Betriebswirtschaft Braucht es das BWL-Studium?

Erstsemester-Studenten bei einer Begrüßungsveranstaltung an der Uni Hannover. Die meisten Studienanfänger belegen BWL.

(Foto: dpa)

BWL ist der beliebteste Studiengang an deutschen Hochschulen. Im Beruf konkurrieren die Absolventen jedoch oft mit fachfremden Kollegen, die das Wirtschaften eher nebenbei lernen. Ist die Disziplin überflüssig?

Von Moritz Schnorpfeil

Zwei Wochen hat sie Zeit, um die wichtigsten Inhalte der Betriebswirtschaftslehre zu erlernen. Saskia Schneider ist Psychologin, bislang hat sie am Institut für Sexualmedizin der Berliner Charité gearbeitet. Jetzt soll sie für die Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) Unternehmen optimieren.

Dafür absolviert sie das zweiwöchige BWL-Bootcamp der Beratung: Gemeinsam mit acht Ingenieuren, Philosophen und anderen Exoten lernt sie jene Grundprinzipien der BWL, die in ihrem neuen Job unverzichtbar sind. Doch wie kann es sein, dass sich das Wichtigste einer ganzen Disziplin in wenigen Wochen zusammenfassen lässt? Schneider ist als Psychologin in der Unternehmensberatung kein Einzelfall. "Bei uns liegt der Anteil an BWLern und Nicht-BWLern bei ungefähr 50 zu 50", sagt Philipp Jostarndt, Partner und Recruitingchef bei BCG.

Die Exoten bringen Diversität ins Team und seien unverzichtbar für den Projekterfolg. Sein Lieblingsbeispiel: der Musikwissenschaftler, der als Projektleiter die Steuerung eines Hochofens in einem Stahlwerk optimiert. Und auch in anderen Sektoren machen sich die Fachfremden in BWL-Jobs breit. 2,2 Millionen Arbeitnehmer üben laut Bundesagentur für Arbeit in Deutschland betriebswirtschaftliche Tätigkeiten aus. Von ihnen haben aber nur 1,7 Millionen ein betriebswirtschaftliches Studium absolviert.

Job Wer netzwerkt, ist noch lange kein Bittsteller
Job

Wer netzwerkt, ist noch lange kein Bittsteller

In vielen Berufen kommt man ohne Kontakte nicht weiter. So lassen sie sich knüpfen und pflegen.   Von Felicitas Wilke

Dem Ruf des BWL-Studiums tut das nicht gerade gut. Zwar kennen viele BWLer das Klischee, sie seien angepasst, unkreativ und langweilig. Doch gleichzeitig gelten sie eben auch als fleißig, clever und vor allem: kompetent in ihrem Feld. So ließen sich bislang schließlich ihre hohen Einstiegsgehälter rechtfertigen. Und so hat sich die BWL zum beliebtesten Studiengang Deutschlands gemausert. Doch wenn jetzt Geistes- und Naturwissenschaftler ins Herz des BWL-Territoriums vordringen, stellt das die Mär vom langweiligen, aber kompetenten BWLer infrage. Sind BWLer derart ersetzbar?

"Der Großteil meines Studiums war stumpfes Auswendiglernen", sagt Andreas Fiege, der in Wirklichkeit anders heißt und Absolvent der privaten European Business School in Oestrich-Winkel ist. Fiege absolvierte während des Studiums Praktika bei Beratungen und Banken, später arbeitete er bei mehreren Start-ups, heute leitet er sein eigenes Unternehmen in Berlin.

Inhaltlich gut vorbereitet habe ihn sein Studium auf diese Herausforderungen jedoch nicht, sagt er. Den Stoff hätten die Studierenden kurzfristig in sich reingestopft, um ihn in der Prüfung wieder auszuspucken. "Bulimie-Lernen" hieß das, angelehnt an die mit Hungerattacken einhergehende Essstörung. Das Gelernte konnte nach der Prüfung, musste gar, sofort wieder vergessen werden. Schließlich stand die nächste Prüfung unmittelbar bevor.

Für Praktika ist genug Zeit, für kritisches Hinterfragen und nachhaltiges Lernen nicht

Heute stellt Fiege für seine Firma selbst Mitarbeiter ein - auch BWLer. Von deren Universitäten wünscht er sich, dass sie weniger aufs Auswendiglernen setzen. Stattdessen sollten Gruppenarbeit und kritisches Hinterfragen in den Fokus rücken. "Das ist doch der Unterschied zwischen BWL und Fächern wie Jura oder Medizin. Ein Arzt muss nun mal alle Krankheitsbilder kennen, da führt kein Weg am Auswendiglernen vorbei." Ein BWLer dagegen müsse vor allem Kreativität, analytische Fähigkeiten und "people skills" mitbringen. Fähigkeiten also, die beim Auswendiglernen eher auf der Strecke bleiben.

Auch Kornelia Huegli hat an einer Spitzenuniversität BWL studiert. Auch ihr Lebenslauf liest sich beeindruckend. Und auch sie hinterfragt den inhaltlichen Nutzen ihres Studiums. "Irgendwelche Details des Steuerrechts, die ich vor drei Jahren einmal auswendig gelernt und danach nie mehr gesehen habe, bringen mir natürlich heute nicht mehr viel", sagt die Absolventin der Universität St. Gallen.