bedeckt München 20°

Ghostwriter:So arbeitet eine Ghostwriterin

Hier tippt Anonymous: Die Akademikerin möchte ihren richtigen Namen geheim halten

(Foto: Miriam Binner; Bearbeitung SZ.de)

Die Bachelorarbeit ist zu anstrengend? Ghostwriter wie Marjorie schreiben sie heimlich für die Studenten - für 50 Euro pro Seite.

Die Kunden sehen die Frau hinter der E-Mail-Adresse nicht. Viele wären vielleicht überrascht. Die Frau ist hager, vom rechten Ohr bis zum Nacken sind die Haare abrasiert, sie trägt schwarze Jeans und Kapuzenpulli. Wenn sie die Ärmel nach oben schiebt, sieht man die Tätowierungen. Marjorie ist in gewisser Hinsicht eine Universalgelehrte. Sie schreibt am Fließband wissenschaftliche Arbeiten in unterschiedlichsten Fächern. Die 37-Jährige ist eine der wenigen hauptberuflichen Ghostwriter in Deutschland. Sie lebt davon, Abschlussarbeiten für Studenten zu schreiben. Die reichen die Texte dann als ihre eigenen ein. Das Geschäft läuft so gut, dass sie vor drei Jahren eine eigene Ghostwriting-Agentur gegründet hat.

Es ist ein Geschäft im Graubereich. Und doch genügt eine Google-Suche, um Marjories Homepage zu finden oder die von Dutzenden anderen Anbietern. Es gibt Einzelkämpfer und Agenturen mit mehreren Mitarbeitern - eine kleine Branche, in der Marjorie sich mit Zuverlässigkeit und Termintreue positioniert. Eine Garantie für gute Noten gibt sie allerdings nicht. Obwohl sie im Netz so leicht zu finden ist, möchte die Akademikerin ihren richtigen Namen geheim halten. Zwar zahlt sie ganz offiziell Abgaben. Auf Rechnungen weist sie sieben Prozent Umsatzsteuer aus. Aber sie hat Angst, von der Uni zu fliegen. Sie braucht Zugang zu Bibliothek und Datenbanken. Dafür war sie bis vor Kurzem in Geographie eingeschrieben.

Zoll

Mit der Koralle durch den Zoll

Der universitäre Anspruch sagt: In der Abschlussarbeit zeigt der Student, dass er gelernt hat, wissenschaftlich zu denken und zu arbeiten. Quatsch, sagt Marjorie. Die Arbeiten würden nichts darüber aussagen, wie kompetent ein Student sei. "Eine Abschlussarbeit ist doch eine reine Formalität." Daher glaubt sie nicht, dass ihre Dienstleistung Schaden anrichtet.

Ein bis zwei Aufträge bekommt Marjorie pro Monat. Meistens sind es Hausarbeiten, Bachelor- oder Masterarbeiten. Die Nachfrage ist so groß, dass sie allein vom akademischen Schreiben lebt. Ihre Zielgruppe sind diejenigen unter den 2,8 Millionen Studenten in Deutschland, die ihre Abschlussarbeiten nicht alleine schreiben können oder wollen. Die Motive ihrer Kunden sind Marjorie egal, sie sagt nur: "Faule wird es immer geben."

Eine Bachelorarbeit mit 40 Seiten kostet stolze 2000 Euro

Marjorie verlangt im Durchschnitt 50 Euro pro Seite, das macht für eine Bachelorarbeit mit 40 Seiten stolze 2000 Euro. In guten Monaten macht die Ghostwriterin nach eigener Angabe bis zu 10 000 Euro Umsatz. Wenn die Nachfrage besonders groß ist, hilft ein Kollege aus. Die beiden kommunizieren fast ausschließlich über E-Mail. Sie weiß nicht, wie er aussieht, obwohl die beiden seit acht Jahren zusammenarbeiten. Die Autorin erfährt nie mehr als unbedingt nötig: Thema, Seitenzahl, Abgabetermin. Das ist alles. Offiziell weiß sie nicht einmal, dass sie eine Bachelorarbeit schreibt, zumindest wird das nicht ausgesprochen. Sogar unter Kollegen herrscht absolute Diskretion.

"Was wir da machen, ist ganz klar Schattenwirtschaft", sagt Marjorie. Ihr Produkt verkauft sie mit einem Warnhinweis. Auf den Arbeiten steht: "Die erstellten wissenschaftlichen Arbeiten dürfen nicht als Prüfungsarbeiten an Hochschulen eingereicht werden!" Werde die Arbeit unverändert mit einer eidesstattlichen Erklärung eingereicht, das schreibt sie ihren Kunden in die Manuskripte, dann machten sie sich persönlich strafbar. Doch natürlich ist sie sich darüber im Klaren, dass praktisch jeder ihrer Auftraggeber genau das vorhat.