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Streit um Erstaufnahmeeinrichtung:Wenn eine Flüchtlingsstadt Angst vor Flüchtlingen hat

Die Zimmer für Flüchtlinge, die eine Ausbildung machen sollen, sind bezugsfertig.

(Foto: Sophie Burfeind)
  • Die Stadt Waldkraiburg im Landkreis Mühldorf entstand nach dem Krieg, als sich Flüchtlinge aus Süd- und Südosteuropa in etwa 400 Bunkern im Wald ansiedelten.
  • Eine Erstaufnahmeeinrichtung für mindestens 500 Flüchtlinge lehnte der Stadtrat von Waldkraiburg ab - viele Bürger befürworten die Entscheidung.
  • Im Berufsförderungszentrum Peters sollen nun 100 anerkannte Flüchtlinge während ihrer Ausbildung untergebracht werden, weitere 250 Asylbewerber in einer Gemeinschaftsunterkunft leben - auch ohne die Zusimmung der Stadt.

Warum Hans Lehner sich ärgert, versteht man, wenn man die Tür zu Zimmer 321 aufsperrt. Es ist klein, ein bisschen in die Jahre gekommen vielleicht, aber hell, geräumig, mit Blick in grüne Baumwipfel. Alles ist da. Bett, Schreibtisch, Kleiderschrank, sogar ein Fernseher. Nur ein Bewohner fehlt. Den ganzen Flur entlang gibt es solche Zimmer, fast alle stehen leer.

Hans Lehner wollte hier, im Internatsgebäude des Berufsförderungszentrums Peters, eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber unterbringen. Eine mit Bar und Kicker, keine Baracke mit Stockbetten. Die Regierung von Oberbayern und der Landrat waren dafür. Der Stadtrat war dagegen. Und das ausgerechnet in Waldkraiburg?

Wenn eine Flüchtlingsstadt Angst vor Flüchtlingen hat

Waldkraiburg ist eine Flüchtlingsstadt. Wer sehen will, wo die Geschichte des Ortes beginnt, fährt zum Bunker 29, heute ein Industriemuseum. 400 Bunker dieser Art waren im Krieg im Wald versteckt, dort wurde Pulver für die Rüstungsindustrie hergestellt. Mehr gab es nicht.

Nach 1946 siedelten sich Tausende Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus Ost- und Südosteuropa an den Fabrikgebäuden an, bauten Häuser und gründeten Betriebe. 1950 entstand die Gemeinde "Waldkraiburg". Heute leben in der Stadt 24 000 Menschen aus mehr als 80 Nationen. Hans Lehner sagt: "Wenn die Bewohner des Landkreises Mühldorf damals genauso gehandelt hätten, würde es die Stadt Waldkraiburg nicht geben."

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"Erstmal sollen die Deutschen drankommen"

Ganz Deutschland treibt derzeit die Frage um, wo die vielen Flüchtlinge untergebracht werden sollen, die Woche für Woche kommen. In jedem Landkreis wird händeringend nach Unterkünften gesucht. Fast alle Waldkraiburger haben Mütter oder Väter, die hier einmal Asyl gesucht haben. Müsste so eine Stadt Menschen auf der Flucht nicht besonders herzlich empfangen?

Ein Nachmittag auf der Straße, eine kurze Umfrage. Immer wieder fallen Sätze wie: "Ich hab ja nichts gegen diese Leute, aber die sollen nicht in kleine Städte kommen." Das sagt ein 82-Jähriger, der in der Nähe "vom Peters" wohnt, wie es hier heißt. Ein Mann um die 60 sagt: "Wir waren ja Deutsche, das hat mit diesen Flüchtlingen nichts zu tun." Er ist 1956 aus Ungarn geflohen.

Ein 25-Jähriger, der mit seinem Rad unterwegs ist, findet: "Wir können nicht alle aufnehmen." Eine 35-jährige Frau sagt: "Erst mal sollen die Deutschen drankommen." Das ist ein paar Meter vom Bildungszentrum entfernt. Einige Kilometer weiter im Stadtzentrum - dasselbe. Vorurteile, Ängste, kein Verständnis. "Wir haben hier schon ein multikulturelles Publikum, mit 1400 Asylbewerbern hätten wir keine ruhigen Tage mehr", sagt ein Mann um die 40. "Das wäre ein Fremdkörper mitten in der Stadt gewesen", erklärt ein anderer.

