Plagiatsskandale "Man darf eine kritische Öffentlichkeit nicht ausschließen"

Bei Plagiatsentdeckern ruft das HRK-Modell jedenfalls scharfe Kritik hervor. Dies sei ein "rechtswidriger Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit", sagt der Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano. Er hatte die ersten Guttenberg-Plagiate entdeckt und den Minister öffentlich kritisiert. Laut den neuen HRK-Leitlinien hätte er still die Prüfung abwarten müssen. Der Ruf des Verdächtigen wie auch der Universität könne durch die Vorwürfe beschädigt werden, sagt Fischer-Lescano. Aber schwerer wiege das berechtigte Interesse der Bürger an solchen Plagiatsverfahren.

"Man darf eine kritische Öffentlichkeit nicht ausschließen, im Gegenteil. Man muss sie miteinbeziehen, um jeden Verdacht der Vertuschung und des Korpsgeistes unter Wissenschaftlern von vorneherein auszuräumen." Eine Schweigepflicht wäre so, als dürfte die Presse über einen Kriminalfall erst berichten, wenn jemand rechtskräftig verurteilt sei, sagt Fischer-Lescano. Die Logik der HRK würde zu einer "Selbstzensur in der Wissenschaft führen". Das sei dann sogar "eine Aufforderung zu schlechter wissenschaftlicher Praxis".

Die HRK-Leitlinien kommen als "Empfehlung" daher, doch das klingt harmloser, als es ist. In der Debatte um Schavan wurden ähnliche Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) als angeblicher Beleg für das Versagen der Uni Düsseldorf angeführt; im öffentlichen Streit um die Deutungshoheit kommt ihnen damit Gewicht zu. Die DFG will zudem die umstrittene HRK-Leitlinie offenbar selbst übernehmen, wie in dem Rektoren-Beschluss angedeutet wird.

Die HRK-Vizepräsidentin Ulrike Beisiegel argumentiert vor allem mit der drohenden Vorverurteilung. "Allein durch einen öffentlichen Plagiatsverdacht kann der Ruf beschädigt sein, selbst wenn später kein Plagiat festgestellt wird", sagt Beisiegel. Sie hat die Empfehlungen federführend erarbeitet. Auch im Fall Guttenberg "wäre es nicht schädlich gewesen, wenn die Universität dies erst aufgearbeitet hätte und dann die Öffentlichkeit informiert wird".

Plagiatsjäger fürchten Angriff auf ihre Arbeit

Das erwartet die Professorin auch von Plagiate-Foren im Internet. Sie decken die meisten Verdachtsfälle auf, wenn sie genügend Belege haben. Die Mängeln eines Werkes werden gerne mittels eines Barcodes veranschaulicht. Jüngstes prominentes Beispiel: der Präsident des Bayerischen Landkreistages, Jakob Kreidl, dessen Doktorarbeit gerade von seiner Universität geprüft wird. Hier klingt Beisiegel etwas kulanter. Die Internetaktivisten sollten wenigstens die Vorprüfung durch die Hochschule abwarten oder allenfalls auf Untätigkeit hin reagieren. In ihren Empfehlungen steht dies jedoch so nicht.

Internetaktivisten wie Debora Weber-Wulff vom Forum Vroniplag halten dies für einen Angriff auf ihre Arbeit. "Die Leute feiern ihren Doktortitel öffentlich, sie tragen ihn öffentlich - warum sollte der Plagiatsverdacht nicht öffentlich behandelt werden?", fragt die Berliner Professorin. Schließlich gehe es um veröffentlichte Texte. Weber-Wulff hat festgestellt: Ohne öffentlichen Druck tut sich oft nichts. "Ich bin verwundert darüber, wie sich Unis herausreden, um den Titel nicht aberkennen zu müssen."

Andere prüften nun schon seit zwei Jahren Verdachtsfälle. Weber-Wulff spricht von "Verzögerungstaktik" einzelner Hochschulen. "Die Universitäten scheuen die Öffentlichkeit, sie wollen nicht in der Zeitung stehen." Mithilfe der neuen Leitlinie könnten sie öfter selbst darüber entscheiden, was wann geschrieben wird.