Süddeutsche Zeitung

Schule:Das Mahmoud-Experiment - ein Syrer am katholischen Gymnasium

In seiner Heimat war er ein guter Schüler. Jetzt kämpft er in Oberbayern mit dem Abitur. Mahmouds Alltag zeigt, wie schwierig Integration in der Bildung wirklich ist.

Fast bedrohlich quietschen die Schuhsohlen des Mathelehrers, wenn er an der Tafel auf und ab geht und den Schülern dabei in die Hefte diktiert. In der zehnten Klasse des Gnadenthal-Gymnasiums in Ingolstadt geht es um Nullstellen, um Doppelnullstellen, vier-, sechs- und achtfache Nullstellen. Erste Stunde, acht Uhr. Vor dem Fenster kündigt sich der Tag an, Sonnenstrahlen, unterlegt von Vogelgezwitscher und dem Lärm der Kehrmaschinen.

Drinnen: viel Gähnen, Flaumbartstreicheln, verschlafene Teenager. Keiner schwatzt zu so früher Stunde, zwei Mathe-Asse melden sich. Der Rest dämmert. Mahmoud, erste Reihe Mitte, wirkt wach. Meldet sich aber auch nicht. Das liegt nicht am Morgen-Mathe-Blues, der 17-Jährige meldet sich einfach selten. Weil er schüchtern ist. Weil er mit dem Stoff kämpft, mit Fachbegriffen. Weil er vieles nicht so recht versteht im Deutschen, schon gar nicht im Bairischen. Der Lehrer, ein freundlicher Typ, der weder etwas für die Uhrzeit noch den Stoff kann, sagt: "Oiso iih mach' des bei dem Rechenweg oooft so . . ." Mahmoud blickt beim Nachbarn ins Heft.

Dass der Junge hier sitzt, ist ein Experiment. Optisch fällt er nicht auf, Rahmenbrille, ein Haarschnitt, wie ihn die coolen Jungs heute tragen, seitlich kurz rasiert und oben länger. Beim Morgengebet an dem katholischen Gymnasium - ein blondes Mädchen hatte der Klasse "Freude am Lernen, Geduld und was zum Lachen" gewünscht - war auch Mahmoud in sich gegangen, hatte die Hände gefaltet. Wie alle. Und doch ist er anders. Mahmoud ist seit anderthalb Jahren in Deutschland, er ist Flüchtling aus den syrischen Kurdengebieten; er ist UMF, unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Einer von gut 70 000 ohne Eltern Eingereisten unter 18 Jahren, und einer von schätzungsweise 300 000 jungen Erwachsenen, die 2015 gekommen sind und denen jetzt möglichst schnell eines zuteil werden soll: Bildung.

Flüchtlinge und Bildung, das Wortgespann taucht häufig auf. Gleichwohl wird viel schwarz und weiß gedacht, im Grunde sind es dieselben Pole wie in der Bevölkerung, Willkommenskultur versus Skepsis. Da sagen die einen, dass unter den Flüchtlingen nur Analphabeten sind, Ziegenhirten, "Unbeschulbare". Die mag es geben, pauschal stimmt es nicht. Andere taten anfangs so, als ob da nur Herzchirurgen kämen mitsamt klugem Nachwuchs. Stimmt auch nicht. Noch immer herrscht die naive Vorstellung, dass mit ein bisschen Schule aus Geflüchtenden hurtig Fachkräfte und Steuerzahler werden. Dabei ist das nicht einfach, sondern ein Kampf, auch wenn allerorten Willkommensklassen entstanden sind, wenn Lehrer und Ehrenamtliche sich reinhängen.

Integration ist kein Selbstläufer, war es nie - man muss nur sehen, wie noch die dritte Generation von Zuwanderern hinterherhinkt, wie schlecht Schule Vielfalt auffängt. Es gibt keine Spaziergänge in diesem Bildungssystem. Selbst wenn Flüchtlinge gute Voraussetzungen mitbringen. Wie Mahmoud.

Er war in Syrien ein guter Schüler. Zu Hause wurde viel Wert gelegt auf Bildung in der Familie; der Vater ist früh gestorben, aber Grundbesitz und etwas Wohlstand waren da, Pachteinkünfte auch. Mahmoud will lernen, darf lernen. Und das Umfeld hilft: Um UMF kümmern sich Behörden besonders, sie werden nicht in normale Asyl-Quartiere gesteckt. Mahmoud ist in einem Projekt der Roland-Berger-Stiftung gelandet, einem Haus für UMF in Ingolstadt, mit Sozialarbeitern, Dozenten, Betreuern, Mentoren, ein einfühlsames Team. Es gibt individuelle Förderpläne, es riecht bei jedem Besuch nach Nudelauflauf. Hier sind Kümmerer am Werk, netzwerken können sie auch - mit Schulen, Ämtern, Ausbildungsbetrieben oder Vereinen.

