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Schule:IT-Lobbyisten in den Klassenzimmern

Tablets in Schulen

Sind Tablets und andere digitale Hilfsmittel im Unterricht Fluch oder Segen?

(Foto: dpa)

Überall wird nach mehr Digitalisierung der Schulen gerufen. Das freut die Unternehmen, für die Schüler ist es nicht immer eine gute Nachricht.

Gastbeitrag von Gerald Lembke

Viele können es nicht mehr hören: Der Ruf nach der digitalen Bildung in den Schulen ist mittlerweile Kernthema in politischen Wahlkämpfen sowie auf den einschlägigen Lobby-Messen für die Aus- und Weiterbildung.

Die Personengruppen, die am meisten vom Digitalmantra genervt sind, sind die Lehrer und die Schüler selber. Denn auf deren Rücken tanzen Politiker und IT-Lobbyisten einen seltsamen Tanz, allen voran Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und Wirtschafts- und Parteiorganisationen in den Ländern. Der Tanz heißt: "Aufrüstung und digitale Mobilmachung von Kitas und Schulen". Das Leben von Lehrern und Schülern soll mit digitalen Medien und Medientechnik vereinfacht, ja sogar verbessert werden.

Die Idee darf man haben, und wenn sie anschließend wissenschaftlichen Prüfungen und Risikofolgeabschätzungen standhält, sollte sie ernsthaft analysiert werden. Doch hält diese Idee weder wissenschaftlichen Prüfungen stand noch wird über die Risiken und Nebenwirkungen gesprochen. Summa summarum belegen nationale und internationale Studien hinreichend, dass der Einsatz von digitalen Medien in Kitas und Schulen pädagogisch und für die Persönlichkeitsentwicklung wenig bis keine Vorteile bringt.

Das belegen die nicht gerade als digitalfeindlich bekannte OECD in ihrer aktuellen Pisa-Studie oder jüngst das Gutachten "Bildung 2030" des Aktionsrats Bildung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Je jünger das Kind in der Phase zwischen vier und zwölf Jahren, desto weniger bringt der Einsatz digitaler Lehrmittel. Für Kinder unter acht Jahren sollte aufgrund der fehlenden neurologischen und kognitiven Entwicklung auf digitale Medien ganz verzichtet werden. Erst ab dem Alter von zwölf Jahren können sinnvoll in den Unterricht integrierte digitale Medien lernförderlich sein.

So beeinflussen Lobbyisten die Schulen

Der Schauplatz der Auseinandersetzung ist grundsätzlich nicht neu. Neu ist aber die Intensität und das System, mit denen Verbände und Lobbyisten Entscheidungen über den Digitaleinsatz in Kitas und Schulen beeinflussen. Deren Weg in die Schulen ist professionell organisiert. Wie Lobbyisten vorgehen, beschreibt ein öffentlich zugängliches Diskussionspapier von Lobbycontrol. Die Autoren des Papiers stellen fest: "Je geschickter die Verpackung [der Lobbyisten] desto schwerer sind [deren] Manipulationen erkennbar. Um diese Fälle zu entdecken, ist viel Zeit nötig, die im Arbeitsalltag von LehrerInnen häufig fehlt." Und weiter: "Zu lange hat die Politik das Problem der zunehmenden Einflussnahme an Schulen ignoriert. Dabei ist die Aufsicht des Staates über das Schulwesen im Grundgesetz verankert."

Lobbyismus macht seit Langem nicht mehr Halt vor dem Klassenzimmer. Den Interessenvertretern geht es aber nur oberflächlich um Lernförderung. Unter der Oberfläche wirken mächtige ökonomische Interessen in Form von Absatzpotenzialen von Hard- und Software und Kundengewinnungsmaßnahmen (Kleinkinder ab 1. Klasse) sowie Kundenbindungsmaßnahmen (ältere Schüler).

Schulen werden instrumentalisiert

Das Problem: Lehrinhalte und pädagogische Hilfsmittel wie digitale Endgeräte werden an den Zielen der Lobbyisten ausgerichtet. In den USA hat Google zum Beispiel mit günstigen Laptops und Apps bereits den Schulmarkt erobert. Es ist seit dem Fünf-Milliarden-Angebotspaket von Bildungsministerin Wanka für Schulen zu beobachten, dass lobbyistische Aktivitäten auch in Deutschland deutlich zunehmen. Dies beginnt bei systematischer Produktplatzierung und geht bis zur direkten Einflussnahme über Unterrichtsmaterialen.

Nun wäre es Aufgabe des Staates, Wirtschaftsinteressen zu überwachen und die Schulen vor Einflussnahme zu schützen. Die Politik gibt ihren gesetzlichen Auftrag jedoch erosionsartig auf. Es wird vergessen, dass in den Klassenzimmern kindliche Versuchsobjekte sitzen, ungeschützt, naiv und neugierig auf das, was ihnen manch digital betäubte Lehrerinnen und Lehrer erzählen. Sie tun Schülerinnen und Schülern nichts Gutes, wenn sie sie so früh wie möglich mit digitalen Medien konfrontieren. Ganz im Gegenteil.

Der pädagogische Gestaltungswille entwickelt sich gar bei so manchem zu einem Gestaltungszwang, dessen Bezüge nicht in der Wissenschaft liegen. Auch hier ist das Fünf-Milliarden-Wanka-Paket heranzuziehen. Deutschland soll digital transformiert werden, doch die Ziele und Effekte des Einsatzes von digitalen Medien und Hardware in der Bildung werden kaum benannt.

Und ganz nebenbei herrscht auf Politikseite Freude darüber, dass bei leeren Bildungskassen mächtige Wirtschaftsunternehmen wie Google, Apple und Samsung Geräte, Software, Bildungsmedien, etc. sponsern. Neben der Hard- und Software werden Unterrichtsmaterialien erstellt, Schulwettbewerbe veranstaltet und Lehrer fortgebildet. Spezialagenturen bieten Werbung im Schulumfeld als Dienstleistung an.

Nicht derjenige, der noch mit einem alten Nokia statt einem neuen iPhone telefoniert, ist von vorgestern. Sondern derjenige, der die Augen vor dieser Entwicklung verschließt und damit Kinder zum Spielball von Wirtschaftsinteressen werden lässt. Was kann der digital aufgeklärte Elternteil dagegen tun? Das beantwortete schon der Satz in der Sesamstraßen-Titelmusik: "Wer nicht fragt, bleibt dumm!" Denn Antworten auf die Frage nach dem Sinn des digitalen Einsatzes im Hinblick auf Lerneffekte bleiben Konzerne, Lobbyisten und oft auch Lehrkräfte schuldig.

Der Autor ist Verfasser der Bücher "Die Lüge der digitalen Bildung" und "Im digitalen Hamsterrad" und Professor für Betriebswirtschaftslehre und Medienmanagement sowie für Digitale Medien und angewandtes Medienmanagement. In seinem Blog schreibt er regelmäßig über digitale Bildung.

© SZ.de/mkoh/sks
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