Schule Quereinsteiger sollen Berufsschulen retten

Ein Berufsschullehrer führt einen Auszubildenden an einer Schule in Sindelfingen in die Fertigkeit des Schweißens ein.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Die berufliche Bildung sei so viel wert wie die akademische, betont die Politik. Doch zunehmend fehlen Lehrkräfte - die wahre Lehrernot werde klein gerechnet, kritisieren Experten.

Von Jan-Martin Wiarda

Eigentlich kann das nicht so kompliziert sein. In der Werkstatt hantieren sie auch ständig mit Autobatterien. Doch als Christian Göbel einen Schaltkreis an die Tafel zeichnet, sitzen die elf Jungs reglos da. Verziehen keine Miene, als ihr Lehrer erklärt, dass sie gleich mit dem Multimeter die Spannung messen. Und den Innenwiderstand. Was war noch mal der Innenwiderstand?

Zehn Jungs mit Kapuzenpulli, einer mit Basecap, kein Mädchen: die Klasse 117.14B des Oberstufenzentrums Kraftfahrzeugtechnik (OSZ KFZ) in Berlin-Charlottenburg . Also die eine Hälfte, denn heute ist Laborunterricht. Die elf wollen KFZ-Mechatroniker werden. Das heißt: Zwei Wochen arbeiten sie im Betrieb, lernen Reifen wechseln, Diagnosegeräte bedienen, Ersatzteile einbauen. Es folgt eine Woche Berufsschule, dann notieren sie Formeln, lösen Arbeitsblätter. Sie melden sich, damit der Lehrer sie dran nimmt. Oder ducken sich, damit genau das nicht passiert.

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Es ist ein ständiges Wandern zwischen den Welten auf dem Weg in den Beruf, und dieses Wandern hat einen Namen, der - so behaupten zumindest die Politiker - international einen hervorragenden Klang hat: duale Ausbildung. Eine ziemlich einzigartige Verknüpfung von Theorie und Praxis, die am Ende hoch qualifizierte Facharbeiter hervorbringen soll. Kaum irgendwo ist die Jugendarbeitslosigkeit so niedrig wie in Deutschland.

Das ist die eine Hälfte der Geschichte. Die andere fand sich zuletzt häufiger in den Nachrichten. Die Berufsausbildung hat ein Imageproblem. Mehr als 50 Prozent eines Altersjahrgangs drängt an die Hochschulen, Firmen finden keine Azubis mehr. "Nach dem Pisa-Schock haben wir den Jugendlichen 20 Jahre lang erzählt, dass der wahre Mensch mit dem Abitur beginnt", sagt Petra Jendrich, die den Ausschuss für Berufliche Bildung der Kultusministerkonferenz leitet. Das sei in Unkenntnis der Kompetenzen, die eine duale Ausbildung vermittle, geschehen. Inzwischen habe ein Umdenken eingesetzt, lobt Jendrich, doch das dauere.

Gleichzeitig bekommen viele Jugendlichen keinen Ausbildungsplatz. Mangels Qualifikation, oder weil die Betriebe zu wählerisch sind. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) nutzt jede Gelegenheit, die "Gleichwertigkeit" von akademischer und beruflicher Bildung zu betonen. Zuletzt plädierte sie dafür, es solle bei den Ausbildungsabschlüssen einen "Berufsbachelor" und "Berufsmaster" geben. Die Hochschulen protestieren: Identische Bezeichnungen für unterschiedliche Kompetenzen führten zu Intransparenz. Auch in den Berufsschulen regt sich Widerstand. "Mehr Anerkennung schaffe ich nicht durch Titel, sondern indem Berufsschulen die politische Unterstützung bekommen, die sie brauchen", sagt Ronald Rahmig. Er ist Vorsitzender von "Berufliche Bildung Berlin", einer Vereinigung von Leitern berufsbildender Schulen. Aber im Hauptberuf leitet Rahmig das OSZ KFZ, an dem Christian Göbel unterrichtet.

Studien zeigen, dass das Imageproblem der Berufsschulen auch den Lehrermangel verschärft: Bis 2030 könnten 26 500 voll ausgebildete Pädagogen fehlen (siehe Kasten). Schon heute sind in Berlin 20 Prozent der neuen Berufsschullehrer Quereinsteiger ohne reguläres Lehramtsstudium. Noch höher liegt ihr Anteil an Schulen, die auf technische Berufe vorbereiten.