Schule 100 Islamlehrer in Bayern fürchten um ihre Existenz

Seit zehn Jahren lernen muslimische Schüler in Bayerns Schulen über ihren Glauben, nun ist unklar, wie es nach den Sommerferien weitergeht.

(Foto: Oliver Berg/dpa)
  • Nach zehn Jahren läuft der Modellversuch im Juli aus, noch ist nicht klar, ob es nach den Sommerferien weitergeht.
  • Dabei wird das Fach von Experten und vielen Politikern als erfolgreich eingestuft.
  • Am Regelbetrieb hängt allerdings auch die Professionalisierung der Ausbildung.
Von Anna Günther

Fünf Monate vor den Sommerferien ist nicht klar, ob es mit dem Islamischen Unterricht in Bayern weitergeht. Nach zehn Jahren wird der Modellversuch Ende Juli enden. An den Schulen laufen längst die Planungen für das kommende Schuljahr, aber ob 16 000 muslimische Mädchen und Buben weiter in der Schule über ihren Glauben lernen, ist nach wie vor offen. Viele der 100 Islamlehrer haben schon jetzt Existenzangst: Mehr als 90 Prozent sind lediglich angestellt, nicht verbeamtet.

Im Kultusministerium spielt man auf Zeit. Zwar laufen Gespräche zwischen der Staatsregierung und Lehrerverbänden, und eine Kommission zur Weiterentwicklung des Lehrplans wurde erst kürzlich wieder einberufen. Das würde kaum Sinn ergeben, wenn mit dem Juli auch der Islamische Unterricht zu Ende geht. Aber Schulminister Michael Piazolo (Freie Wähler) will sich nicht positionieren. Er verweist auf die Evaluation, die das Institut für Schulqualität und Bildungsforschung durchführt. Noch in diesem Schuljahr soll das Gutachten fertig sein. Hauruck-Aktionen will seit dem G 8 niemand mehr, trotzdem verrinnt weiter Zeit. 100 000 junge Muslime lernen in Bayern. Sollte es nach den Sommerferien keinen Islamunterricht mehr geben, bleibt ihnen die Ethikstunde.

Dabei ist unbestritten, dass sich der Islamunterricht positiv auf die Integration auswirkt. Schüler und Eltern fühlten sich wertgeschätzt, berichten Schulleiter. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte sich im Dezember für den Regelbetrieb ausgesprochen und Islamischen Unterricht als Prävention gegen Salafismus bezeichnet. Auch der Antisemitismusbeauftragte und frühere Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) fordert den Regelunterricht. Der Hintergrund ist einfach: Wenn staatlich ausgebildete Lehrer in der Schule Glaubensfragen besprechen und Schülern Toleranz vermitteln, lernen diese, einseitige Botschaften von Predigern kritisch zu hinterfragen.

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Lange hatte die Staatsregierung sich für mehr als 30 Jahre Erfahrung und das bayerische Modell mit staatlicher Ausbildung und Lehrplan gefeiert. Dann nahte die Landtagswahl, und die Entscheidung über die Zukunft des Islamunterrichts wurde auf Eis gelegt. Selbst Experten schwiegen lieber, um der AfD keine Angriffsfläche zu bieten und das Projekt nicht zu gefährden. Ex-Kultusminister Bernd Sibler stellte im Frühjahr 2018 klar, dass der Modellversuch nicht verlängert werde. Was danach geschieht, sagte er nicht, wollte die Evaluation abwarten - und schlug einen "vertieften Ethikunterricht" als eine Option vor.

Seit der Wahl im Herbst 2018 muss die CSU die Regierungsmacht teilen, die AfD sitzt im Parlament und die Freien Wähler stellen den Kultusminister. Schon das bislang letzte Gutachten 2014 hatte den Modellversuch als "erfolgreiches Angebot" eingestuft. Dies ist Voraussetzung für den bedarfsgerechten Regelbetrieb an Schulen. Daran hängt auch die Professionalisierung der Ausbildung. Derzeit können Pädagogen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg "Islamischen Unterricht" als Erweiterungsfach studieren - zusätzlich zu ihren Fächern, nicht aber als eigenes Gebiet mit Referendarsausbildung. Ohne Zukunftsperspektive scheuen Studenten vor dieser Mehrarbeit zurück. Aber Islamlehrer werden dringend gebraucht: 100 Lehrer teilen sich 350 Schulen, fahren Hunderte Kilometer im Monat.

Mehmet Yalçin betreut sieben Volksschulen in der Oberpfalz, seit 2002 unterrichtet er in Bayern. Die Stimmung unter seinen Kollegen sei sehr angespannt, sagt Yalçin, auch er wäre am 1. August arbeitslos und würde wie viele Kollegen ohne Job den Freistaat verlassen. Die Abwanderung der Lehrer wäre für ihn ein Verlust für Bayern, "schließlich haben wir das Ganze aufgebaut". Wer solle diese Kinder denn dann unterrichten, fragt Yalçin. Schon jetzt fehlten Lehrer an den Schulen.

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), sieht nur einen Weg: "Eine Zwischenlösung gibt es für mich nicht. Islamunterricht wirkt der Radikalisierung entgegen, bietet muslimischen Kindern Heimat in der Schule, das Regelangebot muss kommen." Im März 2018 war eine Petition des BLLV im Landtag gescheitert. Dass Piazolo, damals noch nicht Minister, die Petition unterstützt hatte, lasse sie hoffen, sagt Fleischmann.

Auch SPD und Grüne planen Anträge für Islamunterricht im Regelbetrieb: "Ich lasse mich nicht mehr mit der Evaluation abspeisen", sagt die SPD-Bildungsexpertin Margit Wild. "Gefahr geht von den religiös Halbgebildeten aus", sagt ihr Kollege Thomas Gehring (Grüne), das Regelangebot sei ein "unabdingbares Muss". Die FDP zieht einen konfessionslosen, gemeinsamen Ethikunterricht vor. Markus Bayerbach (AfD) lehnt Islamunterricht ab, er plädiert für Wertekunde, "um den Kindern den Rahmen klarzumachen, in den sie sich integrieren sollen".

Wer mit Schulleitern spricht, vernimmt große Hoffnung auf das Regelangebot und Pragmatismus. Falls es nach dem Sommer nicht weitergehen sollte, werde man schon einen Weg finden, zu gut seien die Erfahrungen mit dem Islamunterricht, heißt es. Am Pirckheimer-Gymnasium in Nürnberg läuft das Angebot seit sieben Jahren. Ärger mit Eltern, die ihre Töchter nicht zum Schwimmen oder ins Skilager lassen, kenne er nicht, sagt Direktor Benedikt Mehl und führt das auch auf den Islamunterricht zurück. Die zwei Islamlehrerinnen an der Schule unterrichten auch andere Fächer, aber wären trotzdem enttäuscht, sagen sie.

Wer sich mit Pirckheimer-Schülern unterhält, hört kluge, reflektierte Argumente zu Gesellschaftsthemen und leidenschaftliche Plädoyers für den Islamunterricht. Nach Siblers Ethik-Idee war es zu Protesten der Schülersprecher und des Elternbeirats gekommen, erzählt Mehl. Und zu einer Solidarisierung des Kollegiums mit dem Fach. Nach den Sommerferien keinen Islamischen Unterricht anzubieten, ist für den Nürnberger Direktor keine Option.

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