Mahmoud sagt: "Formeln sind überall gleich"

Mahmoud kam in das Projekt und besuchte, wie die meisten schulpflichtigen Flüchtlinge, eine Vorbereitungsklasse. Dort haben sie gemerkt, was der Junge drauf hat, mehr als andere, sein Betreuer erzählt, wie er ihn systematisch getestet hat, mit Mathe- und Physikaufgaben. "Da dachte ich mir: Der Junge gehört eigentlich aufs Gymnasium." Mahmoud sagt: "Formeln sind überall gleich."

Offiziell lässt sich das im Behördenbericht nachlesen, nach Mahmouds Ankunft in Deutschland erstellt. Darin stehen Ergebnisse von Stuhluntersuchungen nebst Erkenntnissen über den "geistigen Entwicklungsstand", das Papier liest sich wie ein Schulzeugnis: "Mahmoud wurde ab dem sechsten Lebensjahr beschult und ist in seiner Muttersprache Arabisch vollständig alphabetisiert. Das lateinische Alphabet war ihm bei Ankunft in Deutschland vertraut. Er verfügt über sehr gute Englisch-Kenntnisse, ein fundiertes schulisches Allgemeinwissen und rasche Auffassungsgabe."

Ein Tag im Flüchtlingshaus, es herrscht Trubel. Jeder hat sein eigenes Zimmer, einen Rückzugsraum. In Mahmouds Bude treffen alte und neue Heimat aufeinander: Fotos des Fußballers Mario Götze hängen über dem Bett und die syrische Flagge. Daneben der Schreibtisch, den er zum Lernen braucht, viel öfter als die Mitbewohner, die berufsvorbereitende Kurse besuchen und sich nicht mit binomischen Formeln und Barockgedichten herumschlagen.

Zum Rundumpaket für die UMF gehört hier: eine wöchentliche Kulturstunde. Die jungen Männer, aus Syrien, Irak, Eritrea, lernen mal etwas über deutsche Wälder, mal über Ernährung, über Recht und Gesetz. Thema heute: Feste, Anlass ist Ramadan. Der Dozent, Syrer und seit Jahrzehnten in Deutschland, erklärt die Regeln im Haus, wer will, kann fasten. Aber, stellt er klar: "Religion ist Privatsache." Die Schüler nicken eifrig, das wurde ihnen offenbar schon öfter mitgeteilt. Mahmoud fastet ein paar Tage - "vielleicht" -, Religion steht für ihn nicht an erster Stelle.

Ein bisschen Peter Zwegat für Flüchtlinge

Kulturstunde also. Die Schüler sind unterschiedlich weit, vor allem im Deutschsprechen, obwohl alle etwa gleich lang in Deutschland sind. Einige lümmeln an ihren Tischen, andere sitzen kerzengerade auf ihren Stühlen. Mahmoud zum Beispiel. Letztes Mal hatten sie über Geld gesprochen, Einnahmen und Ausgaben. Ein bisschen wie Peter Zwegat für Flüchtlinge ist das, der Schuldnerberater aus der Fernsehsendung, der am Flipchart jeden Euro durchplant. Erst Miete, dann Disco, das hört man, auch Debatten, welche Kosten wichtiger sind. Auf die These eines Jungen, "Ohne nix, nix gut", können sich schließlich alle einigen.

Mahmoud sagt, Deutschland sei ja keine andere Welt, es sei so, wie er es sich vorgestellt habe, wie er in Büchern gelesen habe. Klischees mag er nicht. Das sei wie früher, wenn Europäer nach Syrien kamen - die seien ganz überrascht gewesen: "Ist gar nicht wie die dritte Welt." Das war vor dem Krieg, der Mahmoud zum Flüchtling machte.

Die Mutter drängte ihn und den Bruder zur Flucht

Seine Heimatstadt liegt im Dreieck Syrien - Türkei - Irak, in der Zange von Interessen, Kurden, Rebellen, Assad-Truppen; dazu die Terroristen vom Islamischen Staat, 20 Kilometer standen sie einmal vor der Stadt. "Jeder kämpft gegen jeden", sagt Mahmoud, seine Stadt, in der er als Kind Frieden erlebt hatte und ein Miteinander, war plötzlich völlig anders, gefährlich. Bis zum Balkon des Wohnhauses flogen die Granaten, das Militär kam bis an die Tür: Sie wollten, dass auch er zur Waffe greift: "Ich war Schüler, das war mein Beruf, nicht, andere zu erschießen. Das kann ich nicht."

Die Mutter drängte ihn und den Bruder zur Flucht. "Wenn ihr bleibt, sterbt ihr!" Sechs Monate waren sie unterwegs, Türkei, im Boot nach Griechenland, Warten, Durchschlagen. Schleuser. Mahmoud redet ungern über das halbe Jahr, wird dann noch schweigsamer. Amtlich ist: 2015 wurde er von der Polizei nahe München aufgegriffen, als unerlaubt eingereister UMF registriert. Ein Fall fürs Jugendamt.

