Regensburg:Wie sich das Singen bei den Domspatzen verändert hat

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"Auf geht's, Männer" - so werden die Jungen der Regensburger Domspatzen heute motiviert. Früher hingegen machten Schläge und Erniedrigungen das Singen für viele zur Qual. Das Foto entstand um 1980.

(Foto: imago/United Archives)

"Auf geht's, Männer" - so werden die Domspatzen heute motiviert. Früher hingegen machten Schläge und Erniedrigungen das Singen für viele zur Qual. Erinnerungen an eine andere Zeit.

Von Rudolf Neumaier

Wenn Domkapellmeister Roland Büchner merkt, dass bei seinen Sängern die Konzentration nachlässt, wechselt er das Stück. Vom "Kyrie" aus einer Palestrina-Messe zum "Gloria" aus einer Rheinberger-Messe, ein Sprung vom 16. ins 19. Jahrhundert. Renaissance - Romantik. Das bringt neuen Schwung in diese Chorprobe. Kleiner Trick. Die Jungen haben jetzt eine gute halbe Stunde gesungen. Knabenchorgesang ist harte Arbeit, bis er zur Kunst gerinnt. Büchners Kunst besteht darin, Arbeitsdisziplin zu erzeugen, ohne dass die Sänger merken, wie diszipliniert sie arbeiten.

Roland Büchner nennt die Jungen in der Chorprobe "Männer". Büchner, 61, ist seit 1994 Regensburger Domkapellmeister und künstlerischer Leiter des Domchores, besser bekannt als Domspatzen. Er sagt "Auf geht's, Männer", "Leiser, Männer", "Passt auf, Männer", "Gut gemacht, Männer". In diesem Fall ist das gemeinsame Singen das sanfte Fließen des Einzelnen in einen großen, überwältigenden Klang, der erst nur aus dem Sopran besteht, in der nächsten Probe zusammengefügt wird mit dem Alt und sich danach mit den anderen Stimmen zu einem mehrgliedrigen Klangkörper verbindet.

Singen macht glücklich, heißt es, und es ist ja auch durch Studien belegt. Der Körper schüttet beim Singen das gleiche Hormon aus, das ihn durchströmt, wenn der Mensch Liebe empfindet oder Vertrauen. Es heißt Oxytocin. Die Sänger von Roland Büchner bekommen eine hübsche Dosis davon ab, keine Frage.

Georg Ratzinger wurde gereizter - noch mehr Jungen sangen falsch

Singen macht aber nicht immer glücklich. Es kann auch Qual bereiten. Damals, Anfang, Mitte der Achtziger zum Beispiel haben in einer Gesamtprobe des kompletten Konzertchors nicht alle Jungen im Alt II das Intervall vom a zum fis' getroffen. Büchner war damals noch nicht Domkapellmeister.

Der damalige Chef war Georg Ratzinger, er knallte den Klavierdeckel zu, ein Donnerschlag. "Falsch! Wer war das? Noch mal!" a - fis' - falsch! "Welcher Depp trifft denn das fis' nicht? Alt II aufstehen! Noch mal." a - fis' - falsch. Der Chorleiter wurde noch lauter, noch gereizter. Hatten vorher vielleicht zwei von gut einem Dutzend Jungen eine Nuance zu tief gesungen, waren es jetzt wohl schon vier.

Wer Angst hat vor einem Intervall, singt es schon falsch. Man kann dann so tun, als ob man singt, und nur die Lippen bewegen. Aber wenn der Chorleiter den Alt II dann dreierweise abhört, geht das nicht mehr. Ist der eigene Dreier dran, muss man singen. a - fis'. "Falsch! Ihr Deppen! Jeder einzeln!" Zwei aus dem Dreier treffen den Ton, der Dritte liegt knapp daneben.

120 Augenpaare sind auf den Unglücklichen gerichtet

"Der Neumaier! Oh, du Depp, unmusikalisch bis dorthinaus. Ich weiß gar nicht, warum ich dich Deppen in meinen Chor geholt habe. Halt 's Maul. Bleib stehen!" Die anderen setzen sich, 120 Augenpaare des Regensburger Domchores sind auf den Unglücklichen gerichtet - die meisten mitleidig, aber das hilft nichts. Jetzt bloß nicht heulen. a - fis', verdammte große Sext.

Georg Ratzinger hat sich vielfach und vielmals entschuldigt dafür, wie er mit den Jungen umging, schon damals. Solange es bis 1980 gesetzlich noch nicht verboten war, hatte er sie sogar geohrfeigt. Danach hielt er sich ans Gesetz und schlug nicht mehr.

Chorsingen war immer schon eine Frage äußerster Disziplin, und Disziplin setzten in jenen Tagen viele Chorleiter mit militärischem Drill gleich. Wer sich mit Veteranen anderer Knabenchöre unterhält, seien es Tölzer oder Windsbacher, hört ähnliche Geschichten. Der Chorleiter war General und Spieß zugleich. Kinderstimmen und Kinderseelen waren für sie Rohmaterial, das geschliffen werden musste.

Das Prinzip lautete: Alles für die Kunst, und vor allem zur höheren Ehre des Herrn - soli deo gloria. So gesehen, konnte man als Elfjähriger im Alt II manche Singstunde immerhin dem lieben Gott weihen. Verfluchte Zeit!

Mit Büchner änderte sich der Klang der Domspatzen

Kaum zehn Jahre später kam Roland Büchner. Mit ihm änderte sich der Klang der Domspatzen, er wurde voller, runder, breiter. Ältere Ehemalige sagen, ein Pianissimo wie unter Ratzinger in Rheinberges Abendlied oder im "Heilige Nacht", der letzten Zugabe in den Weihnachtskonzerten, werden die Domspatzen nie mehr hinbekommen - ein solches Pianissimo werde wohl keinem Chor gelingen.

