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Wirtschaft:Aus Bellenberg in die Welt

Online-handel

Internethändler sind nicht auf Standorte in Ballungsräumen angewiesen, doch Fachleute fehlen.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

In einem schwäbischen Dorf vertreibt ein Online-Händler erfolgreich Backzutaten. Gerade auf dem Land könnte das Geschäft im Internet neue Arbeitsplätze schaffen

Die karibische Limettentorte zum Beispiel wird im Set zugeschickt, 500 Gramm Kuvertüre-Chips, 500 Gramm Cheesecake New Yorker Art und 220 Gramm Kokos-Paste. Die restlichen Zutaten sind im Supermarkt erhältlich. Schuhe und Kleidung, Technik und Bücher, der Handel verlagert sich immer mehr ins Internet, warum auch nicht mit Nahrungsmitteln - und eben Backwaren. Mehr als fünf Millionen Euro Umsatz im Jahr macht das Unternehmen Hobbybäcker aus Bellenberg, einem kleinen Ort ein gutes Stück südlich von Neu-Ulm an der Grenze zu Baden-Württemberg. Das Geschäft geht gut, obwohl Hobbybäcker eigentlich ein Exot ist unter den Online-Händlern: Die meisten Unternehmen dieser Art haben ihren Sitz in großen Städten, wie eine Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben zeigt.

"Man könnte sich ja vorstellen, dass Online-Händler große Städte meiden", sagt Matthias Köppel von der IHK, einer der Autoren der Studie. Online-Händler sind nicht auf teure Innenstadtlagen angewiesen: Eine Webseite ist von überall aus steuerbar, Waren können auch vom Land aus ohne Probleme verschickt werden. Trotzdem sitzen die meisten Online-Händler laut Studie in Schwaben in und um Augsburg herum, in Kempten und Kaufbeuren oder auch in Neu-Ulm. Dort haben sie eine bessere Internetanbindung und vor allem bessere Chancen, speziell geschulte Fachkräfte anzuwerben. Die kommen direkt von den Hochschulen in der Nähe und schätzen die Lebensqualität in der Stadt.

Dass es auf Fachleute ankommt, wissen die Experten bei Team23, die bei der Studie mitgearbeitet haben. "Agentur für neue Medien" nennt sich das Unternehmen, das an einer schicken Adresse im Glaspalast in Augsburg sitzt und Firmen bei komplexen Projekten im Internet berät. Kunden sind Kuka, Dehner, Interhyp, für die Stadtsparkassen in ganz Deutschland betreut Team23 die digitalen Oberflächen. "Man kann es sich als Unternehmen heute nicht mehr leisten, einfach ein bisschen Online-Handel nebenbei zu machen", sagt Agenturgründer Fabian Ziegler. Das Geschäftsfeld E-Commerce entwickle sich schnell. "Das kann keiner vom Marketing zusätzlich machen: Da braucht es einen eigenen E-Commerce-Leiter." Genügend Bewerber für solche Stellen zu haben, sei schwierig - der Standort deshalb wichtig.

Vor zehn Jahren sei es noch einfacher gewesen, ein Online-Geschäft aufzubauen, sagt Ziegler. Viele Geschäftsleute dächten aber noch immer in zu kleinem Maßstab. Wer einen stationären Laden eröffne, investiere schnell ein paar Hunderttausend Euro, bei einem Online-Handel falle das kaum jemandem ein. Dabei müsse man auch groß investieren, damit das Online-Geschäft eine Chance hat. "Es braucht ein hochwertiges Design, die Webseite muss auch auf dem Handy funktionieren und gut über Google zu finden sein." Nichts sei schlimmer als lange Wartezeiten und unübersichtliche Oberflächen. Dann springen die Kunden schnell zur nächsten Seite. Automatisierung heißt außerdem das Zauberwort: Kunden erwarten, dass ihre Päckchen schnell angeliefert werden, da muss die Logistik reibungslos funktionieren. Und die Homepage muss ständig auf ihre Effektivität hin überprüft werden. Vielleicht kaufen die Kunden mehr, wenn ein Button ein Stück weiter links platziert wird? "Amazon hat pro Tag 4000 Veränderungen auf seiner Homepage", sagt Ziegler.

Dabei ist das Internet für Firmen eine Chance, sich ganz neue Absatzmärkte zu erschließen. Team23 etwa hat für Raab Vitalfood eine digitale Strategie entwickelt. Das Unternehmen, das nahe bei Ingolstadt sitzt, vertreibt seit mehr als 25 Jahren Lebensmittel und belieferte vor allem Reformhäuser. Durch den Online-Handel ist die Firma nun heraus gekommen aus ihrer Nische und spricht eine ganz neue, junge Zielgruppe an, die ihr gesundes und hippes Superfood vor allem über das Internet kauft.

Friedrich-Christian Grimm sagt, dass er "viel Lehrgeld" bezahlt habe, nachdem er vor ein paar Jahren den Hobbybäcker übernahm und voll auf Online-Handel trimmte. Dass sein Unternehmen auf dem Land angesiedelt ist, sieht er positiv: Die Mitarbeiter - übrigens fast nur Frauen, viele davon in Teilzeit - stehen so gut wie nie im Stau, sie identifizieren sich mit ihrem Arbeitgeber, haben niedrige Lebenshaltungskosten - und 10 000 Quadratmeter Grundfläche mit 2000 Quadratmeter Lagerfläche "bekommt man in der Stadt nicht", sagt Grimm. Die Trends im E-Commerce geht er mit, die Homepage von Hobbybäcker ist voll mobilfähig. Die Kunden schätzen das Angebot, auch als Hobbybäcker Artikel bestellen zu können, die es sonst nur für den Profibäcker gibt. Der Kundenkontakt bleibt bei Hobbybäcker trotzdem wichtig und wird nicht wie bei manchen Online-Händlern an Callcenter ausgelagert: Ein Servicetelefon ist mit acht Mitarbeitern besetzt, die auch bei Rezepten beraten und Hilfe stellen, wenn das Brot mal nichts geworden ist.