Regensburg:Mit Büchner änderte sich der Klang der Domspatzen

Kaum zehn Jahre später kam Roland Büchner. Mit ihm änderte sich der Klang der Domspatzen, er wurde voller, runder, breiter. Ältere Ehemalige sagen, ein Pianissimo wie unter Ratzinger in Rheinberges Abendlied oder im "Heilige Nacht", der letzten Zugabe in den Weihnachtskonzerten, werden die Domspatzen nie mehr hinbekommen - ein solches Pianissimo werde wohl keinem Chor gelingen.

Ob etwas dran ist oder nicht: Vor allem änderte sich die Chorpädagogik der Domspatzen. Im Internat war schon mehr als 15 Jahre zuvor unter einem neuen Direktor ein frischer Geist eingezogen, der den Humanismus zu vermitteln versuchte, der auch im hauseigenen Gymnasium im Mittelpunkt stand. Vor dem Konzertchor stand plötzlich ein Mann, Vater von vier Kindern, der die Knaben nicht mehr als "Deppen" bezeichnete, sondern als Männer.

Disziplin wurde jetzt nicht mehr durch autoritäres Schreien, Schimpfen oder sogar durch Schläge erzeugt, sondern durch Motivation. Roland Büchner ließ von Anfang an jedem seiner Sänger Einzelstimmbildung angedeihen. Als das Gymnasium von neun auf acht Jahrgänge gekürzt wurde, hatten die Männerstimmen plötzlich ein Jahr weniger Zeit, um sich zu entwickeln. Die in der Stimmbildung erlernte Technik half den Jugendlichen, das natürliche Volumen besser auszuschöpfen.

Die Pubertät macht sich bei den Knabenstimmen nun früher bemerkbar

Bei den Knabenstimmen macht sich die allgemeine Beschleunigung der Pubertät bemerkbar: Im Durchschnitt kommen Soprane und Altisten früher in den Stimmbruch als noch vor 30 Jahren. Mit Stimmbildung bleibt der Gesangsapparat des Einzelnen länger chorfähig. Manche Soprane singen vor dem Abschied in die Mutationspause noch einige Monate im Alt.

Es wirkt wie eine Ironie der Zeitläufte, dass ausgerechnet der Vollblutpädagoge Roland Büchner mit solchen Problemen zu kämpfen hat - die letztlich unter seinem Vorgänger und sogar noch dem Vorvorgänger verursacht wurden. Konnte Ratzinger sich die besten Knabenstimmen unter 60 bis 90 Schülern pro Jahrgang aussuchen, stehen Büchner nicht einmal mehr die Hälfte davon zur Verfügung. Auch andere Gymnasien in Regensburg bieten heute Ganztagsbetreuung an, dieses Alleinstellungsmerkmal haben die Domspatzen inzwischen eingebüßt.

Regensburg: Kleine Männer in feinem Zwirn: die Spatzen vor ihrem Dom und der Steinernen Brücke, den Wahrzeichen Regensburgs.

Kleine Männer in feinem Zwirn: die Spatzen vor ihrem Dom und der Steinernen Brücke, den Wahrzeichen Regensburgs.

(Foto: Regensburger Domspatzen)

Am stärksten brachen die Schülerzahlen jedoch ein, als vor sechs Jahren Fälle von sexuellem Missbrauch und von Misshandlungen publik wurden. Im Regensburger Internat der Domspatzen lagen die meisten dieser Übergriffe etwa vier Jahrzehnte zurück. Doch Eltern, die erwogen, ihren Sohn anzumelden, sahen die Schlagzeilen und waren abgeschreckt. Und heute kommen Geschichten aus den Sechziger- und Siebzigerjahren wieder hoch, weil das Bistum jahrelang ihre Aufarbeitung verschleppt hat.

Christine Eckert ist nun seit 15 Jahren Präfektin in der 5. Klasse der Domspatzen. Ihr ist bange: Nur noch zehn Internatsschüler, wenn das so weitergeht. Sie ist gebürtige Regensburgerin, kam mit den Domspatzen aber erst in Berührung, als sie hier ihr Praktikum als Erzieherin absolvierte. In ihrem Studiersaal sitzen Soprane, die gerade noch Palestrina gesungen haben, und rechnen ihre Mathe-Hausaufgabe. "Das Faszinierende an ihnen ist das, wozu sie sich beim Singen verwandeln und was sie dabei erzeugen", sagt Christine Eckert.

Schwerste Konzerte - mit weniger Proben und ohne brutalen Drill

Knabenchöre sind im besten Fall Klangkraftwerke, und wenn es je einem Physiker gelänge, die Energie daraus abzuschöpfen und umzuwandeln in Strom, könnte man damit eine Menge Geld verdienen. Im Konzertprogramm des letzten Sommers hatte Roland Büchner sieben zeitgenössische Komponisten, es waren aberwitzige Nummern darunter. Aber der Chor meisterte sie, obwohl er unterm Strich weniger probt als zu Ratzingers Zeiten. Anders gesagt: Mit der alten Drill-Methode hätte der Chor ein solches Pensum kaum bewältigt.

Die einen können mit Ratzingers Entschuldigungen nichts anfangen. Die anderen haben ihm längst verziehen. Man liest das auf Internetforen, man spürt es bei Ehemaligentreffen: Die gemeinsamen Kunsterlebnisse, die sie mit dem Domkapellmeister hatten, und die Begegnungen mit dem sehr umgänglichen Privatmann Ratzinger relativieren für manche die Akte seelischer Gewalt bei den Proben.

Aber das kann nur für jene gelten, die nicht fürs Leben verletzt worden sind. Der Sonderermittler des Bistums, Ulrich Weber, weiß inzwischen von mehr als 300 Fällen körperlicher Misshandlung, der überwiegende Großteil davon in der von den Domspatzen ausgelagerten Vorschule außerhalb Regensburgs. 50 Jungen wurden zudem sexuell missbraucht, auch zu Zeiten Ratzingers. Die Angst vor der großen Sext, diese verfluchte Angst ist geblieben. Sie wird sich nicht vertreiben lassen. Zum Glück können sich Domspatzen von heute über solche Macken nur wundern.

© SZ vom 29.01.2016/axi
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