bedeckt München 18°

Würzburg:Logopäde wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht

Pk zu den Ermittlungen im Würzburger Kinderporno-Fall

In seiner Logopädie-Praxis soll der Verdächtige im Würzburger Kinderporno-Fall Buben missbraucht haben.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Ein Logopäde hat sich über Jahre mehrfach an Kindern vergangen, die er in seiner Praxis betreute. Darunter waren auch körperlich und geistig behinderte Buben
  • Dabei nutzte er verschiedene Strategien und Ausreden, um nicht aufzufliegen.
  • Der Mann machte kinderpornografische Aufnahmen seiner Opfer und verbreitete sie im Darknet.

Von Olaf Przybilla, Würzburg

Es dauerte vier Wochen, ehe eine Mutter ihre Sprache wiederfand. Im April 2019 war das, und wer der 29-Jährigen zugehört hat in dieser Zeit, der wird den Ton nicht wieder vergessen, in dem sie ihre Worte setzte. Sehr bestimmt klang das, ganz klar und reflektiert - und trotzdem spürte man in jedem ihrer Sätze, wie sich da jemand beherrschen musste, um nicht überwältigt zu werden von der Wut, der Erschütterung und dem Ekel. Nachdem die Mutter eines sechsjährigen Buben mit schwerer Behinderung im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung geschildert hatte, wie es ihr ergangen ist, seitdem sie wusste, dass ihr Kind in einer Würzburger Einrichtung sexuell missbraucht worden ist, sagte sie etwas, das ihr hörbar nicht leicht über die Lippen ging. Er gehöre nun aber leider zur Wahrheit, sagte sie. Der Gedanke an das, was ihrem Kind da offenbar widerfahren sei, "löst Mordgedanken in einem aus". Sie habe seither das Gefühl, förmlich keine Luft mehr zu bekommen.

Von Donnerstag an muss sich ein 38-jähriger Logopäde wegen schweren sexuellen Missbrauchs, Vergewaltigung, sexueller Nötigung, sexuellem Übergriffs mit Gewalt und Verbreitung kinderpornografischer Schriften vor dem Würzburger Landgericht verantworten. Der Mann, der in Würzburg zwei Praxen für Logopädie und Psychomotoriktherapie betrieben hatte, soll sich in 66 Fällen an sieben Kindern vergangen haben, darunter an körperlich und geistig behinderten Buben. Manche von ihnen waren sechs Jahre, die Jüngsten erst zwei Jahre alt. Der Mann soll die Buben nicht nur missbraucht, sondern auch zahlreiche kinderpornografische Bilder angefertigt und im sogenannten Darknet - dem nicht offen zugänglichen Teil des Internets - verbreitet haben. Aufgeflogen waren die Vorwürfe gegen den Sprachtherapeuten im März 2019. Zuvor hatte er dafür geworben, Kinder stets "ganzheitlich" zu betrachten, und war drei Jahre vor seiner Festnahme für sein Engagement mit einem Unternehmerpreis ausgezeichnet worden.

Nach der Festnahme war einiges zu erfahren über die Arbeit der Cyber-Ermittler. So soll der offenkundig überrumpelte Logopäde gerade am Computer gesessen haben, als Polizei und Staatsanwaltschaft zur Hausdurchsuchung bei ihm anrückten. Fahnder berichteten später, dass ihnen das die Arbeit erheblich erleichtert habe, immerhin mussten sie so nicht erst Passwörter knacken und sich zu verschlüsselten Dateien vorarbeiten. Insgesamt stellten die Fahnder mehr als 23 000 kinderpornografische Fotos und Filme auf dem Computer des Mannes sicher. Hauptsächlich sind dies wohl Fremdaufnahmen, aufgenommen an mehreren verschiedenen Orten der Welt. Einen geringeren Teil dieser Bilder soll der Logopäde aber auch selbst von seinen Opfern erstellt haben. Als Tatorte sollen dem Angeklagten dabei seine zwei Logopädie-Praxen in Würzburg gedient haben sowie ein Kinderhaus und eine Kindertagesstätte, in denen er zusätzlich freiberuflich gearbeitet hatte. Der Logopäde wurde noch am Tag der Hausdursuchung festgenommen, seither sitzt er in Untersuchungshaft. Sein Partner, der in einer der betroffenen öffentlichen Einrichtungen eine Leitungsfunktion innehatte, war zunächst ebenfalls festgenommen worden. Gegen ihn erhärtete sich der Verdacht auf eine Mittäterschaft jedoch nicht.

Die Ermittler - federführend zuständig war die in Bamberg angesiedelten Zentralstelle Cybercrime Bayern - gehen davon aus, dass der Logopäde seine Opfer gezielt ausgesucht hatte. Aufgrund ihres Alters oder ihrer zum Teil hochgradigen Behinderung dürfte der Sprachtherapeut die Gefahr, dass sich die missbrauchten Kinder ihren Eltern oder Betreuern anvertrauen, als gering eingeschätzt haben. Jeden der Buben, heißt es aus Ermittlerkreisen, soll der Logopäde so lange missbraucht haben, wie er beruflichen Kontakt zu ihm hatte. Erst danach habe er sich am nächsten Kind vergangen - womöglich um sicher zu gehen, dass sich die Buben nicht untereinander austauschten. So soll das Jahre lang gegangen sein, mindestens seit 2012, womöglich auch schon einige Jahre zuvor. Die Mitarbeiter der Betreuungseinrichtungen sollen davon nichts mitbekommen haben.

Im SZ-Gespräch hatte eine der betroffenen Mütter geschildert, dass sie schon bald bemerkt habe, wie sich ihr schwerbehinderter Sohn in der integrativen Einrichtung "zum Negativen verändert" habe. Unter anderem litt er an unregelmäßigem Schlaf. Die Familie habe daraufhin um Gespräche gebeten. Bedenken der Eltern, dass womöglich etwas nicht stimme in der Einrichtung, seien indes stets abgetan worden. Auch bei einer der Logopädiestunden zu hospitieren, gelang der 29-Jährigen nie. In allen anderen Therapiestunden sei das möglich gewesen, in der Logopädie nicht - da habe der Sprachtherapeut "immer Ausreden gefunden". So seien Kinder angeblich nicht richtig konzentriert, sobald die Eltern dabei seien. Aufgrund ihres Bauchgefühls habe sie 2018 - lange vor der Aufdeckung des Falls - eine andere Einrichtung für ihren Sohn gesucht und gefunden. Seither sei dieser "wie ausgewechselt".

Die Jugendschutzkammer hat elf Verhandlungstage anberaumt. Laut Staatsanwaltschaft hat der 38-Jährige die Vorwürfe teils eingeräumt. Teile des Prozesses dürfte unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, um die Betroffenen zu schützen.

© SZ vom 04.03.2020/wean
Ulrike Tümmler-Wanger und Stefan Port von Kibs

SZ Plus
Sexueller Missbrauch
:Es ist okay, Schwäche zu zeigen

Missbrauchsopfer glauben oft, ihr Leid verstecken zu müssen. Ulrike Tümmler-Wanger und Stefan Port beraten seit knapp 20 Jahren Jungen und junge Männer, die sexualisierte Gewalt erlebt haben.

Von Kathrin Aldenhoff

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite