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Waldfeste:Wie viele Münchner kann der Tegernsee noch aushalten?

Als "Sauftouristen" fallen sie über die Gegend her, nicht einmal die traditionellen Waldfeste sind noch vor ihnen sicher. Eine Geschichte über Leitkultur.

Im Internet kursieren inzwischen Warnhinweise für die Gäste aus der Stadt: "Faschingstracht ist in jeder Form zu vermeiden!" - "Junggesellenabschiede sind allgemein lästig." Und als Bitte an alle: "Bleibt's freindlich!" Wer den Tegernsee und die traditionellen Waldfeste ein paar mal besucht hat, merkt natürlich, wie zwecklos die Hinweise sind. Die Besucher aus der Stadt machen längst, was sie wollen.

Die sogenannten Waldfeste gibt es seit hundert Jahren, und dass sie nicht im Wald, sondern meistens auf Wiesen oder Dorfplätzen stattfinden, ist nur eines von einer ganzen Reihe Missverständnisse. Jedes Wochenende im Sommer finden in den Dörfern im Tegernseer Tal zwei oder drei von diesen Festen statt. Die Sportvereine organisieren sie, um ihre Kassen zu füllen.

Und sie glotzten die Dorfbewohner an wie "exotisches Getier"

Ein paar Bierbänke, Blaskapelle, Grillhendl und Bier - im Grunde bieten die Feste nicht mehr als ein durchschnittlicher Biergarten. Und trotzdem werden sie jedes Wochenende von tausenden Münchnern "überrannt". Sagen die Einheimischen. Die "Stoderer", wie sie sie nennen, parkten außerdem rücksichtslos die Straßen voll, betränken sich schon auf dem Hinweg, randalierten auf dem Rückweg und glotzten zwischendurch die Dorfbewohner an "wie exotisches Getier".

Die Diskussion, wie viele Münchner der Tegernsee noch aufnehmen kann, ist schon alt, aber sie nimmt in Zeiten von Facebook an Schärfe zu. Erst waren es die Sommerfrischler, dann die Kurgäste, die Fußballmillionäre und die Fans des Tegernseer Biers, die aus der Stadt ins Tal pilgerten. Nun kommen die Trachtentouristen noch dazu.

Man muss sagen: Die idyllischen Dörfer um den See leben gut von den Besuchern. Aber die Beliebtheit hat auch Kehrseiten. An Wochenenden im Sommer umspannt den See oft ein fast durchgehender Verkehrsstau, nicht wenige Anwohner fühlen sich wie Ausstellungsstücke eines großen Alpen-Themenparks. Die Waldfeste, auf denen man bis zuletzt noch vergleichsweise unter sich war, sind die letzte Bastion, die die "Stoderer" nun auch noch für sich entdeckt haben.

Der Umgang damit spaltet das Tal. Viele freuen sich über das gute Geschäft, andere lästern über den Ausverkauf der Tradition und drohen damit, Baumstämme auf die Zufahrtsstraßen zu legen, damit wenigstens die Partybusse aus der Stadt wegbleiben.

Die Frage ist: Wer hat hier eigentlich recht? Die Einheimischen, die sich von arroganten Städtern bedrängt fühlen? Oder die Münchner, die ja auch jedes Oktoberfest ein paar Millionen Biergäste mit albernen Hüten aushalten, ohne gleich Petitionen zu starten? Um die Frage zu beantworten, begibt man sich also mit einem Münchner Partybus (Prosecco Red Bull für 6,50 Euro) auf die Reise zu den Waldfesten.

Man besucht den Veranstalter des größten Fests am See, der mit Gegendemonstranten und Kommerzvorwürfen zu kämpfen hat. Man spricht mit dem Tegernseer Kabarettisten Harry G über die seltsame Anziehungskraft der Feste und setzt sich an den Stammtisch des örtlichen Trachtenvereins, der auf "Sauftouristen" und "Isarpreißn" schimpft.

Am Ende zeigt die Geschichte beispielhaft, wie eine ländliche Gegend mit massenhafter Zuwanderung umgeht. Wie Fremde, die sich keiner Schuld bewusst sind, mit gutgemeinter Anpassung (Stichwort Faschingstracht) alles noch viel schlimmer machen. Und warum Worte wie "Obergrenze" und "Leitkultur" nicht nur in der Politik zu Streit und Chaos führen.

Tegernsee Die Invasion der Isarpreißn
Tegernseer Waldfest

Die Invasion der Isarpreißn

Bei den Tegernseer Waldfesten waren die Einheimischen jahrzehntelang unter sich. Dann kamen die Münchner. Ein Lehrstück über Leitkultur.   Von Jan Stremmel