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Würzburg:Twitternde Politiker sollten einfach mal die Klappe halten

Ob Renate Künast oder CSU-General Andreas Scheuer: Zwischen einem Unglück und den ersten Meinungsbeiträgen im Internet verstreichen gefühlt nicht mehr als drei Millisekunden - frei von jeder Sachkenntnis.

Kommentar von Sebastian Beck

Inzwischen ist es leider so, dass zwischen einem Unglück und den ersten Meinungsbeiträgen im Internet gefühlt nicht mehr als drei Millisekunden verstreichen. Am Dienstag um 0.22 Uhr twitterte die Grünen-Politikerin Renate Künast: "Tragisch und wir hoffen für die Verletzten. Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden???? Fragen!"

Zu diesem Zeitpunkt mitten in der Nacht hatten weder Journalisten noch Polizei einen Überblick über den Tathergang. Das konnte Künast nicht davon abhalten, frei von jeglicher Sachkenntnis schon mal den Verdacht zu äußern, dass die Polizei ohne Not den mutmaßlichen Täter erschossen haben könnte. Sekundiert wurde sie dabei vom Journalisten Jakob Augstein, der in Anspielung auf die Gewalttaten in den USA via Facebook verbreitete: "Eine brutalisierte Polizei kann für jeden einzelnen Bürger zur Gefahr werden." Und weiter: "Gerechtigkeit entsteht vor Gericht. Nicht durch tödliche Schüsse." Auch Augstein darf man unterstellen, dass er von den Umständen des Polizeieinsatzes genauso wenig Ahnung hat wie alle anderen, die daran nicht beteiligt waren.

Im Netz brandete sogleich die übliche Hysteriewoge auf, die sich auch CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer zunutze machte: "Die afghanische Axt-Attacke ist schrecklich und zutiefst zu verurteilen. @RenateKuenast stellt sich auf Seite des Täters. Das ist pervers." Wohlgemerkt: Es ist nach Scheuers Lesart nicht die Tat eines Afghanen, sondern eine afghanische Tat - also mehr so was Kulturspezifisches. Bayerns Justizminister Winfried Bausback fordert nun den Rücktritt von Künast aus dem Rechtsausschuss des Bundestages.

Wenn nicht dauernd jeder labern müsste, dann könnte man an diesem Dienstag auch mal froh sein, dass nicht noch Schlimmeres passiert ist in Würzburg. Und ja, der Polizeieinsatz wird analysiert werden müssen. Ausnahmsweise muss man der Deutschen Polizeigewerkschaft mal voll recht geben, wenn ihr Vorsitzender Rainer Wendt von "Klugscheißern" spricht und vorschlägt: "Vielleicht sollte man Politikern grundsätzlich empfehlen, bei solchen Ereignissen 24 Stunden lang nicht zu twittern." Leider wird der Wunsch nie in Erfüllung gehen.

© SZ vom 20.07.2016/bica
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