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Problembezirke:Bildungsbewusste Eltern gibt's auch in Neukölln

"Das Wichtigste aber war, dass das Nawi-Programm in der Schule einen richtigen Innovationsschub ausgelöst hat", sagt Gryczke. Die Schulleitung habe die ganze Einrichtung nach Schwachstellen abgeklopft. Die Lehrer hätten viele Fortbildungen gemacht, die Schule kooperiert mit Fußballvereinen und Museen. "Wir waren zum Erfolg verdammt", sagt sie. "Niemand gibt sein Kind in ein Experiment mit ungewissem Ausgang."

Heute ist der Anteil der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache auf 77 Prozent gesunken. Nur noch 65 Prozent von ihnen erhalten eine Lernmittelbefreiung - haben also Eltern, die zu wenig Geld verdienen, um selbst für das zu bezahlen, was in der Schule so anfällt. "Das ist schon eine viel bessere Mischung als 2009", sagt Gryczke.

Ähnliche Entwicklungen gibt es auch anderswo. Zum Beispiel in dem Viertel, das wie kein anderes mit dem Thema Problemschulen verknüpft ist: Neukölln. Vor zehn Jahren offenbarten hier Lehrer der Rütli-Schule in einem Brandbrief das Scheitern des Bildungssystems. Seitdem ist eine Menge passiert, die Schule erhielt viel Förderung und löste eine deutschlandweite Debatte über Bildungsgerechtigkeit aus.

Bildung hört nicht am Schultor auf

Inzwischen gilt der "Campus Rütli" - eine Gemeinschaftsschule aus der ehemals verrufenen Hauptschule, der nahegelegenen Heinrich-Heine-Realschule und der Franz-Schubert-Grundschule - als Vorzeigeprojekt. Es gibt immer mehr bildungsbewusste Eltern, die ihre Kinder hierherschicken.

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Einige von ihnen haben sich schon ungefähr zu der Zeit, als der Rütli-Brandbrief erschien, in der "Elterninitiative Reuterkiez" zusammengetan. Die meisten von ihnen hatten Kinder auf der Schubert-Grundschule, die inzwischen zum Campus Rütli gehört. Sie waren beileibe nicht nur "biodeutsche" Eltern, wie es hier leicht spöttisch heißt, sondern auch bildungsbewusste Migranten.

Gemeinsam organisieren sie Informationsveranstaltungen, Winterspielplätze, einen jährlichen Frühjahrsputz in der Nachbarschaft und nehmen regelmäßig an verschiedenen Gremien teil. Bildung, so sind sie überzeugt, hört nicht am Schultor auf, sondern soll dem ganzen Kiez etwas bringen.

Gute Stimmung ist entscheidend

Das erzählt Gudula Raudszus-Niemann in einem Café in der Nähe des Hermannplatzes. Sie kam 2008 zur Elterninitiative. Ihr zweites Kind war gerade geboren. Auch sie und ihr Mann standen allmählich vor der Wahl: Umziehen? Oder bleiben? Sie blieben. Und nahmen sich vor, aktiv etwas dafür zu tun, dass sie es nicht bereuen werden.

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2012 fing ihre große Tochter in der Grundstufe der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli an. "Einige Freunde fragten uns: Echt, das traut ihr euch?" Dabei hatte die Grundschule schon damals einen guten Ruf. "Wir haben uns bei einem Tag der offenen Tür überzeugt, dass die Stimmung gut ist. Dann war es uns egal, ob die Schulfreunde unserer Kinder dunkelhaarig oder blond sein werden", sagt Raudszus-Niemann.

Bereut hat sie die Entscheidung nie. Trotzdem ist Neukölln noch immer kein Multikulti-Wunderland. Raudszus-Niemann beklagt wie auch andere Eltern, dass es im Kiez immer noch kein echtes Miteinander gebe - stattdessen viele unterschiedliche Gruppen, die ohne Berührungspunkte nebeneinanderher leben.