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Schule:"Deswegen müssen die Länder das jetzt ausbaden"

Lehrermangel in Deutschland

CDU-Politiker Volker Kauder fürchtet, Deutschland könnte "langsam in einen Bildungsnotstand hineinzulaufen".

(Foto: dpa)
  • Unionspolitiker Volker Kauder hat in einem Interview vor einem "Bildungsnotstand" in Deutschland gewarnt.
  • Zu Beginn des neues Schuljahres ist insbesondere der Lehrermangel in vielen Bundesländern ein großes Problem.
  • Mancherorts sind fast die Hälfte der neu eingestellten Lehrkräfte Quer- oder Seiteneinsteiger.

Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, hat vor dramatischen Konsequenzen aus dem Lehrermangel gewarnt. "Der Beginn des Schuljahres in vielen Bundesländern hat gezeigt, dass unser Land in Gefahr ist, langsam in einen Bildungsnotstand hineinzulaufen", sagte der Politiker der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin. Kauder kritisierte insbesondere die Angewohnheit mancher Bundesländer, Lehrer über die Sommerferien in die Arbeitslosigkeit zu schicken. Dies geschieht vor allem in Baden-Württemberg: Mehr als ein Drittel der im Sommer 2017 bundesweit 4900 betroffenen Lehrer kam dorther. Wer sich so verhalte, dürfe sich nicht wundern, wenn die Lehrer im September dann nicht mehr bereitstünden, sagte Kauder.

Zwar ist die Sommerferien-Arbeitslosigkeit unter Lehrern seit Langem umstritten. Für den Mangel im Schulbetrieb ist diese Personalpolitik jedoch kaum verantwortlich zu machen; die meisten dieser Lehrer werden zu Schuljahresbeginn wieder eingestellt. Schwerer wiegt die generelle Not, die Schulen bundesweit oft vor unlösbare Probleme stellt. Der Deutsche Lehrerverband hatte zuletzt geschätzt, dass bundesweit 10 000 Lehrerstellen nicht und weitere 30 000 nur notdürftig - mit Quereinsteigern, Pensionären und Studenten - besetzt sind. Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger bezifferte den Finanzbedarf für zusätzliche Lehrer im nächsten Jahrzehnt auf 40 Milliarden Euro. Inklusive weiterer Investitionen, etwa für Gebäude und Erzieher, kommt der Verband auf Zusatzkosten von knapp zwölf Milliarden Euro pro Jahr. "Das ist angesichts des Umfangs der Haushalte von Bund, Ländern und Kommunen eine durchaus darstellbare und machbare Größe", sagte Meidinger.

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Experten machen Bildungspolitiker für die Misere verantwortlich; diese hätten jahrelang in ihren Personalplanungen den wahren Bedarf ignoriert. Der Vorwurf trifft offenbar zu. Selbst der Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter aus Thüringen (Linke), räumte in der vergangenen Woche ein: Es sei "keine vorausschauende Politik" gemacht worden, "deswegen müssen die Länder das jetzt ausbaden".

Unter deren Versäumnissen haben neben den Förder- und Berufsschulen hauptsächlich die Grundschulen zu leiden. Allein in Nordrhein-Westfalen sind nach Angaben des Schulministeriums von den in diesem Sommer 9600 ausgeschriebenen Stellen fast 3700 noch nicht besetzt; am Mittwoch beginnt dort wieder der Unterricht. In den nächsten zehn Jahren werde sich der Mangel an allen Schulen außer Gymnasien auf 15 000 Lehrer summieren. Dagegen rechnet die Behörde damit, dass es an Gymnasien 16 000 Bewerber zu viel geben wird. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge wird sich die Situation an den Grundschulen auch bundesweit zuspitzen. Bis 2025 würden dort mindestens 35 000 regulär ausgebildete Lehrer fehlen.

Angesichts der Entwicklung laufe von Schleswig-Holstein bis Bayern ein absurder Wettbewerb, sagt der Thüringer Minister Holter. Tatsächlich versuchen sich die Länder wechselseitig die Pädagogen abzujagen, ob mit Gehaltserhöhungen für voll ausgebildete Grundschullehrer, oder indem sie Lehrer nun doch wieder zu Beamten ernennen. Mehr Lehrer schafft man so aber nicht. Helfen sollen andere kurzfristige Schritte, etliche Länder versuchen etwa, Pensionäre durch finanzielle Anreize wieder stundenweise zu gewinnen. Die Gymnasiallehrer sind ebenfalls begehrt. In Nordrhein-Westfalen hat Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) nach eigenen Angaben 5000 Oberstufen-Lehrer schriftlich gebeten, sich auf Stellen an Grundschulen zu bewerben - nach vier Jahren dürften sie dann wieder zurück ans Gymnasium.

Quereinsteiger könnten "Dauerlösung" sein

Vor allem Seiten- und Quereinsteiger stehen hoch im Kurs. "Seiteneinsteiger" haben in der Regel weder Lehramt studiert noch ein Referendariat durchlaufen. "Quereinsteiger" wiederum können kein Lehramtsstudium vorweisen, müssen aber ein Referendariat absolvieren. In Berlin stellen solche Lehrer bereits heute fast 40 Prozent bei Neueinstellungen, in Sachsen sind es noch mehr. Nordrhein-Westfalen hat gerade angekündigt, den Kreis für Seiteneinsteiger zu erweitern. Künftig dürfen sich auch Fachhochschulabsolventen mit Masterabschluss bewerben. Alle 16 Bundesländer halten sich derzeit die Möglichkeit offen, Seiten- oder Quereinsteiger zu beschäftigen - Kräfte, die keine Lehrbefähigung, also kein pädagogisches Studium abgeschlossen haben.

Lehrerverbände sehen das mit Sorge. Da Quereinsteiger wegen der langfristig schlechten Personalprognosen eine "Dauerlösung" seien, müsse man sie gut vorbereiten, sagte am Montag der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann. Er empfahl eine mindestens halbjährige Vorbereitungszeit und warnte vor einer Ausbildung nebenbei, wie in NRW. Es sei nicht sinnvoll, jemanden "heute einzustellen und morgen schon vor eine Klasse zu stellen".

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