Flüchtlinge als Auszubildende - auch ohne Zustimmung der Stadt

Wäre gewesen. Denn das mit der Erstaufnahmeunterkunft hat sich ohnehin erledigt. Der Stadtrat stimmte gegen die Pläne der Regierung und von Hans Lehner. Er ist der Hauptgesellschafter des Berufsförderungszentrums. Lehner gibt aber nicht auf. Sein neuer Plan: Von Oktober an sollen 100 anerkannte Flüchtlinge im Berufsbildungswerk untergebracht werden, um eine Ausbildung zu machen.

Für weitere 200 bis 250 Asylbewerber soll auf dem Gelände eine Gemeinschaftsunterkunft entstehen. Die Zustimmung der Stadt braucht er dafür nicht mehr. Ausbilden darf er, wen er will. Auch deshalb würde man gern wissen, wie die neuen Pläne wohl im Rathaus ankommen.

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Im Büro des Bürgermeisters. Ein großer Raum, kahl, ohne Bilder an den Wänden, grauer Teppich. Robert Pötzsch (UWG) nimmt auf einem schwarzen Ledersessel Platz. Er sieht müde aus. Vielleicht, weil ihm zu oft dieselbe Frage gestellt wurde. Ihr seid doch eine Flüchtlingsstadt, wie könnt ihr gegen Flüchtlinge sein? Seine Antwort kommt prompt: "Wir sind nicht gegen Flüchtlinge." Und: "Wir leisten sehr wohl unseren Anteil."

"Flüchtlinge - und ringsherum stirbt alles aus"

Pötzsch erklärt, dass die Stadt Waldkraiburg im Landkreis Mühldorf schon jetzt am meisten Asylbewerber aufnehme. Die Erstaufnahmeunterkunft habe der Stadtrat nur abgelehnt, weil so viele Flüchtlingen gekommen wären. 500 Menschen hätten es mindestens sein müssen, bis zu 1400 hätten es werden können. "Das ist ein Wohn- und Freizeitgebiet und da mit einem Schlag 500 Leute unterzubringen, ob das Deutsche oder Flüchtlinge sind, die nichts zu tun haben - das hätte einen Brandherd erzeugt", ist Pötzsch überzeugt.

Druck kam auch von den Anwohnern. Die hätten gesagt, ihre Wohnung seien dann nichts mehr wert und gedroht, wegzuziehen. Für den Bürgermeister der "Untergang": "Da haben wir da hinten 1400 Flüchtlinge und ringsherum stirbt alles aus."

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Die neuen Pläne findet er gut. In der Stadt würden Fachkräfte gesucht - anerkannte Flüchtlinge im Ort auszubilden, sei für beide Seiten eine Chance. Wieso nun auf einmal eine Gemeinschaftsunterkunft in Ordnung geht? "Es sind einfach die Mengen", erklärt der Bürgermeister, "eine Gemeinschaftsunterkunft mit 200 oder 250 Leuten ist etwas ganz anderes, als da 500 oder mehr unterzubringen." Pötzsch klingt entschieden. Er sagt, dass man die Situation heute nicht mit der nach dem Krieg vergleichen könne. "Früher war nichts hier, es gab ein paar Bunker und sonst nur Wald. Die Leute, die damals herkamen, haben die Stadt zu dem aufgebaut, was sie ist." Jetzt sei schon alles da - also kein Vergleich.

Eine Stadt in der Verantwortung

Einer sieht das ganz anders. Jochen Fischer war von 1984 bis 2002 Bürgermeister in Waldkraiburg, er vertrat die CSU. "Auch in den Siebziger- und Achtzigerjahren sind viele Aussiedler aus Siebenbürgen, Ungarn und dem ehemaligen Jugoslawien gekommen, da gab es die Stadt doch schon", entrüstet sich der 83-Jährige. Fischer ist selbst Flüchtling, 1946 floh er mit seiner Familie aus Schlesien.

Er bezeichnet den Umgang der Stadt mit Flüchtlingen als "Armutszeugnis". "Die überwiegende Mehrzahl an Einwohnern waren mal Flüchtlinge, wir sind alle mal aufgenommen worden." Die Diskussion um die Unterkunft sei zu emotional und zu wenig sachlich gewesen. Der Altbürgermeister sagt: "Wenn jemand Flüchtling ist und Asyl sucht, egal welcher Hautfarbe, ist er ein Mensch, dem geholfen werden muss."

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Noch einmal auf der Straße. Vor einem Supermarkt steht ein Mann um die 60, dessen Eltern Sudetendeutsche sind. Er ist etwas versöhnlicher gestimmt. "Irgendwo müssen die Menschen ja hin, wenn ihnen in der Heimat die Bude weggeschossen wird", sagt er. "Die Stadt hat da schon eine Verantwortung."