Medienpädagogik:Eltern und Erzieher lehnen digitale Früherziehung ab

Kinder lernen Umgang mit Touchscreens

Bloß nicht zu früh vor den Bildschirm setzen: Viele Eltern und Erzieher stehen digitalen Medien kritisch gegenüber.

(Foto: dpa)
  • Nicht Computer, Tablets oder Smartphones spielen im Leben von Kindergarten- und Grundschulkindern die wichtigste Rolle - Fernsehen ist einer Allensbach-Studie zufolge die liebste Freizeitbeschäftigung.
  • Digitalen Medien stehen die befragten Eltern, Erzieher und Grundschullehrer kritisch gegenüber: Sie befürchten Entwicklungsdefizite, wenn Kinder zu früh im Internet unterwegs sind und lehnen eine digitale Früherziehung ab.
  • Knapp jedes fünfte Kind im Grundschulalter beschäftigt sich heute schon mehr als eine Stunde täglich mit Computer, Tablet und/oder Smartphone.

Von Johanna Bruckner

Die Hände wischen auf dem Hochglanz-Cover herum, immer wieder sticht ein kleiner Finger auf das Papier ein. In einem anderthalbminütigen Youtube-Clip lässt ein Vater und bekennender Apple-Fan seine damals einjährige Tochter mit einem iPad und diversen Zeitschriften spielen - wobei letztere das Baby offenkundig einfach nur frustrieren. Das Video belegt: Digitale Medien sind auch im Alltag von Kleinkindern präsent. Brauchen wir also eine digitale Früherziehung?

Das Institut für Demoskopie Allensbach hat jetzt im Auftrag der Deutsche Telekom Stiftung untersucht, wie es in Deutschland um die digitale Medienpädagogik in Kitas und Grundschulen bestellt ist. Dazu befragten die Meinungsforscher bundesweit mehr als 1500 Eltern von Kindern im entsprechenden Alter, Erzieherinnen, Erzieher und Grundschullehrkräfte. Dabei zeigte sich: Eltern wie Erzieher sehen die Kita nicht als den Ort, an dem Kinder an Computer, Tablets und Smartphones herangeführt werden sollten - im Gegenteil. Sie befürchten eine Überforderung der Kleinen.

Die Ergebnisse im Überblick - so nutzen Kinder Medien

Nach Angabe von Müttern und Väter ist der Fernseher für ihre Kinder immer noch wichtiger als sämtliche digitalen Endgeräte. So gaben 94 Prozent der Eltern von Grundschulkindern an, ihr Kind sehe in der Freizeit fern; bei den Eltern von Kindergartenkindern waren es immerhin noch 86 Prozent. Auf den Plätzen zwei und drei folgt bei beiden Gruppen die Beschäftigung mit Büchern und Hörmedien (Kassetten, CDs, MP3) - erst auf Platz vier kommen potenziell Computer, Tablets und Smartphones ins Spiel: 67 Prozent der Eltern von Grundschulkindern gaben an, ihr Kind schaue regelmäßig Filme und Videos; bei den Kindergartenkindern ist diese Freizeitbeschäftigung etwas weniger verbreitet (25 Prozent). Mehrfachnennungen waren möglich.

Zumindest nach Einschätzung der Eltern spiegelt das Nutzungsverhalten die Beliebtheit der einzelnen Medien: So rangiert hier ebenfalls der Fernseher ganz vorne, gefolgt von Büchern.

Je älter das Kind, desto präsenter sind digitale Medien

Bei der Nutzung digitaler Medien ist das Alter ein entscheidender Faktor: So spielt mehr als jeder zweite Grundschüler in seiner Freizeit Computerspiele - aber nur jedes vierte Kindergartenkind. Ähnlich ist es bei der Beschäftigung mit Handys und Smartphones und der Internetnutzung - hier gilt: Je älter das Kind, desto präsenter sind digitale Medien in der Freizeit.

