Neues Schuljahr Erzieherinnen sollen Lehrermangel lindern

Lehrerinnen aus der DDR waren nach der Wende nicht mehr gefragt. Heute ändert sich das - aus Lehrernot.

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

Nach der Wende durften DDR-Pädagogen teilweise nicht mehr unterrichten. Nun sind sie plötzlich wieder gefragt.

Von Ulrike Nimz

Um zu verstehen, wie dramatisch der Lehrermangel im Bundesland Thüringen inzwischen ist, braucht man sich nur die Zahlen anzuschauen, die das zurückliegende Schuljahr produziert hat: 8,3 Prozent der Unterrichtsstunden an allgemeinbildenden staatlichen Schulen fielen im Frühjahr ersatzlos aus. In 256 Schulklassen fehlten Noten auf den Zeugnissen. 15 davon waren Abschlussklassen. 70 Lehrerstellen bleiben zum Schuljahresbeginn unbesetzt.

Bildungsminister Helmut Holter (Linke), seit einem Jahr im Amt, hat bislang wenig Optimismus verbreiten können. Zwar will die rot-rot-grüne Landesregierung Lehrer wieder auf Lebenszeit verbeamten, doch Schulen auf dem Land, wo es vor allem junge Lehrkräfte seltener hinzieht, wird das kaum helfen. Und so überraschte Holter jüngst mit einer weiteren Ankündigung: Künftig sollen auch ehemalige DDR-Pädagogen helfen, die Personalnot zu lindern.

Nach Angaben des thüringischen Bildungsministeriums betrifft die Entscheidung Erzieherinnen, die zu DDR-Zeiten eine Lehrbefähigung erworben haben. In der Regel durch ein mehrjähriges Studium an den Instituten für Lehrerbildung - Fachschulen, für deren Besuch kein Abitur nötig war. Etwa 1000 Horterzieherinnen hat das Bildungsministerium nun angefragt, ob sie an Grundschulen unterrichten würden.

Annette Schütze, 56, ist eine von ihnen. Schütze war zunächst Pionierleiterin, unterrichtete hauptsächlich Sport und Werken, bevor sie 1989 begann, als Horterzieherin zu arbeiten. Nach der Wende war vielen ihrer Kolleginnen der Weg ins Klassenzimmer versperrt. Manche mussten gehen, weil sie als staatsnah galten oder ihr Abschluss wurde nicht anerkannt.

Annette Schütze entschied sich, gar nicht erst zu versuchen, eine Stelle im Schuldienst zu bekommen. Heute ist sie Hortkoordinatorin, schreibt Dienst- und Vertretungspläne, organisiert den Nachmittag von 300 Kindern. Sie ist sich sicher, dass sie und ihre Kolleginnen auch jetzt noch vor Grundschulklassen bestehen könnten. Nur: Die meisten wollen es gar nicht. Zu tief sitzt die Kränkung. "Man hat uns abserviert", sagt Schütze, "geradezu degradiert. Und auf einmal sollen wir die Kohlen aus dem Feuer holen?"

Gewerkschaft bezweifelt Wirksamkeit der Maßnahme

Laut Bildungsministerium haben sich bisher etwa 150 Erzieherinnen bereit erklärt zu unterrichten. Wie viele davon letztlich eingesetzt werden, sei aber noch unklar. In Sachsen-Anhalt, wo zum neuen Schuljahr 190 Lehrer fehlen, können Erzieher mit Lehrbefähigung bereits seit zwei Jahren an Grundschulen unterrichten. In Brandenburg konnten betroffene Pädagogen sich bereits nach der Wende als "Lehrer unterer Klassen" an Grundschulen anstellen lassen, wenn die Voraussetzungen stimmten. Anders als in Thüringen geplant, arbeiten diese Erzieherinnen seitdem in Vollzeit.

In Thüringen sollen die Horterzieherinnen maximal sechs Unterrichtsstunden pro Woche geben, befristet für die Dauer eines Schuljahres. Laut Bildungsministerium soll die Erziehertätigkeit weiter im Vordergrund stehen. Auch würden die Kolleginnen nicht in den Schwerpunktfächern wie Mathematik eingesetzt, sondern in Musik, Werken oder Schulgarten.

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bezweifelt man die Wirksamkeit der Maßnahme. Vor allem, weil die Erzieherinnen trotz Lernbefähigung weniger verdienen werden als Grundschullehrerinnen, so Sprecher Michael Kummer. Zudem seien Regelungen zu Pausen- und Ferienzeiten noch völlig unklar. "Viele der betroffenen Kolleginnen sind 55 Jahre und älter", sagt Kummer. "Die überwiegende Meinung ist: Das tue ich mir nicht an."

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