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Wirtschaft:Kathrein sperrt sein Mobilfunkwerk zu

Anton Katherein, 2013

Großumbau: Hauptgesellschafter und Chef Anton Kathrein hat den Konzern von seinem Vater, der 2012 überraschend gestorben war, übernommen.

(Foto: Claus Schunk)

Hohe Kosten, Absturz der Nachfrage und sinkende Umsätze: Von der Schließung des größten Arbeitgebers in Nördlingen sind 700 Mitarbeiter betroffen

Die Meldung hat viele Beteiligten sehr überrascht. Erst vor Kurzem hatte das Nördlinger Mobilfunkwerk des Rosenheimer Kathrein-Konzerns bei der Arbeitsagentur Donauwörth gemeldet, wie viele Auszubildende es im Herbst 2016 einstellen werde. Doch am Dienstagnachmittag glaubten die Arbeitsvermittler kurz ihren Sinnen nicht, als sie plötzlich hörten, dass das Unternehmen Kathrein Mobilcom Nördlingen komplett zugesperrt werden soll. Und das bereits im April. "Das war ein riesiger, überraschender Schlag", sagt Irene Stürze, Bereichsleiterin der Arbeitsagentur, "das hatte sich überhaupt nicht abgezeichnet." Erst im September hatten neue Lehrlinge in dem Werk angefangen. Insgesamt stehen nun 700 Mitarbeiter, davon 32 Auszubildende, von einem Tag auf den anderen vor dem Nichts.

Die ersten 200 sollen bis Jahresende entlassen werden, die restlichen 500 zum 30. April. Danach ist Kathrein - bislang immerhin der größte Arbeitgeber der Stadt und einer der größten im Landkreis Donau-Ries - in Nördlingen Geschichte. "Das hat mich getroffen wie eine Keule", sagt Nördlingens Oberbürgermeister Hermann Faul. 2014 habe es aus dem Unternehmen noch positive Signale gegeben, bei mehr als 1000 Mitarbeitern sei man voll ausgelastet gewesen. Allerdings wurden Anfang 2015 alle befristet Angestellten und alle Zeitarbeiter entlassen, da zeichnete sich der Einbruch schon ab. Dennoch sagt Faul: "Wir waren erst mal perplex." Die Standort-Schließung habe nicht nur Auswirkungen auf das Ries, sondern "auch ins Mittelfränkische und Baden-Württembergische", wo ebenfalls Mitarbeiter leben. "Das wird schwer", sagt Faul, "insbesondere für die ungelernten Mitarbeiter."

Irene Stürze von der Arbeitsagentur drückt sich moderater aus: "Das ist sicherlich eine Herausforderung, aber eine, die man bewältigen kann." Sie spricht von einer "exzellent guten Lage" am Arbeitsmarkt des Landkreises Donau-Ries. Die Arbeitslosenquote in ihrem Agentur-Bezirk liege bei 2,2 Prozent. Unter drei Prozent spreche man von Vollbeschäftigung, diese Marke werde auch künftig nicht überschritten. Ob das die zahlreichen ungelernten Arbeiter trösten wird, die jetzt einen neuen Job suchen müssen? 80 Prozent der Betroffenen sind Frauen, mehr als die Hälfte Ungelernte. Die Bestürzung nach der Betriebsversammlung am Montag war entsprechend groß. Am Dienstag informierte die Arbeitsagentur alle Kollegen über mögliche Auswege aus der Misere. Irene Stürze kündigt "maßgeschneiderte Qualifizierung" und "Vollumschulungen" an.

Konzern-Chef und Hauptgesellschafter Anton Kathrein stellt allen Arbeitnehmern ein Abfindungsangebot in Aussicht. Er begründet den drastischen Schritt mit einem "unerwarteten Absturz der Nachfrage". Nach den "Boomjahren" durch den Ausbau der LTE-Netze sei nun plötzlich der Markt eingebrochen. "Wir hatten eigentlich mit steigenden Umsätzen gerechnet", sagt der 31-jährige Diplom-Ingenieur. "Aber wider Erwarten ist die Nachfrage eingebrochen und hat sich auch nicht mehr erholt." Die vorhandenen Überkapazitäten hätten den Preisdruck zusätzlich verschärft. Kathrein sei deshalb gezwungen, "wie die Konkurrenz zu deutlich geringeren Kosten" im Ausland zu produzieren. Künftig will er Mobilfunkantennen zu niedrigen Kosten in Rumänien, China und Mexiko herstellen.

"Diese Entscheidung gehört zu den schwersten in der Geschichte von Kathrein", sagt Vorstandsmitglied Frank Ullmann. Das Management habe in den vergangenen Monaten verschiedene Optionen durchgerechnet. "Leider mussten wir feststellen, dass wir eine Serienproduktion in Nördlingen wirtschaftlich nicht länger darstellen können", sagt Ullmann. "Alles andere wäre ein Sterben auf Raten gewesen", sagt Anton Kathrein. Die Zukunft des Gesamtkonzerns sei aber nicht gefährdet, betont er: "Wir sind nach wie vor weltweit Markt- und Qualitätsführer, nur der Preis war zu hoch."

Die Kathrein-Gruppe mit Stammsitz in Rosenheim beschäftigt weltweit 8900 Personen, davon 3700 in Deutschland. 2014 machte sie etwa 1,5 Milliarden Euro Umsatz, Gewinne werden nicht kommuniziert. Mit dem Abschied aus Nördlingen setzt Vorstandschef Anton Kathrein seinen Konzernumbau fort. Erst im September hatte er bekanntgegeben, dass in Rosenheim 300 Arbeitsplätze abgebaut werden. Kathrein gilt als Weltmarktführer in der Herstellung von Antennen - mit zehn Produktionsstandorten weltweit von Österreich bis Brasilien und mit Vertriebsbüros in etwa 60 Ländern.

Konzern-Chef Anton Kathrein ist der Enkel des gleichnamigen Firmengründers, der 1919 im Ein-Mann-Betrieb Blitzableiter für Stromleitungen und später für Radioantennen herstellte. 1972 übernahm dessen Sohn Anton die Geschäfte und baute die Firma zum global tätigen Konzern aus. Er starb Ende 2012 überraschend im Alter von 61 Jahren. Daraufhin nahm der dritte Anton Kathrein als damals 28-Jähriger auf dem Chefsessel Platz.

Das Tochterunternehmen Kathrein Mobilcom Nördlingen war erst im Jahr 2000 gegründet worden. Damals hatte Kathrein das stillgelegte Videorekorder-Werk des japanischen Herstellers Sanyo übernommen.