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Schule:"Persönliche Krisen können den Schulalltag stark belasten"

Situationen wie nach dem Attentat von Nizza sind ja zum Glück kein Alltag.

Das ist glücklicherweise die Ausnahme. Aber auch persönliche Krisen können den Schulalltag stark belasten, etwa wenn ein Schüler bei einem Verkehrsunfall stirbt, oder eine Lehrkraft in der Schule einen Herzinfarkt bekommt. Auch Suizidversuche von Schülern habe ich erlebt. Phasenweise waren Amokdrohungen von Schülern ein Versuch, um Klausuren zu verhindern. Natürlich muss nicht immer gleich der Schulpsychologe kommen, sondern manchmal erst der Krankenwagen, die Feuerwehr oder die Polizei. In Notsituationen sind wir kurzfristig vor Ort, und versuchen, die Beteiligten zu stabilisieren und die Schulleitung und Schulaufsicht zu beraten, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Unser Ziel ist, Ruhe ins System zu bringen.

Was hat sich nach dem Amoklauf in Erfurt vor mittlerweile 16 Jahren in der Schulpsychologie verändert?

In den Jahren nach Erfurt haben alle Bundesländer Konzepte zur Gewaltprävention und Krisenintervention entwickelt. Einige Bundesländer wie Baden-Württemberg haben die Anzahl an Schulpsychologen deutlich erhöht. Dennoch ist Deutschland schulpsychologisch deutlich unterversorgt. In Großstädten wie Berlin, Hamburg, München oder Düsseldorf besteht die beste Versorgung, ein Schulpsychologe für circa 5000 Schülerinnen und Schüler. Nach Erhebungen des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen liegt der Durchschnitt in Deutschland bei 1:8600. Besonders dramatisch ist die Situation in Niedersachsen und Sachsen. Dort ist ein Schulpsychologe für 15 000 oder sogar 16 000 Schulpflichtige zuständig. In vergleichbaren Ländern wie Kanada, den USA, Skandinavien oder der Schweiz ist die schulpsychologische Versorgung deutlich besser: In Zürich oder Kopenhagen 1:800. Dort findet man an jeder größeren Schule einen Schulpsychologen.

Sie sind selbst ausgebildeter Lehrer. In Berlin und anderen Bundesländern ist das für Schulpsychologen nicht selbstverständlich. In Bayern haben sie alle ein Staatsexamen und müssen außerdem einen Abschluss im Fach Schulpsychologie machen. Wie beurteilen Sie das aus Ihrer Praxiserfahrung heraus?

Es ist gut, wenn ein Schulpsychologe pädagogische Erfahrung hat, weil er so das System Schule besser kennt und versteht und dadurch bei Lehrkräften mehr Akzeptanz erfährt. Allerdings haben die Kollegen in Bayern keinen Master oder Diplom in Psychologie, sondern studieren als Lehrkraft das Wahlfach Schulpsychologie. Außerdem unterstehen die bayerischen Schulpsychologen der jeweiligen Schulleitung und sind dadurch weniger unabhängig. Schulpsychologische Beratung sollte aber von der Schulleitung unabhängig sein. In Bayern müssen Schulpsychologen zudem hauptsächlich unterrichten, die meisten sind nur mit vier oder sechs Wochenstunden für Beratungstätigkeit freigestellt. Schulpsychologen sollten aber vom Unterricht freigestellt sein.

Durch den Zuzug von Geflüchteten hat sich einiges in den Schulen geändert. Was bedeutet das für die Arbeit von Schulpsychologen?

Integration und Inklusion sind keine neuen Themen. In deutschen Großstädten sind Schulen bereits seit Jahrzehnten mit der pädagogischen Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, das heißt mit Sprachproblemen und Kulturdilemmata, beschäftigt. Gerade Schulen haben in den vergangenen Jahren einen wesentlichen Anteil an der Integration der Flüchtlingskinder geleistet. Als wichtig betrachte ich hierbei, den Kindern und Jugendlichen möglichst schnell den Zugang zur Schule zu ermöglichen, auch wenn der Status der Familie noch nicht geklärt ist. Die verordnete Passivität in Flüchtlingsheimen führt zu Resignation. Das beste Mittel gegen Resignation und Traumatisierungen sind Aktivität im Alltag, Arbeitsmöglichkeiten und das Gefühl von Selbstwirksamkeit: "Ich kann mir ein neues Leben aufbauen."

© SZ vom 26.01.2018/mkoh
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