Ghostwriter:Vier Kunden hat die Autorin schon zum Doktortitel verholfen

Einen fremden Text für den eigenen auszugeben, ist nicht ohne. Hochschulen drohen bei Täuschungsversuchen mit Exmatrikulation und Aberkennung des Titels. Wer eine falsche eidesstattliche Erklärung abgibt, dem drohen bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder eine Geldbuße. Doch selten werden solche Fälle bekannt. Es ist für Kontrolleure schwierig, Arbeiten vom Ghostwriter zu entdecken. Vor allem in den Massenfächern rutschen sie durch, sagt Marjorie.

Täuschung falle meist dann auf, wenn Professoren ihre Studenten gut kennen, ihre individuellen Fähigkeiten einschätzen können und bemerken, dass eine schriftliche Arbeit überraschend gut ausfällt. Eine so enge Betreuung gibt es fast nur noch bei Doktorarbeiten. Aus diesem Grund ist die Nachfrage nach Dissertationen gering, sagt Ghostwriterin Marjorie. Aber selbst für solche Fälle sorgt sie vor: Zum Beispiel, indem sie bei ausländischen Studenten ein paar Rechtschreibfehler einbaut.

Marjorie liebt ihren Job, weil er ihr die größtmögliche Freiheit bietet. Sie kann sich die Themen aussuchen und ihre Zeit frei einteilen. Aber es war eine ihrer schwersten persönlichen Niederlagen, die sie auf die Idee mit dem Ghostwriting gebracht hat. Ausgerechnet an ihrer eigenen Promotion, in Musikwissenschaften, ist Marjorie vor sieben Jahren gescheitert. Ein Jahr lang hatte sie sich mit dem Werk herumgequält. Dann gab sie auf. "Ich kann mich einfach nicht zwei Jahre auf ein Thema konzentrieren", sagt sie. Viel zu ehrgeizig sei sie gewesen, habe extrem hohe Ansprüche an sich selbst gehabt. Seitdem erschreibt sie anderen den Doktortitel. Service für Fremde statt Ansprüche an sich selbst.

Vier Menschen hat die Autorin bereits dazu verholfen, behauptet sie. Zwei der Arbeiten hat sie alleine, zwei gemeinsam mit einem anderen Ghostwriter geschrieben. Aber Aufträge für Promotionen nimmt Marjorie heute nicht mehr an, weil sie lieber schnell und "kompakt" arbeitet, wie sie sagt. Sie recherchiert, schreibt, schickt den Text ab. Fertig. Reine Routine. Danach hört sie nie wieder davon. Eine Bachelorarbeit, für die normale Studenten mindestens ein ganzes Semester brauchen, schaffe sie in fünf Tagen, wenn ihr das Thema gefalle.

Am meisten interessiert sie Geographie, aber sie nimmt auch Aufträge aus der Pädagogik, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Politologie, oder aus Medienfächern an. Sie selbst hat ihren Magister in Medienwissenschaften gemacht. Kennt sie sich mit einem Thema nicht aus, übernimmt einer der 15 freiberuflichen Ghostwriter in ihrem Netzwerk. So kann sie auch Arbeiten in Informatik und Wirtschaftswissenschaften anbieten.

Verband fordert, Ghostwriting unter Strafe zu stellen

Marjories Arbeit ärgert Michael Hartmer. Der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands vertritt die Interessen der Hochschullehrer. Er will, dass akademisches Ghostwriting unter Strafe gestellt wird. "In letzter Zeit tritt die Branche immer selbstbewusster und unverschämter auf." Die Verlockung für Studenten sei groß, sagt der Jurist. Um dem organisierten Schummeln ein Ende zu bereiten, hat der Hochschulverband bereits mehrmals ans Bundesjustizministerium geschrieben. Er fordert, dass das Strafgesetz um den Tatbestand des Wissenschaftsbetrugs erweitert wird. Das würde bedeuten, dass Ghostwriter für Beihilfe zum Betrug belangt werden könnten und mit einer Geldstrafe oder bis zu zwei Jahren Haft zu rechnen hätten.

Die Forderung kümmert Marjorie wenig. "So ein Gesetz ist nicht im geringsten abschreckend", sagt sie. "Dann überlege ich mir einen neuen Namen für das, was ich tue." Für alle Fälle hat sie noch einen Plan B. Sie könnte auch Seminare geben. Im akademischen Schreiben.

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© SZ.de/bbr/dd
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