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Ifo-Bildungsbarometer:Gebt dem Bund das Kommando!

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Das Ifo-Institut fragte und die Deutschen melden sich zu Wort: Mit dem Bildungsförderalismus sind sie unzufrieden.

(Foto: dpa)

In Deutschland sind die Länder für Schulen zuständig. Eine neue Studie zeigt nun, wie unbeliebt der Bildungsförderalismus ist. Die Deutschen wünschen sich, dass Berlin entscheidet - nicht nur in Corona-Zeiten.

Von Bernd Kramer

Man könnte meinen, in Deutschland grassierten derzeit 16 Varianten des neuartigen Coronavirus, so unterschiedlich reagieren die Länder, so unterschiedlich reagieren vor allem auch ihre Bildungspolitiker. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel hielt die zuständige Ministerin das Virus für so gefährlich, dass sie einer Million Jugendlichen an weiterführenden Schulen für die erste Zeit nach den Ferien auch im Unterricht eine Maske verordnete. Andere Länder verlangen einen Mund-Nasen-Schutz nur auf den Fluren, in Sachsen dürfen die Schulen dagegen selbst entscheiden.

So groß ist das Durcheinander, dass sogar die Bundeskanzlerin vor Kurzem den Kultusministern dringend empfahl, sich auf einheitliche Hygienepläne zu verständigen. Und nicht nur in Corona-Zeiten sind die Unterschiede zwischen den Ländern enorm. Meistens dauert die Grundschule vier Jahre, manchmal aber auch sechs. Manche Länder haben die Hauptschule abgeschafft, andere nur umbenannt. In einem Land schaffen viele Menschen das Abitur, im nächsten wenige. Mal ist die Zahl der Schulabbrecher hoch, mal niedrig.

Nun zeigt eine Umfrage, auf wie wenig Sympathie der Bildungsföderalismus bei den Deutschen stößt. Das Münchner Ifo-Institut hat dafür gut 10 000 repräsentativ ausgewählte Erwachsene befragt. 60 Prozent sagen demnach: Die wichtigsten bildungspolitischen Entscheidungen sollte der Bund treffen.

Die Ifo-Fachleute untersuchten auch, in welchen Bereichen es den Menschen besonders wichtig ist, dass Berlin das Sagen hat. Vor allem die Verantwortung für Lehrpläne und Prüfungen sähen die Deutschen am liebsten beim Bund, den Schulen vor Ort würden sie dagegen die Auswahl ihres Personals überlassen. "Interessanterweise gibt es kein Aufgabengebiet, bei dem sich eine klare Mehrheit für die Verantwortung der Länder ausspricht", sagt Ifo-Ökonom Philipp Lergetporer.

Das mag auch daran liegen, dass es vielen Menschen schwerfällt zu beurteilen, ob die Verantwortlichen in ihren Bundesländern überhaupt gute Arbeit leisten. Darauf deutet ein kleines Experiment hin, das die Ifo-Forscher in ihre Umfrage einbauten. Sie wollten wissen, wie zufrieden die Befragten mit der Bildungspolitik im jeweiligen Bundesland sind. Stellten sie die Frage ohne weitere Erläuterung, fielen die Ergebnisse relativ ähnlich aus.

Einem Teil der Befragten gaben die Ifo-Forscher allerdings zusätzliche Informationen darüber, wie gut die Schülerinnen und Schüler im jeweiligen Bundesland bei einer deutschlandweiten Leistungsstudie abschnitten. In dem Fall gingen die Einschätzungen sofort auseinander: In den Ländern der Spitzengruppe wurde die Arbeit der Bildungspolitiker mit einem Mal positiver bewertet, in der Schlussgruppe dagegen deutlich negativer.

Dass die Meinung der Menschen sich durch den Hinweis so sehr ändert, bedeutet für die Bildungspolitik nichts Gutes, befürchtet Forscher Lergetporer: "Dieses Ergebnis legt nahe, dass es für politische Karrieren nicht unbedingt vorteilhaft ist, wenn die Schülerleistungen wirklich über Ländergrenzen hinweg vergleichbar sind." Die Verantwortlichen in den Ländern hätten somit einen starken Anreiz, einen Vergleich ihrer Schulsysteme zu erschweren.

Selbst in Bayern gibt es nicht so viele Kritiker des Zentralabiturs, Ausnahme: Markus Söder

Und so passiert es auch. Die Kultusminister lassen zwar regelmäßig die Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler in wichtigen Fächern wie Mathematik oder Deutsch vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin nach einheitlichen Kriterien testen und veröffentlichen die Ergebnisse auch - allerdings im Abstand von mehreren Jahren, kritisiert Bildungsökonom Lergetporer.

Andere Wissenschaftler wiederum können die Daten aus den IQB-Tests nicht einfach so für sich nutzen: Länderrankings sind ihnen grundsätzlich verboten; und wollen Forschende in ihren Studien einzelne Bundesländer explizit einander gegenüberstellen, müssen sie zuvor ausführlich darlegen, warum das "aus wissenschaftlichen Gründen zwingend notwendig erscheint", wie es in den Vorgaben des IQB heißt. "Bildungsforschern wird es sehr schwer gemacht, die Politik der einzelnen Bundesländer mit den verfügbaren Daten zu untersuchen und die Wirkung ihrer Maßnahmen miteinander zu vergleichen", sagt Lergetporer. Dabei gäbe es durchaus eine überdeutliche Mehrheit für noch häufigere bundesweite Schulvergleiche inklusive Ranking, wie die Ifo-Umfrage zeigt: 76 Prozent sind für weitere Schultests zum Bundesländervergleich.

Überwältigende Mehrheiten finden sich auch für zentrale Abschlussprüfungen. Nur die Politik sträubt sich, vor allem Politiker aus Bundesländern in Alpennähe. Als im vergangenen Jahr kurz die Debatte um ein deutschlandweit einheitliches Abitur hochkochte, wies Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) das prompt mit einem oft bemühten Argument zurück: "Wir befürchten, dass am Ende ein Berliner Zentralabitur das Ziel ist, was eine Verschlechterung des Bildungsniveaus in Bayern bedeuten würde", sagte er.

Die Ifo-Untersuchung zeigt nun, dass das Schreckgespenst des Niveauverlusts bei den Deutschen aber kaum verfängt. 77 Prozent wären für ein Zentralabitur, wenn es sich am anspruchsvollsten Niveau aller Länder orientiert. Ähnlich viele, nämlich 82 Prozent, befürworten ein Zentralabitur aber auch dann, wenn der Anspruch sich am Bundesdurchschnitt bemisst. Das deckt sich auch mit früheren Erkenntnissen aus dem Ifo-Institut, wonach selbst im besonders föderal gesonnenen Bayern die Idee eines Bundes-Abiturs in der Bevölkerung enormen Zuspruch erfährt.

Ein einheitlicher Abschluss ist offenkundig in den Augen der Menschen ein Wert an sich.

© SZ.de/jerb
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