Ob etwas dran ist oder nicht: Vor allem änderte sich die Chorpädagogik der Domspatzen. Im Internat war schon mehr als 15 Jahre zuvor unter einem neuen Direktor ein frischer Geist eingezogen, der den Humanismus zu vermitteln versuchte, der auch im hauseigenen Gymnasium im Mittelpunkt stand. Vor dem Konzertchor stand plötzlich ein Mann, Vater von vier Kindern, der die Knaben nicht mehr als "Deppen" bezeichnete, sondern als Männer.

Disziplin wurde jetzt nicht mehr durch autoritäres Schreien, Schimpfen oder sogar durch Schläge erzeugt, sondern durch Motivation. Roland Büchner ließ von Anfang an jedem seiner Sänger Einzelstimmbildung angedeihen. Als das Gymnasium von neun auf acht Jahrgänge gekürzt wurde, hatten die Männerstimmen plötzlich ein Jahr weniger Zeit, um sich zu entwickeln. Die in der Stimmbildung erlernte Technik half den Jugendlichen, das natürliche Volumen besser auszuschöpfen.

Die Pubertät macht sich bei den Knabenstimmen nun früher bemerkbar

Bei den Knabenstimmen macht sich die allgemeine Beschleunigung der Pubertät bemerkbar: Im Durchschnitt kommen Soprane und Altisten früher in den Stimmbruch als noch vor 30 Jahren. Mit Stimmbildung bleibt der Gesangsapparat des Einzelnen länger chorfähig. Manche Soprane singen vor dem Abschied in die Mutationspause noch einige Monate im Alt.

Es wirkt wie eine Ironie der Zeitläufte, dass ausgerechnet der Vollblutpädagoge Roland Büchner mit solchen Problemen zu kämpfen hat - die letztlich unter seinem Vorgänger und sogar noch dem Vorvorgänger verursacht wurden. Konnte Ratzinger sich die besten Knabenstimmen unter 60 bis 90 Schülern pro Jahrgang aussuchen, stehen Büchner nicht einmal mehr die Hälfte davon zur Verfügung. Auch andere Gymnasien in Regensburg bieten heute Ganztagsbetreuung an, dieses Alleinstellungsmerkmal haben die Domspatzen inzwischen eingebüßt.

Regensburg: Kleine Männer in feinem Zwirn: die Spatzen vor ihrem Dom und der Steinernen Brücke, den Wahrzeichen Regensburgs.

Kleine Männer in feinem Zwirn: die Spatzen vor ihrem Dom und der Steinernen Brücke, den Wahrzeichen Regensburgs.

(Foto: Regensburger Domspatzen)

Am stärksten brachen die Schülerzahlen jedoch ein, als vor sechs Jahren Fälle von sexuellem Missbrauch und von Misshandlungen publik wurden. Im Regensburger Internat der Domspatzen lagen die meisten dieser Übergriffe etwa vier Jahrzehnte zurück. Doch Eltern, die erwogen, ihren Sohn anzumelden, sahen die Schlagzeilen und waren abgeschreckt. Und heute kommen Geschichten aus den Sechziger- und Siebzigerjahren wieder hoch, weil das Bistum jahrelang ihre Aufarbeitung verschleppt hat.

Christine Eckert ist nun seit 15 Jahren Präfektin in der 5. Klasse der Domspatzen. Ihr ist bange: Nur noch zehn Internatsschüler, wenn das so weitergeht. Sie ist gebürtige Regensburgerin, kam mit den Domspatzen aber erst in Berührung, als sie hier ihr Praktikum als Erzieherin absolvierte. In ihrem Studiersaal sitzen Soprane, die gerade noch Palestrina gesungen haben, und rechnen ihre Mathe-Hausaufgabe. "Das Faszinierende an ihnen ist das, wozu sie sich beim Singen verwandeln und was sie dabei erzeugen", sagt Christine Eckert.

Schwerste Konzerte - mit weniger Proben und ohne brutalen Drill

Knabenchöre sind im besten Fall Klangkraftwerke, und wenn es je einem Physiker gelänge, die Energie daraus abzuschöpfen und umzuwandeln in Strom, könnte man damit eine Menge Geld verdienen. Im Konzertprogramm des letzten Sommers hatte Roland Büchner sieben zeitgenössische Komponisten, es waren aberwitzige Nummern darunter. Aber der Chor meisterte sie, obwohl er unterm Strich weniger probt als zu Ratzingers Zeiten. Anders gesagt: Mit der alten Drill-Methode hätte der Chor ein solches Pensum kaum bewältigt.

Die einen können mit Ratzingers Entschuldigungen nichts anfangen. Die anderen haben ihm längst verziehen. Man liest das auf Internetforen, man spürt es bei Ehemaligentreffen: Die gemeinsamen Kunsterlebnisse, die sie mit dem Domkapellmeister hatten, und die Begegnungen mit dem sehr umgänglichen Privatmann Ratzinger relativieren für manche die Akte seelischer Gewalt bei den Proben.

Aber das kann nur für jene gelten, die nicht fürs Leben verletzt worden sind. Der Sonderermittler des Bistums, Ulrich Weber, weiß inzwischen von mehr als 300 Fällen körperlicher Misshandlung, der überwiegende Großteil davon in der von den Domspatzen ausgelagerten Vorschule außerhalb Regensburgs. 50 Jungen wurden zudem sexuell missbraucht, auch zu Zeiten Ratzingers. Die Angst vor der großen Sext, diese verfluchte Angst ist geblieben. Sie wird sich nicht vertreiben lassen. Zum Glück können sich Domspatzen von heute über solche Macken nur wundern.

© SZ vom 29.01.2016/axi
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