"The Producers" in Regensburg:Es juckt im Stechschritt

"The Producers" in Regensburg: In Regensburg bringen sie "The Producers" auf die Bühne, als würde man dort nie etwas anderes machen als Musical in Perfektion.

In Regensburg bringen sie "The Producers" auf die Bühne, als würde man dort nie etwas anderes machen als Musical in Perfektion.

(Foto: Jochen Quast)

Das Theater Regensburg bringt Mel Brooks' "The Producers" auf die Bühne. Und beweist, dass man über singende Nazis lachen kann.

Von Egbert Tholl

Es dauerte 15 Jahre, bis dieses Meisterwerk endlich in Bayern zu sehen ist, 15 Jahre, in denen man sich wunderte, weshalb sich kein Theater- oder Opernhaus getraute, dieses Stück herauszubringen oder wenigstens die deutschsprachige Erstaufführung aus Wien hierher einzuladen. In Berlin war es mal zu Gast, in München nie. Warum? Weil man keine Scherze über Nazis machen darf? In Schwerin hat man sich daran gewagt und nun in Regensburg. Wunderbar.

1967 drehte Mel Brooks den Film "The Producers", 2001 machte er daraus ein Musical, das den Begriff von Erfolg am Broadway neu definierte, 2005 wurde es verfilmt. Mel Brooks' ironischer Kommentar dazu: "Ich bin wahrscheinlich der erste Jude, der mit Hitler richtig viel Kohle verdient." Vermutlich traut sich das auch nur ein jüdischer Komiker.

Die Story: Der abgehalfterte Broadway-Produzent Max Bialystock und der Buchmacher Leo Bloom verfallen der Idee, dass mit einem Riesenflop mehr Geld zu verdienen ist als mit einem Hit. Der Plan: Sie bringen das schlechteste Musical aller Zeiten heraus, suchen sich dafür die miesesten Darsteller und den unbegabtesten Regisseur, das Ding überlebt seine Premiere nicht, also muss man auch keinen Geldgeber am Gewinn beteiligen - und dann auf nach Rio.

Bialystock sammelt mit beträchtlichem Körpereinsatz Geld bei einsamen, alten Damen, als Regisseur engagiert er die völlig durchgeknallte Tunte Roger DeBris, und ein Stück findet sich auch, "Frühling für Hitler" von dem reichlich wahnsinnigen Franz Liebkind, der auf einem Hochhausdach mit seinen Tauben redet, ihnen Hakenkreuzbinden anlegt, einen Stahlhelm trägt und irgendwie noch nicht ganz glaubt, dass der Krieg zu Ende sei.

Dazu engagieren Bialystock & Bloom die schwedische Sekretärin Ulla Inga Hansen Benson Yonsen Tallen-Hallen Svaden-Svanson (in der Musical-Verfilmung gespielt von Uma Thurman), alles scheint perfekt für den Flop - und dann wird das Musical ein Sensationserfolg.

In Regensburg bringen sie das Teil auf die Bühne, als würde man dort nie etwas anderes machen als Musical in Perfektion. Chor, Ballett, Opernsolisten, Schauspieler des Hauses und das Orchester unter Alistair Lilley arbeiten zusammen, als wäre man am Broadway.

Und Regisseur Dominik Wilgenbus geht zusammen mit seinen Ausstattern Peter Engel und Claudia Doderer so weit, wie man in Deutschland wohl gerade noch gehen kann, wenn man sich einen Riesenspaß mit Nazis und Nazi-Insignien auf der Bühne erlaubt. Das Stück im Stück, also "Frühling für Hitler", ist eine durchgeknallte Revue um einen schwulen Hitler, die sich nicht einmal vor der Filmversion verstecken muss, Hakenkreuzmassenchoreografien inklusive.

"The Producers" in Regensburg: Das Stück braucht knapp 20 Solisten.

Das Stück braucht knapp 20 Solisten.

(Foto: Jochen Quast)

Von allen Witzen über Nazis und Hitler, die sich ja meist aus deren absoluter Ästhetik speisen, sind diese drei Stunden schon sehr weit vorne dabei. Und doch erzählt Mel Brooks hier noch viel mehr, erzählt eine Männerfreundschaft und analysiert den Kunstbetrieb, den Massengeschmack und die professionelle Wahrnehmung in einem dichten Gefüge herrlicher Unverschämtheiten.

Dominik Wilgenbus fährt dazu, mit eigenem Stil werktreu, ein Gehhilfen-Ballett auf und bringt alle politischen Unkorrektheiten auf die Bühne, die zwar in der deutschen Übersetzung einen winzigen Tick milder sind als etwa in den Untertiteln der Verfilmung - aus dort "Großdeutschland" wird "Vaterland" -, aber von Darstellern verkörpert werden, von denen drei einfach zum Küssen sind.

Man lacht über Wahn im Allgemeinen

Vor allem Benno Schulz als Leo Bloom ist sagenhaft reizend. Voller Zwangsneurosen und kindlicher Begeisterung, scheu, schüchtern und sehr gescheit, der freundlichste Hysteriker der Welt. Sebastian M. Winkler ist neben ihm als Max Bialystock ein halbgenialischer Filou, und Martina Fender macht in der Rolle der Ulla sogar Uma Thurman vergessen.

Natürlich, das Stück braucht knapp 20 Solisten, viele davon in mehreren Rollen, da können nicht alle nur Staunen machen. Aber das sind marginale Einwände, die nach ein paar Vorstellungen vermutlich ohnehin an Substanz verlieren werden. Und man muss die paar Minuten des allerersten Bildes vergessen, die sind einfach hoppelig. Aber dann rast die Aufführung durch. Danach hat man eine Handvoll Ohrwürmer im Kopf, die nur sehr schwer wieder loszuwerden sind.

Dazu lacht man ja nicht über das Grauen, das die Nazis verursachten, das ginge nicht. Man lacht, fast schon transzendiert, über Wahn im Allgemeinen. Und ob es da um Deppen in Tracht oder Knallchargen in SS-Uniform geht, scheint fast aufs Selbe hinauszulaufen. Denn es ist ja auch Theater auf dem Theater, Metapher und Spiel, herrliches Spiel.

© SZ vom 15.12.2016/amm
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB