Digitalisierung an Schulen:"Kein Zweifel, welche Strategie Google mit dem Angebot verfolgt"

Experten sind angesichts der milden Gaben aus Mountain View hin- und hergerissen. "Zunächst einmal ist es wunderbar, wenn Firmen Schulen großzügige Rabatte gewähren", sagt Bill Fitzgerald, Direktor Datenschutz bei der gemeinnützigen Organisation Common Sense, die Lehrer, Eltern und Schüler beim Einsatz von Medien berät. Und auch Douglas Levin, der mit seiner Firma Edtech Strategies Regierungen und Kultusbehörden bei technologischen Entscheidungen unterstützt, verweist darauf, dass viele Schulen ohne die Unterstützung durch Google kaum die Mittel hätten, sich mit zeitgemäßer Technik auszurüsten.

Zugleich beschleicht beide Fachleute jedoch ein ungutes Gefühl, wenn sie die Beteuerungen des Konzerns hören, es gehe bei dem wirtschaftlichen Minusgeschäft nur um "einen gleichberechtigten Zugang aller Menschen zu Information". "Wenn jemand seine Produkte dauerhaft unter den Herstellungskosten abgibt und Auskunft darüber verweigert, wie das wirtschaftlich funktioniert, ist Misstrauen angebracht", sagt Fitzgerald. Auch passten sich Kinder, die "permanent in einer technologischen Monokultur lernen", dieser Monokultur irgendwann an. Sie verlören so den Blick für andere Anbieter und Möglichkeiten. Levin wird sogar noch deutlicher: "Es besteht kein Zweifel, welche Strategie Google mit dem Angebot verfolgt: Schüler und Lehrer sollen an die Plattformen und Programme des Unternehmens gewöhnt und gebunden werden." Ein Vorwurf, den Google sogar bestätigt, wenn auch indirekt: "Kinder werden erwachsen und gehen zur Universität, wo wir ihre weitere Ausbildung ebenfalls unterstützen", sagt ein Firmensprecher. "Sie brauchen sich nicht mit neuen Systemen herumschlagen, sondern können einfach studieren und lernen."

Das Schulprogramm als Einstiegsdroge also? Google ist längst nicht der einzige Konzern, dem vorgeworfen wird, die Naivität und Begeisterungsfähigkeit von Kindern gezielt zu nutzen, um die Käufer von morgen zu formen. Doch es gibt eine wichtige Besonderheit: "Google ist in allererster Linie ein Werbeunternehmen - 86 Prozent aller Einnahmen stammen aus dem Werbegeschäft", sagt Berater Levin. "Wir haben also allen Grund zur Annahme, dass auch der Ausflug auf den Bildungsmarkt dem Ausbau des Kerngeschäfts dient."

Der Verdacht: Hinter dem vermeintlichen Altruismus der Firma steckt in Wahrheit eine gezielte Schnüffelattacke. Während Kunden in der Vergangenheit erst gewogen und vermessen wurden, wenn sie als Jugendliche oder junge Erwachsene ein privates Nutzerkonto eröffneten, startet dieser Prozess heute schon im Grundschulalter - lange bevor die Kinder zum ersten Mal selbst auf einen "Kauf"-Button klicken. Für ein Unternehmen, das die Werbewirtschaft mit der Botschaft betört, seine Nutzer exakt zu kennen, ist das von unbezahlbarem Nutzen. "Es wäre sehr begrüßenswert, wenn Google endlich genau sagen würde, welche Schüler-Daten man sammelt, was damit passiert und wie lange sie gespeichert werden", sagt Fitzgerald. "Wir wüssten auch gerne, welche Informationen Google aus dem Schülerkonto überträgt, wenn ein Jugendlicher seinen ersten privaten Account eröffnet."

Google räumt ein, Schülerdaten zu sammeln, sagt aber, diese würden nur zur Verbesserung der Bildungssoftware genutzt. Auch würden keine personenbezogenen Informationen gespeichert - wie überhaupt das Geschäft mit personalisierten Daten für den Konzern längst nicht so bedeutend sei, wie immer behauptet werde. Zudem habe man alle einschlägigen Selbstverpflichtungen zum Schutz der Privatsphäre von Schülern unterschrieben. Es gehe deshalb weniger um die Profile der Kinder als darum, dafür zu sorgen, "dass die nächste Generation nicht nur Konsument, sondern zugleich auch Schöpfer von Technologie wird". Auch könnten Kunden - alte wie junge - das Sammeln persönlicher Daten weitgehend unterbinden, indem sie in ihrem Konto unter dem Punkt "Einstellungen" die richtigen Häkchen setzen. Nur: Kaum einer kennt diese Möglichkeit, und Google tut aus nachvollziehbaren Gründen wenig, um den Missstand zu beheben.

Experten wie Levin nehmen die Aussagen zur Kenntnis, verweisen aber auch auf "die Geschichte fragwürdigen Verhaltens", die Google mit sich herumschleppe. So hatte das Unternehmen im vergangenen Jahr auf Anfrage eines Senators einräumen müssen, dass es zeitweise sehr wohl personalisierte Schülerdaten gesammelt hatte.

Doch so wichtig die wirtschaftlichen, technologischen und datenschutzrechtlichen Aspekte auch sind - die "Googlifizierung" des Klassenzimmers wirft noch eine ganz andere, eher philosophische Frage auf: Worin genau sollen Schulen Kinder im Informationszeitalter eigentlich unterrichten? Sollen sie weiterhin lehren, wer Pythagoras war und wie sich dessen berühmter Satz mathematisch beweisen lässt? Oder ist es, wie manche Google-Manager empfehlen, sinnvoller, vor allem Technologieunterricht zu erteilen? Schließlich lässt sich heute mit wenigen Mausklicks klären, wie lang die Diagonale eines Rechtecks ist. Kyle Lockhart, der fröhliche Fünftklässler, müsste nicht lange überlegen, welche der beiden Varianten er für attraktiver hielte - ihn haben die Technologiepäpste aus dem Silicon Valley längst für sich gewonnen: "Google ist einfach superpraktisch!"

© SZ vom 14.06.2017/mkoh
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