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Wagner-Festspiele:Ein Sprechchor zum Empfang

Auch beim Auftakt in Bayreuth gibt es Protest gegen die CSU. Dafür bekommt Ministerpräsident Markus Söder sein Foto mit der Kanzlerin

Von Claudia Henzler, Bayreuth

Normalerweise ist die Eröffnung der Bayreuther Festspiele ein Wohlfühltermin, es geht um edle bis gewagte Roben und die prominenten Ehrengäste, die von den Schaulustigen freundlich bis enthusiastisch beklatscht und von Bayreuths Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe auf dem roten Teppich persönlich begrüßt werden. Bayerns neuer Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat sich sicherlich auf diesen Termin gefreut. Nicht nur wegen der schönen Bilder mit Ehefrau Karin im Abendkleid, es war auch eine Gelegenheit, sich quasi zufällig mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu treffen. Nach Wochen des Flüchtlingsstreits sieht es derzeit ja immer noch so aus, als ob sie im Landtagswahlkampf keinen Auftritt absolvieren soll, weil sie von vielen in der CSU als Belastung empfunden wird. Gleichwohl hat Söder gemerkt, dass der Streit mit Merkel ihm und seiner Partei enorm schadet.

Bayreuth bot sich also als Gelegenheit an, sich mit der Kanzlerin zu zeigen, ohne dass ihm allzu große Nähe unterstellt wird. Leider haben ihm ein Dutzend Studentinnen und Studenten aus Bayreuth den Auftritt ziemlich versaut. Während etliche Politiker - vom bayerischen SPD-Fraktionsvorsitzenden Markus Rinderspacher bis hin zu CDU-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen - um Autogramme gebeten wurden, hob bei Söders Ankunft ein Sprechchor an: "Say it loud, say it clear - refugees are welcome here", skandierten die Studenten. Sie hatten es am Wochenende nicht zur "ausgehetzt"-Demo nach München geschafft und wollten ihren Protest gegen die CSU-Flüchtlingspolitik bei dieser Gelegenheit ausdrücken, was ihnen eine erkennungsdienstliche Behandlung, aber auch lobende Kommentare einiger Zaungäste einbrachte. Andere empfanden es hingegen als ziemliche Unverschämtheit, dass Söder "in seinem eigenen Franken" so etwas passierte. Der Ministerpräsident war ob des Sprechchors jedenfalls ziemlich schnell im Festspielhaus verschwunden und kam erst wieder heraus, als die Kanzlerin vorfuhr. Ein Bild mit Merkel gibt es also, und das ist vermutlich die Hauptsache.

Auf der Gästeliste standen neben einigen deutschen Showgrößen die Mitglieder der Bundesregierung, das bayerische Kabinett und die ehemaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und Günter Beckstein. Das gehört sich so, denn Bund und Freistaat sind Gesellschafter der veranstaltenden Festspiele GmbH. Für internationalen Flair sorgten die Ministerpräsidenten von Tschechien und der Niederlande, Andrej Babiš und Mark Rutte. Aber auch Thomas Gottschalk, der für die Zaungäste den Inbegriff des Glamours darstellt, war dieses Jahr wieder dabei - im zahmen dunklen Anzug, was seine Frau Thea durch ihr goldglänzendes Outfit wettmachte. Sonst bleibt festzustellen, dass Sportmoderator Marcel Reif noch deutlich bekannter ist als seine Frau Marion Kiechle. Aber die ist ja auch erst seit kurzem Bayerns Wissenschaftsministerin.

Die Festspiele eröffneten dieses Jahr mit "Lohengrin" unter Regie des als unkonventionell geltenden US-Amerikaners Yuval Sharon, dirigiert von Christian Thielemann. Dabei war besonders spannend, wie Bühnenbild und Kostüme aussehen würden, war doch das bekannte Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy für die Optik der diesjährigen Neuinszenierung zuständig.

Nachtkritik

In diesem Jahr war die Spannung in Bayreuth vor der Eröffnungspremiere am Mittwochnachmittag besonders groß. Und fast wäre die Neuinszenierung von Richard Wagners "Lohengrin" nur ein grandioses Sänger- und Dirigentenfest geworden. Piotr Beczała in der Titelrolle ist jedenfalls ein strahlender Italian Lover voller Raffinesse, Anja Aarteros als seine Elsa eine bewegende Schmerzensfrau, und Christian Thielemann dirigiert sich immer wieder mal direkt ins Elysium. Aber es gibt da noch das Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy, und sie erzählen über Wagner hinweg die bittere Geschichte vom Scheitern der Aufklärung. Dafür stecken sie Buhs ein, alle anderen werden vom Premierenpublikum hymnisch, aber kurz gefeiert. Reinhard J. Brembeck

© SZ vom 26.07.2018

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