Sind es bei den Kindern unter fünf Jahren noch knapp 70 Prozent, die nach Aussage der Mütter und Väter im Alltag gar nicht mit digitalen Medien in Berührung kommen, sinkt dieser Anteil bei den über Fünfjährigen auf 34 Prozent. Knapp jedes fünfte Kind im Grundschulalter beschäftigt sich schon mehr als eine Stunde täglich mit Computer, Tablet und/oder Smartphone. Und 82 Prozent der über Achtjährigen nutzen das Internet.

Wie Eltern die Mediennutzung ihrer Kinder begleiten

Den meisten befragten Eltern ist wichtig, wie viel Zeit ihre Kinder vor dem Fernseher oder mit digitalen Medien verbringen - und das unabhängig vom Alter. Etwa 90 Prozent der Mütter und Väter kontrollieren, wie viel ihre Kinder fernsehen und was sie sich anschauen. 76 Prozent versuchen bei der Computer- beziehungsweise Internetnutzung Grenzen zu ziehen; fast ebenso vielen Eltern ist wichtig, welche Computerspiele ihre Kinder spielen und welche Seiten sie im Internet besuchen.

Mehr als jeder zweite Elternteil (62 Prozent) versucht, die Handy- beziehungsweise Smartphone-Nutzung seines Kindes zu beeinflussen. Immerhin 14 Prozent der unter Achtjährigen besitzen bereits ein eigenes Handy; Smartphones sind in diesem Alter eher noch nicht üblich (drei Prozent). Allerdings ist heute bereits in fast jedem Haushalt mindestens ein Smartphone vorhanden, das grundsätzlich einen Internetzugang ermöglicht.

Wer bei der digitalen Medienerziehung in der Pflicht ist

Digitale Medien gehören zum Alltag selbst sehr junger Kinder - doch nicht alle Eltern fühlen sich im Umgang mit Computern, Tablets und Smartphones kompetent. Immerhin jedes fünfte Elternteil gab an, weniger gut bis gar nicht gut mit digitalen Medien umgehen zu können. Und mit Lernsoftwares und Apps speziell für Kinder kennt sich nicht einmal die Hälfte der Eltern gut aus. Allerdings sehen die Befragten übereinstimmend die digitale Medienerziehung vor allem als Aufgabe der Eltern.

Die Schule wird erst vergleichsweise spät relevant: Die Befragten sehen die weiterführenden Schulen maßgeblich in der Verantwortung. Weniger als zehn Prozent erwarten, dass Kinder im Kindergarten mit digitalen Medien vertraut gemacht werden. Wenn es um die Wissens- und Kompetenzvermittlung im Kindergarten geht, stehen demnach andere Dinge an vorderster Stelle, darunter die Vorbereitung auf die Schule.

Warum digitale Medien ein schlechtes Image haben

Die Befragten stehen digitalen Medien kritisch gegenüber: Sie sind der Überzeugung, dass Kinder ohnehin früh genug in Kontakt mit Computer, Tablet und Smartphone kommen - eine digitale Früherziehung lehnen sie deshalb ab. Dahinter steht auch die Befürchtung, dass die Informationsflut im Internet die Kinder überfordert. 35 Prozent der Erzieher und 26 Prozent der Eltern befürchten sogar, dass die digitale Mediennutzung Talente verkümmern lässt.

Dementsprechend glauben drei Viertel der Erzieher, dass von ihnen gar nicht erwartet wird, Kinder im Umgang mit digitalen Medien zu schulen. In den meisten Kindergärten spielen sie keine große Rolle (94 Prozent). Am häufigsten kommen digitale Medien noch zum Einsatz, um Bilder oder Videos zu zeigen.

Das hängt auch mit der digitalen Medienkompetenz des Kita-Personals zusammen: Etwa jeder dritte Erzieher gab an, weniger bis gar nicht gut mit digitalen Medien umgehen zu können; mehr als der Hälfte fehlt demnach ein guter Überblick über die Möglichkeiten, die digitale Medien im Kindergarten bieten. Je besser der Kenntnisstand, desto eher setzen Erzieherinnen und Erzieher beispielsweise Lernprogramme ein.

Ein Bewusstsein für die wachsende Bedeutung digitaler Medien ist aber da: Immerhin 37 Prozent gaben an, sich für eine Fortbildung zum Thema digitale Medien zu interessieren.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB