ist ein Miteinander von hiesiger und deutscher Kultur im Unterricht und in der Wissensvermittlung", sagt Detlef Ernst, Vorstandsvorsitzender des WDA. "Deswegen ist die politische und finanzielle Unterstützung gerade auch in schwierigen Situationen durch die Bundesregierung heute wichtiger denn je."

Der erste Teil dürfte übersetzt in etwa lauten: Verbote von Unterrichtsinhalten, weil diese dem Gastland aus politischen oder religiösen Gründen nicht passen, sind nicht nur nicht erwünscht. In diesem speziellen Fall vertragen sie sich auch nicht mit dem Kulturabkommen zwischen Deutschland und der Türkei. Dessen Sinn ist es unter anderem, "das Verständnis für die Einrichtungen und das soziale Leben des anderen Landes im eigenen Lande zu fördern".

Weihnachten in Teheran

Ähnliche Debatten um ein religiöses Fest, wie sie gerade in der Türkei stattfinden, scheint es in anderen Deutschen Auslandsschulen nicht zu geben. Sowohl in Saudi-Arabien als auch in Iran wird Weihnachten gefeiert, erklären die Schulen auf Anfrage. Einflussnahmen aus ihrem Gastland fürchten sie dabei nicht. "Wir machen uns keine Sorgen", sagt Ali Toutianoush, stellvertretender Leiter der Deutschen Botschaftsschule in Teheran. Einmischung in den Unterricht kennt er nicht. Wie jedes Jahr hat die Schule eine Weihnachtsfeier im großen Hof organisiert. Jede Klasse musste etwas vorbereiten, ein Nikolaus trat auf, auch Weihnachtslieder wurden gesungen. Zum Vorfall am İstanbul Lisesi könne er nichts sagen, erklärt der Vizedirektor. Nur so viel: Die Fortbildungen in Istanbul für die Lehrkräfte seiner Schule seien in diesem Jahr alle längst aufgrund von generellen Sicherheitsbedenken abgesagt worden.

Und das İstanbul Lisesi, an dem Weihnachten nun wohl doch Unterrichtsthema sein darf? Dort wünscht der Leiter der deutschen Abteilung auf der schuleigenen Webseite ein frohes Weihnachtsfest. Dazu ein Bild vom verschneiten Schuldach, im Hintergrund ist die Hagia Sophia zu sehen. Die war einst Kirche, später Moschee und ist nun ein Museum.

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