Schule Die Mutter drängte ihn und den Bruder zur Flucht

Seine Heimatstadt liegt im Dreieck Syrien - Türkei - Irak, in der Zange von Interessen, Kurden, Rebellen, Assad-Truppen; dazu die Terroristen vom Islamischen Staat, 20 Kilometer standen sie einmal vor der Stadt. "Jeder kämpft gegen jeden", sagt Mahmoud, seine Stadt, in der er als Kind Frieden erlebt hatte und ein Miteinander, war plötzlich völlig anders, gefährlich. Bis zum Balkon des Wohnhauses flogen die Granaten, das Militär kam bis an die Tür: Sie wollten, dass auch er zur Waffe greift: "Ich war Schüler, das war mein Beruf, nicht, andere zu erschießen. Das kann ich nicht."

Die Mutter drängte ihn und den Bruder zur Flucht. "Wenn ihr bleibt, sterbt ihr!" Sechs Monate waren sie unterwegs, Türkei, im Boot nach Griechenland, Warten, Durchschlagen. Schleuser. Mahmoud redet ungern über das halbe Jahr, wird dann noch schweigsamer. Amtlich ist: 2015 wurde er von der Polizei nahe München aufgegriffen, als unerlaubt eingereister UMF registriert. Ein Fall fürs Jugendamt.

Und jetzt? Lernen? Leben? Es ist kein Trauma durch die Flucht, das Mahmoud belastet, es ist die Sorge um Mutter und Schwestern. Und ein schlechtes Gewissen. Familiennachzug für UMF wurde flugs abgeschafft, als die Stimmung in der Flüchtlingsfrage kippte. Mahmoud weiß, wie gut es ihm geht. Und er weiß, dass seine Familie morgen tot sein könnte. Das geht ihm durch den Kopf. Wenn er im Netz Nachrichten über Syrien liest, täglich, wird es nicht besser. So gibt es Tage, da spielt er all das aus, was er gelernt hat an Wortschatz, und grinst; es gibt Tage, da ist er down, antwortet knapp, versunken in der Riesencouch im Aufenthaltsraum, macht sich kleiner, als er ist. Die Tiefs bekommen sie alle mit, Betreuer im Haus, Mitschüler, Lehrer. Und Herr Lehenmeier natürlich.

"Da darf er alles sagen, was er nicht versteht"

Vitus Lehenmeier, ein junger Schulleiter, hat sich eingelassen auf das Experiment mit dem Gymnasialbesuch. Er hat Mahmoud "zur Chefsache gemacht", erklärt er, gibt ihm private Nachhilfe in seinem Büro. "Da darf er alles sagen, was er nicht versteht", sagt Lehenmeier. "Da darf ich alles sagen, was ich nicht verstehe", sagt Mahmoud. Aber: Geschenkt gibt es nichts, Lehenmeier erwähnt das nicht nur beiläufig. "Es darf nicht der Eindruck bei anderen entstehen, das einer bevorzugt wird." Der Direktor sagt: "Es ist auch nicht fix, dass Mahmoud es schafft bis zum Abitur. Wir geben ihm die Chance, er hat es selbst in der Hand. Er muss bei unserem Kompass mitmachen: Wir wollen Leistung bringen." Wobei schon einiges anders ist an Mahmouds Schulbesuch: Der funktioniert zunächst wie bei Austauschschülern etwa aus Frankreich. Mahmoud bekommt Noten nur als Feedback, in den Sommerferien wird er eine Prüfung über den Stoff des Jahres ablegen. Besteht er sie, kommt er in die elfte Klasse. Gibt es Probleme, soll er auch im kommenden Jahr die Zehnte besuchen, dann aber zu denselben Bedingungen wie die anderen Schüler.

Mahmoud ist guter Dinge, dass es klappt, Klasse um Klasse, Abitur, dann Mechatronik studieren. Lehenmeier ist da vorsichtiger, sieht "riesige Fortschritte, wenn man das erste und zweite Halbjahr vergleicht". Sagt aber auch: "Man muss ehrlich sein bei der Externen-Prüfung, man tut ihm keinen Gefallen, wenn man ihn einfach versetzt." Dass es kein Trara um ihn gibt, dass er dasselbe Programm wie alle macht, scheint Mahmoud recht zu sein. Es gibt flexible Hilfen, das Smartphone darf er im Unterricht verwenden. Zum Übersetzen, oft hängt das Verstehen ja an einem einzigen Wort. Manchmal verlässt er seine Klasse für Deutsch-Intensivkurse. Sprache geht natürlich vor, immer.

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Fragezeichen im Kopf

Mahmouds Deutschaufsätze sind eher Zusammenfassungen als Interpretationen, aber sie werden besser. "Es kann frustrierend sein, aber da muss er durch. Aus Angst, sich zu blamieren, ist er zurückhaltend", sagt sein Deutschlehrer. Er rufe ihn allerdings nicht auf, wenn sich Mahmoud wenig meldet. Manchmal aber doch. Deutschstunde, am Vormittag, die Klasse ist aufgewacht. Vielleicht ist es auch das Thema, das nun viele Finger hochschnellen lässt. Liebe in der Lyrik, junger Goethe. Mahmoud soll eine Strophe lesen, durchaus flüssig läuft das, aber man merkt, wo er stolpert: bei Worten, die er nicht kennt, nicht kennen kann. "Lie-bes-tau-tau-tau-taumel." Man sieht ihm die Fragezeichen im Kopf regelrecht an, aber Mahmoud schaut ganz zufrieden. Er kann es auch sein.

Demnächst wird Mahmoud im Unterricht selbst ein Buch vorstellen. Er darf es in arabischer Fassung lesen. Dass auch er ein Lektüre-Referat hält - das ist selbstverständlich für alle hier. Mahmoud hat ausgesucht: "Die wunderbaren Reisen des Marco Polo".