Und jetzt? Lernen? Leben? Es ist kein Trauma durch die Flucht, das Mahmoud belastet, es ist die Sorge um Mutter und Schwestern. Und ein schlechtes Gewissen. Familiennachzug für UMF wurde flugs abgeschafft, als die Stimmung in der Flüchtlingsfrage kippte. Mahmoud weiß, wie gut es ihm geht. Und er weiß, dass seine Familie morgen tot sein könnte. Das geht ihm durch den Kopf. Wenn er im Netz Nachrichten über Syrien liest, täglich, wird es nicht besser. So gibt es Tage, da spielt er all das aus, was er gelernt hat an Wortschatz, und grinst; es gibt Tage, da ist er down, antwortet knapp, versunken in der Riesencouch im Aufenthaltsraum, macht sich kleiner, als er ist. Die Tiefs bekommen sie alle mit, Betreuer im Haus, Mitschüler, Lehrer. Und Herr Lehenmeier natürlich.

"Da darf er alles sagen, was er nicht versteht"

Vitus Lehenmeier, ein junger Schulleiter, hat sich eingelassen auf das Experiment mit dem Gymnasialbesuch. Er hat Mahmoud "zur Chefsache gemacht", erklärt er, gibt ihm private Nachhilfe in seinem Büro. "Da darf er alles sagen, was er nicht versteht", sagt Lehenmeier. "Da darf ich alles sagen, was ich nicht verstehe", sagt Mahmoud. Aber: Geschenkt gibt es nichts, Lehenmeier erwähnt das nicht nur beiläufig. "Es darf nicht der Eindruck bei anderen entstehen, das einer bevorzugt wird." Der Direktor sagt: "Es ist auch nicht fix, dass Mahmoud es schafft bis zum Abitur. Wir geben ihm die Chance, er hat es selbst in der Hand. Er muss bei unserem Kompass mitmachen: Wir wollen Leistung bringen." Wobei schon einiges anders ist an Mahmouds Schulbesuch: Der funktioniert zunächst wie bei Austauschschülern etwa aus Frankreich. Mahmoud bekommt Noten nur als Feedback, in den Sommerferien wird er eine Prüfung über den Stoff des Jahres ablegen. Besteht er sie, kommt er in die elfte Klasse. Gibt es Probleme, soll er auch im kommenden Jahr die Zehnte besuchen, dann aber zu denselben Bedingungen wie die anderen Schüler.

Mahmoud ist guter Dinge, dass es klappt, Klasse um Klasse, Abitur, dann Mechatronik studieren. Lehenmeier ist da vorsichtiger, sieht "riesige Fortschritte, wenn man das erste und zweite Halbjahr vergleicht". Sagt aber auch: "Man muss ehrlich sein bei der Externen-Prüfung, man tut ihm keinen Gefallen, wenn man ihn einfach versetzt." Dass es kein Trara um ihn gibt, dass er dasselbe Programm wie alle macht, scheint Mahmoud recht zu sein. Es gibt flexible Hilfen, das Smartphone darf er im Unterricht verwenden. Zum Übersetzen, oft hängt das Verstehen ja an einem einzigen Wort. Manchmal verlässt er seine Klasse für Deutsch-Intensivkurse. Sprache geht natürlich vor, immer.

Fragezeichen im Kopf

Mahmouds Deutschaufsätze sind eher Zusammenfassungen als Interpretationen, aber sie werden besser. "Es kann frustrierend sein, aber da muss er durch. Aus Angst, sich zu blamieren, ist er zurückhaltend", sagt sein Deutschlehrer. Er rufe ihn allerdings nicht auf, wenn sich Mahmoud wenig meldet. Manchmal aber doch. Deutschstunde, am Vormittag, die Klasse ist aufgewacht. Vielleicht ist es auch das Thema, das nun viele Finger hochschnellen lässt. Liebe in der Lyrik, junger Goethe. Mahmoud soll eine Strophe lesen, durchaus flüssig läuft das, aber man merkt, wo er stolpert: bei Worten, die er nicht kennt, nicht kennen kann. "Lie-bes-tau-tau-tau-taumel." Man sieht ihm die Fragezeichen im Kopf regelrecht an, aber Mahmoud schaut ganz zufrieden. Er kann es auch sein.

Demnächst wird Mahmoud im Unterricht selbst ein Buch vorstellen. Er darf es in arabischer Fassung lesen. Dass auch er ein Lektüre-Referat hält - das ist selbstverständlich für alle hier. Mahmoud hat ausgesucht: "Die wunderbaren Reisen des Marco Polo".

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SZ vom 18.07.2016/mkoh
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