bedeckt München 15°
vgwortpixel

Schule:Der Lehrerberuf ist nicht nur Beruf, sondern auch Berufung

Zweitens: Weg von Moden, hin zu Evidenz. Kaum ein gesellschaftliches Feld unterliegt so vielen Moden und Mythen wie die Schule. Waren es gestern architektonische Spielereien, sind es heute digitale Medien, mit denen Bildungsrevolutionen versprochen werden. Meistens müssen wir aber erkennen, dass es diese Revolutionen nicht gibt. Empirische Studien zeigen, dass gewisse Grundprinzipien des Lernens und Lehrens überdauern: Lernen braucht eine positive Lehrer-Schüler-Beziehung, eine Kultur des Fehlers, herausfordernde Ziele, die nicht zu leicht, aber auch nicht zu schwer sind, Phasen der Übung und Vertiefung sowie Einsatz und Anstrengung bei allen Bildungswegen. Diese verlaufen nicht immer geradlinig, sondern immer wieder über Um- und Irrwege.

Drittens: Weg vom Wissensvermittler oder Lerncoach, hin zum Bildungsagenten. Immer wieder tauchen pädagogische Kampfbegriffe auf, mit denen versucht wird, das Alte über Bord zu werfen und das Neue anzupreisen. So wichtig diese Diskussionen sind, in ihrer Ausschließlichkeit verkennen sie den Kern des Pädagogischen: Lehrer sind Bildungsagenten. Ihre Aufgabe ist es nicht, bloßes Wissen zu vermitteln oder nur Begleiter für Lernprozesse zu sein. Vielmehr geht es um Bildung und damit um den Menschen mit seinen Möglichkeiten und Grenzen. Dieses Bewusstsein zu wecken, ist zentrale Aufgabe einer zukünftigen Lehrerbildung. Dafür reicht es nicht aus, Lehrern Fachkompetenz zu vermitteln. So wichtig diese ist, es braucht ebenso viel pädagogische und didaktische Kompetenz. Alle drei Kompetenzen benötigen als Basis eine professionelle Haltung, die sich als roter Faden durch die Phasen der Lehrerbildung ziehen sollte.

Klaus Zierer

Klaus Zierer, 42, ist Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.

(Foto: Uni Augsburg/OH)

Der Lehrerberuf ist nicht nur Beruf, sondern auch Berufung, bei der es um normative Fragen, Werte, ethische Entscheidungen geht. Die damit verbundenen Gründe offenzulegen und mit Erkenntnissen aus der Forschung immer wieder zu reflektieren, ist Gegenstand einer Lehrerbildung, die Schlüsselprobleme nicht nur als etwas Gegebenes sieht, sondern auch als Herausforderung wahrnimmt. Nachhaltigkeit ist hierfür erneut ein überzeugendes Beispiel. Sie erfordert nicht nur Wissen und Können, sondern auch Herz und Charakter - nicht nur von den Lernenden, sondern auch und vor allem von den Lehrenden. Diese stehen für etwas, haben eine Haltung, die vorbildgebend ist und auch sein muss.

Angesichts der dargestellten Überlegungen werden mehr denn je Lehrerinnen und Lehrer gebraucht, die hinter ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag stehen. Mehr denn je bedarf es des Nachdenkens über Bildung und Erziehung, über Pädagogik und Didaktik, um dem Tempo der Welt nicht zu erliegen, sondern die damit verbundenen Herausforderungen meistern zu können. Mehr denn je bedarf es einer Fokussierung auf die Menschen, anstelle immerzu wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund von Bildung zu stellen. Folglich sind Umdenken und Neuausrichtung in der Lehrerbildung notwendig.

Dies gilt nicht zuletzt für die zahlreichen Crashkurse, die in den nächsten Wochen und Monaten stattfinden werden, um Quereinsteiger auf den Lehrerberuf vorzubereiten. Wenn hier die Weichen falsch gestellt werden, leiden nicht nur die Quereinsteiger darunter, sondern auch und vor allem die Kinder und Jugendlichen. Der derzeitige Lehrermangel könnte folglich helfen, Lehrerbildung neu zu denken: mehr Mut zu Professionalisierung und Haltung.

Schule Konkurrenz verdirbt das Geschäft

Lehrermangel

Konkurrenz verdirbt das Geschäft

Im Kampf gegen den Lehrermangel überbieten sich die Länder mit höheren Gehältern und Verbeamtungen. Doch der Wettlauf löst das Problem nicht, er verschärft es.   Von Jan-Martin Wiarda