Studentisches Wohnen "Im Koalitionsvertrag kann niemand wohnen"

Der Klassiker: Wohnungssuche über das schwarze Brett an der Uni.

(Foto: dpa)

Die Zahl der Studierenden steigt, es gibt aber nicht genug bezahlbaren Wohnraum für alle. Der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks hofft nun auf Horst Seehofer.

Interview von Matthias Kohlmaier

Kommende Woche beginnt an Deutschlands Hochschulen das Sommersemester - für zahlreiche Studierende unter erschwerten Bedingungen. Weil es hierzulande so viele angehende Akademiker wie noch nie gibt, tun sich viele schwer damit, eine Bleibe zu finden. Wohnheimplätze gibt es zu wenige, bezahlbare Wohnungen sind gerade in den studentischen Ballungszentren rar. Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, erklärt, was sich ändern muss.

SZ: Herr Meyer auf der Heyde, mal angenommen, man wollte der aktuellen Rekordzahl an Studierenden günstigen Wohnraum verschaffen: Wie viel müsste man investieren?

Achim Meyer auf der Heyde: Wenn man den Bedarf an Neubauten und die notwendigen Sanierungen von bestehenden Wohnheimen zusammenrechnet, dürften das etwa 3,3 Milliarden Euro sein. Die Schere ist leider über die vergangenen Jahre extrem auseinander gegangen: Die Zahl der Studierenden hat sich seit 2007 um mehr als 40 Prozent erhöht, es gibt aber kaum mehr Wohnheimplätze. Das sind natürlich miserable Voraussetzungen.

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Was läuft da schief?

Die Länder haben zuletzt schon einiges versucht, aber ich denke, dass sich der Bund beim studentischen Wohnungsbau viel mehr engagieren muss. Es ist ja schön und gut, dass man über den Hochschulpakt mehr Studienplätze geschaffen hat. Da ist es aber nur logisch, dass es für die Studierenden auch mehr Wohnheimplätze geben muss.

Was erhoffen Sie sich hier von der neuen Bundesregierung?

Es ist schon mal ein großer Schritt, dass erstmals seit Jahrzehnten der Wohnheimbau explizit in einem Koalitionsvertrag auftaucht. Aber in einem Koalitionsvertrag kann natürlich niemand wohnen - mal sehen, ob den Ankündigungen auch Taten folgen.

Die neue Bildungsministerin wünscht sich, dass Schüler programmieren lernen und die berufliche Bildung gestärkt wird. Über Wohnraum für Studierende hat sie bisher wenig gesagt.

Anja Karliczek ist ja nicht alleine für das Problem und seine Behebung verantwortlich. Der Bau ist im Innenministerium angesiedelt - da würde ich mir vom neuen Minister einiges erhoffen.

Horst Seehofer als Hoffnungsträger der Studierenden?

So würde ich es vielleicht formulieren. Bayern war bisher vorbildlich in der Wohnheimförderung und im Idealfall wird sich Herr Seehofer um dieses Thema auch in Berlin weiterhin kümmern. Natürlich ist es schade, dass das Bildungsministerium erst einmal andere Schwerpunkte setzt. Aber die gesamte Regierung vergisst hoffentlich trotzdem nicht, dass der Wohnheimbau im Koalitionsvertrag steht.

"Mama, ich habe eine Wohnung gefunden"

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Hätte man die aktuelle Situation - viele Studierende, wenige Wohnheimplätze - früher kommen sehen können? Immerhin war es ja über viele Jahre auch politisch gewünscht, dass viele Schüler Abitur machen und danach an die Unis gehen.

Man hat eben gehofft, dass der Markt es schon richten wird. Aber erstens sehen wir generell in der Bevölkerung einen Trend zur Re-Urbanisierung. Das gilt für Großstädte - etwa München, Hamburg und Berlin -, aber auch für klassische Hochschulstädte. Und zweitens konkurrieren Studierende nicht nur miteinander, sondern auch mit vielen anderen Menschen um günstigen Wohnraum.

Menschen mit geringem Einkommen und Studierende nehmen sich also gegenseitig die günstigen Wohnungen weg?

Ich würde es so sagen: Wenn man endlich mehr in den Wohnheimbau für Studierende investieren würde, würde das den Markt zugunsten vieler anderer Menschen entlasten, die auch auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen sind.

Könnten private Investoren helfen, solange sich der Bund nicht stärker engagiert?

Eher nicht. Was im privaten Wohnheimbau investiert wird, zielt auf eine Gruppe von Studierenden, die ohnehin über mehr Geld verfügt als der Durchschnitt. Es müsste im unteren Segment gebaut werden - das rechnet sich für die Investoren aber nicht, weil die Rendite zu gering ist. Kurzum: Hier ist die öffentliche Hand gefordert! Wenn der Bund weiterhin gut ausgebildete Fachkräfte haben möchte, muss er den Studierenden auch ein bezahlbares Wohnen in der Nähe ihrer Hochschulen ermöglichen.