Regensburg:Die immerwährende Baustelle

Regensburg: Steinmetz Maximilian Lell flext alten Sandstein im Turm des Regensburger Doms weg. Dort sollen die alten verwitterten Steine ersetzt werden.

Steinmetz Maximilian Lell flext alten Sandstein im Turm des Regensburger Doms weg. Dort sollen die alten verwitterten Steine ersetzt werden.

(Foto: Daniel Löb/dpa)

Am Regensburger Dom St. Peter ist immer etwas zu tun. Seit Jahren ist nun der Südturm der Kathedrale eingerüstet. Danach geht es an anderer Stelle weiter. Zuständig ist - seit 100 Jahren - die Dombauhütte.

Kalt, nass und zugig ist es auf dem Gerüst am Südturm des Domes St. Peter in Regensburg. Bis in den Spätherbst hinein sind die Steinmetze der Dombauhütte in bis zu 75 Metern Höhe mit Ausbesserungen an der Kathedrale beschäftigt. Sobald es Frost gibt, beenden sie die Freiluftsaison. Den Winter über wird in der Werkstatt hinter dem Dom gearbeitet. Gegründet wurde die staatliche Dombauhütte im November 1923. Ihre Hauptaufgabe: Das mittelalterliche Gebäude instand zu halten.

Witterungseinflüsse setzen dem Kirchengebäude besonders zu. Hoch oben im Südturm steht Steinmetz Maximilian Lell und flext einen Steinblock aus einer Fiale - also einem säulenähnlichen Zierelement. Nach und nach wird angegriffenes Material durch neue Steine ersetzt. In einem Unterstand im Hof der Dombauhütte arbeitet derweil Benjamin Klein aus einem Kalksteinblock eine Skulptur heraus, mit der ebenfalls ein verwittertes Modell am Dom ausgetauscht werden soll.

Regensburg: Dombauhüttenmeister Matthias Baumüller inspiziert in 57 Metern Höhe auf einem Gerüst am Regensburger Dom den Sandstein.

Dombauhüttenmeister Matthias Baumüller inspiziert in 57 Metern Höhe auf einem Gerüst am Regensburger Dom den Sandstein.

(Foto: Daniel Löb/dpa)

Dombauhüttenleiter Matthias Baumüller zeigt beim Rundgang über das Gerüst steinerne Verzierungen, die mit Eisen befestigt sind. Jedes einzelne Teil werde auf seine Stabilität hin geprüft und bei Bedarf erneuert, erläutert er. Die Teile seien mit Eisendübeln befestigt, die rosten und durch die mit der Oxidation einhergehenden Volumenvergrößerung den Stein sprengen könnten.

Eine herabgefallene Kreuzblume habe 2017 den Ausschlag gegeben, den Südturm einzurüsten und auszubessern, sagt Karl Stock, der Leiter des staatlichen Bauamtes in Regensburg. Eigentlich hätten am Nordgiebel Arbeiten vorgenommen werden sollen, die dann aber zurückgestellt worden seien. Die abgebrochene Kreuzblume sei in ein weiter unten angebrachtes Hängegerüst gefallen, so dass sie nicht zu Boden stürzte. Das historische Gebäude müsse verkehrssicher sein - genau das zu gewährleisten, sei Ziel der Dombauhütte.

Eigentümer der gewaltigen Kathedrale ist der Freistaat Bayern. Die Regensburger Dombauhütte ist insofern dem staatlichen Bauamt zugeordnet. Das Bistum Regensburg hat für den Dom eine 1966 getroffene Nutzungsvereinbarung. In anderen Domstädten sei das historisch bedingt anders geregelt, weswegen nicht jeder Dom eine staatliche Dombauhütte habe, sagt Stock. In Regensburg - wie auch in Passau und in Bamberg - jedenfalls gibt es diese Einrichtungen. In der Werkstatt am Dom St. Peter sind aktuell 14 Steinmetze und eine Steinmetzin beschäftigt.

Die Anfänge des Regensburger Domes reichen 750 Jahre zurück. 1273 begannen den Angaben nach die Arbeiten an dem sakralen Bau. Verwendet wurde anfangs hauptsächlich Kalkstein, später dann Grünsandstein. Das Material stammte aus der näheren Umgebung. 1524 kamen die Arbeiten zum Erliegen. Die beiden Türme hatten die Hälfte der vorgesehenen Höhe erreicht. Doch genutzt werden konnte die Kirche schon. Die Dombauhütte wurde aufgelöst.

Erst zwischen 1859 und 1872 wurden die Türme und die Querhausgiebel fertiggestellt und dafür erneut eine Dombauhütte eingerichtet. Für die neuzeitlichen Arbeiten wurde wieder vorwiegend Grünsandstein verwendet. Damals habe man noch nicht gewusst, dass das durch die Industrialisierung freigesetzte Schwefeldioxid das Gestein schädigen würde, sagt Karl Stock. Man habe nicht mit dem sauren Regen gerechnet. Folge: Das Gestein wird brüchig. Um die Bausubstanz des Gotteshauses zu retten, wurde dann 1923 abermals eine Dombauhütte eingerichtet.

Regensburg: Steinmetz Christian Pilz kontrolliert die Spitze des Spitzeisens. Er hat sich das Schmieden selber beigebracht und stellt die Metallpickel, Zangen und Hämmer in der Schmiede selber her.

Steinmetz Christian Pilz kontrolliert die Spitze des Spitzeisens. Er hat sich das Schmieden selber beigebracht und stellt die Metallpickel, Zangen und Hämmer in der Schmiede selber her.

(Foto: Daniel Löb/dpa)

Die staatlichen Kosten für die Dombauhütte und den Erhalt des Domes liegen bei gut einer Million im Jahr, wie Stock berichtet. "Wir sind ein Kulturstaat", sagt der Behördenleiter. So sieht es auch Bauminister Christian Bernreiter (CSU). In einer Broschüre zu den staatlichen Dombauhütten schreibt er: "Die vielen historischen Bauten bereichern unser Leben und geben Stadt und Land ein unverwechselbares Gesicht." Historische Zeugnisse des Glaubens und der Baukunst blieben somit auch in Zukunft sichtbar.

Die Steinmetze arbeiten zum Teil mit Handwerkszeug, das historischen Vorbildern nachempfunden wurde. In der hauseigenen Schmiede, die aussieht wie aus einem Historienfilm, finden sich Spitzeisen, von denen einige schon um die 50 Jahre alt sind.

Weil Bauhütten laut Deutscher Unesco-Kommission seit Jahrhunderten "für den Erhalt von Großbauten sorgen und dabei traditionelles Handwerk mit neuester Technik verbinden" wurde das Bauhüttenwesen 2020 in das Register des immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen. An dem Antrag waren neben den Dombauhütten in Passau, Bamberg und Regensburg weitere 15 Werkstätten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Norwegen beteiligt.

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