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Verkehrsprojekt:Reichenhaller Grabenkämpfe um Umgehungsstraße

Seit 50 Jahren tobt der Streit über eine Umgehungsstraße. Weitere Vorschläge fachen ihn erneut an.

Von Matthias Köpf, Bad Reichenhall

Jeder solle nur fünf Minuten reden dürfen, lautete der Antrag, den einer der Bad Reichenhaller Stadträte am Dienstagabend noch vor Beginn der Debatte gestellt hatte. Also musste erst einmal eine Weile über diesen Antrag diskutiert werden. Aber darauf kam es am Ende auch nicht mehr an, so wie es auch kaum darauf angekommen wäre, wenn jeder Stadtrat zu dem eigentlichen Thema gleich eine oder zwei Stunden gesprochen hätte, wozu der eine oder andere locker in der Lage wäre. Schließlich wird in Bad Reichenhall schon seit bald einem halben Jahrhundert über eine Umgehungsstraße gestritten, die längste Zeit über in Form des sogenannten Kirchholztunnels. Seit Dienstagabend sind nun offiziell vier weitere Varianten im Spiel, der Streit hat wieder eine breitere Basis.

Dabei hat der Bundestag vor zwei Jahren einen neuen Bundesverkehrswegeplan beschlossen und die Umgehung für Reichenhall wieder in den "Vordringlichen Bedarf" eingestuft, aus dem sie 2003 schon herausgerutscht war. Als vordringliches Projekt hätte der Tunnel von 2016 durch den Berg im Osten der Stadt getrieben werden können, doch das zuständige Straßenbauamt Traunstein wollte lieber nicht in die ewigen Reichenhaller Grabenkämpfe geraten und machte einen einigermaßen einhelligen Wunsch der Lokalpolitik zur Bedingung.

Das wäre wohl auch dann zu viel verlangt gewesen, wenn nicht inzwischen der in Bad Reichenhall geborene und im nahen Freilassing residierende Stahl- und Bauunternehmer Max Aicher eine neue Variante ins Spiel gebracht hätte: Aicher ließ seine Leute einen "Auentunnel" skizzieren, der zwischen der bestehenden Bundesstraße und der Saalach im Auwald vergraben werden soll. Das hätte für Aicher den Vorteil, dass über die Trasse auch die Lastwagen mit dem Aushub für ein Pumpspeicherwerk fahren könnten, das Aicher seit vielen Jahren am nahen Poschberg bauen will. Den Aushub wiederum, reinen Dolomit, könnte er bei der Stahlproduktion brauchen. Um das ganze Poschberg-Projekt war es schon sehr still geworden, doch Aicher hält unbeirrt daran fest.

Die Stadträte sehen sich dem Patriarchen zu Dank verpflichtet, seit der die alte Seilbahn auf den Predigtstuhl gekauft und es der Stadt so erspart hat, ihr defizitäres Wahrzeichen am Ende selbst übernehmen zu müssen. Dass die Stadträte trotz aller Bedenken wegen des Natur- und des Hochwasserschutzes Aichers Auentunnel vom Straßenbauamt prüfen lassen wollen, stand schon eine Weile fest. Nun haben sie dem noch drei weitere mögliche Tunnel hinzugefügt. Sie alle sollen unter der Erde dem Verlauf der jetzigen Bundesstraße folgen, was von den Behörden schon einmal verworfen worden war. Die erste Variante sieht jeweils eine Fahrspur pro Richtung vor, die zweite jeweils zwei Spuren. Die dritte Variante würde den Verkehr von und nach Berchtesgaden an der Oberfläche lassen, während darunter der Verkehr Richtung Lofer fließen würde.

Nach älteren Zählungen macht der Durchgangsverkehr fast zwei Drittel der vielen Autos und Lastwagen aus, die sich Tag für Tag durch das Tal bei Reichenhall quälen. Ein Großteil davon wiederum ist innerösterreichischer Verkehr von Salzburg nach Lofer über das sogenannte kleine deutsche Eck. Ein neuer Tunnel werde nur noch mehr Transitverkehr anziehen, lautet eine Befürchtung in Bad Reichenhall. Eine andere lautet, dass mit der immer neuen Prüfung teils längst begrabener Varianten jede Lösung nur noch weiter verzögert wird.

© SZ vom 13.09.2018/huy
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