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Prozess:Ins Gleis geschubst - einfach so

Pfeile sollen Einsteigen in U-Bahn beschleunigen

Am U-Bahngleis des Nürnberger Hauptbahnhofs eskalierte im Juni eine Zechtour zweier Freunde.

(Foto: David Ebener/dpa)

22-Jähriger gibt unter Tränen zu, im Rausch seinen Kumpel gestoßen zu haben

Von Katja Auer, Nürnberg

Die Filmsequenz ist so eindeutig wie schockierend. Da stehen zwei junge Männer am U-Bahngleis im Nürnberger Hauptbahnhof, frühmorgens an diesem Sonntag im Juni, sie sind auf dem Heimweg, während andere längst wieder aufgestanden sind. Die beiden haben die ganze Nacht gefeiert, erst am Stadtstrand auf der Insel Schütt, dann in ein paar Kneipen. Sie torkeln ein wenig, stützen sich scheinbar gegenseitig. Sie haben viel getrunken.

Gesoffen, könnte man sagen.

Als die U-Bahn einfährt, schubst der eine den anderen ins Gleis. Einfach so. Vorher war kein Streit erkennbar, nichts. Der 30-Jährige wird überrollt. Er hat riesiges Glück. Nur ein paar Schürfwunden am Schienbein und am Ellenbogen.

Am Donnerstag treffen sich die beiden vor dem Landgericht in Nürnberg wieder, zum ersten Mal seit jener Nacht. Auf der Anklagebank ein 22-Jähriger aus Fürth, der bittere Tränen weint über das, woran er sich angeblich nicht mehr erinnern kann. Filmriss, von der letzten Kneipe bis zum Aufwachen in der Zelle. Ja, er sei das in dem Film der Überwachungskamera, sagt er, ja, er sei derjenige, der schubst. Er gibt alles zu. Er bereue das außerordentlich. Und nein, er könne sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er seinen guten Freund habe töten wollen. Das wirft ihm die Staatsanwältin vor, der junge Mann ist des versuchten Mordes angeklagt.

Auf dem Zeugenstuhl der 30-Jährige, dem auch immer wieder die Tränen kommen. Ein lustiger Abend sei das gewesen, erzählt er, ein Männerabend. Die beiden gingen regelmäßig miteinander aus, oft mit mehreren Leuten, es komme ihm vor, als kenne man sich schon viel länger, sagt er. Nie habe es Streit gegeben, nie, der Angeklagte sei ein guter Mensch. "Wie hätte man ihn nicht mögen können", fragt er. Gut, jener Abend war ein bisschen anders, da sei der 22-Jährige sternhagelvoll gewesen. Das sagt er selbst, so viel habe er sonst nicht getrunken, auch wenn Alkohol regelmäßig dazu gehörte. Zählt man zusammen, müssen es an jenem Juniabend wohl um die zehn Bier und ein gutes Dutzend Schnäpse und Whisky-Cola gewesen sein. Eine Alkoholkonzentration von 1,71 Promille hatte er am Morgen noch im Blut. In der letzten Kneipe habe es eine kleine Auseinandersetzung zwischen ihnen gegeben, erzählt der später Verletzte, aber das habe er nicht sehr ernst genommen. So was passiere schon mal, wenn man viel Alkohol getrunken habe. Als sie hinunter gingen zur U-Bahn, auf dem Heimweg, sei alles wieder gut gewesen. Dann der Schubser.

Diese Geschichte spielt nicht in einem Milieu, in dem Alkoholexzesse wie auch Gewalt scheinbar alltäglich sind. Der junge Mann auf der Anklagebank stammt weder aus schwierigen familiären Verhältnissen noch hat er sein Leben bislang nicht im Griff gehabt. Er machte den Quali und schloss eine Lehre ab, arbeitete als Elektroniker, bis er nach der Tat in die Untersuchungshaft musste. Familie und Freunde sitzen als Zuschauer im Gericht und werfen ihm Kusshände zu. Seine Verlobte ist darunter, nächstes Jahr wollen sie heiraten. Immer wieder kommen ihm die Tränen, es werden Taschentücher gereicht.

So eins braucht auch der 30-Jährige, der den Vorfall "doch nicht so gut verkraftet hat, wie ich dachte". Er ist in psychiatrischer Behandlung, nach der Tat konnte er eine Weile nicht arbeiten, "vom Kopf her" sei ihm alles zu viel gewesen. Deswegen ist er wohl auch ausgetickt, als er sich im Klinikum nicht ernst genommen fühlt. Er wollte Beruhigungsmittel, die Schwester rief die Polizei. Gegen den Beamten wurde der junge Mann handgreiflich, ein Verfahren wegen versuchter Körperverletzung steht an. Eine Folge des U-Bahn-Vorfalls, sagt ein Psychiater vor Gericht, das Opfer habe seitdem eine Anpassungsstörung.

Seinem Kumpel will er dennoch nichts Schlechtes, sagt er, "ich hege keinen Groll gegen ihn". Unvermittelt habe ihn der andere vor die Bahn gestoßen. Warum, kann er sich auch nicht erklären. Der Alkohol. Der Angeklagte entschuldigt sich unter Tränen, mit der Hand auf dem Herzen. Er übergibt einen Umschlag mit 3000 Euro, als Anzahlung. Er hoffe, sie könnten Freunde bleiben. Schon, meint der Kumpel, aber er müsse erst mal selber klarkommen. Sie geben sich die Hand, umarmen sich. Der Prozess wird fortgesetzt.

© SZ vom 04.03.2016

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