Preußisch-österreichischer Krieg 1866 "Mir mögen net preißisch werden!"

Unteroffiziere posieren im Manöverlager bei Augsburg, anno 1865.

(Foto: Bayer. Armeemuseum)

1866 mündete der Streit um die Vormacht im Deutschen Bund in einen Krieg, der nicht nur Preußens Vormacht zementierte - er begründete auch die Abneigung zwischen Bayern und Nordlichtern.

Von Hans Kratzer

Kanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Horst Seehofer pflegen auf der politischen Bühne einen rustikalen Umgangston. So ist das halt, wenn zwei Alphatiere aufeinanderprallen. Allerdings wurzelt die von Merkel und Seehofer zelebrierte Rivalität weitaus tiefer. Unübersehbar spiegelt sich in dieser lebhaften Beziehung jener Nord-Süd-Konflikt, der die deutsche Geschichte seit Jahrhunderten belebt.

Dass die Bayern einst die Preußen hassten, ist eine unverrückbare Wahrheit, und umgekehrt hatten auch die Preußen für die Bayern oftmals nichts als Hohn und Spott übrig. Noch heute kann sich die Staatsregierung im Freistaat jederzeit Meriten erwerben, wenn sie aufmüpfig gegen das "preußische" Berlin agiert. Der Münchner Publizist Johann Christoph von Aretin hat diese Grundstimmung schon 1810 präzise auf den Punkt gebracht: "Die Nordteutschen verachten und hassen die Südteutschen, glauben sich weit vor ihnen voraus, und werden nie den herzlichen, unbefangenen Sinn derselben zu fassen oder zu schätzen wissen."

"A Preiß ko nie a Bayer werdn ..."

"... a Neger aber scho": Mit diesem Spruch wirbt das Hofbräuhaus Traunstein für sich selbst - und erreicht damit wohl sein Ziel. Kolumne von Matthias Köpf mehr ...

Im gleichen Atemzug schilderte Aretin die damals im Süden herrschende Grundskepsis gegenüber dem deutschen Norden: "Wenn es ihnen gelingt unsere üppige Lebensfülle mit ihrer nördlichen Kälte und Steifheit zu ersticken, so ist unser Vaterland unwiederbringlich zu Grunde gerichtet."

Eine der heftigsten Eruptionen des Preußen- wie auch des Bayernhasses hat sich vor 150 Jahren zugetragen. Manche Folgen dieses Krisenjahres 1866 sind noch heute zu spüren, etwa in den großen Fußballarenen, wo die Schlachtgesänge der Fans durchs weite Rund dröhnen. "Zieht den Bayern die Lederhosen aus . . .!"

Die Spannungen entluden sich in einem blutigen Krieg

Ein Deutschland im heutigen Sinne hat es 1866 noch nicht gegeben. Stattdessen existierte der Deutsche Bund, der beim Wiener Kongress anno 1815 ins Leben gerufen worden war. Dass auch die Großmächte Österreich und Preußen diesem Staatenbund angehörten, war friedenstechnisch keine Ideallösung. Der große Staatsmann Bismarck, noch machtfeuriger als Seehofer und Merkel zusammen, strebte eiskalt nach der Vorherrschaft Preußens, was Österreich logischerweise nicht goutierte. Im Juni 1866 entluden sich die Spannungen in einem blutigen Krieg. Die süddeutschen Mittelstaaten, darunter auch das Königreich Bayern, stellten sich auf die Seite Wiens, denn ein von Berlin aus gelenkter Nationalstaat, den die Preußen anstrebten, war den auf ihre Unabhängigkeit erpichten Bayern ein Graus.

Der deutsche Bruderkrieg setzte wegen der neuen Waffentechnik eine bis dahin unvorstellbare Zerstörungskraft frei. Die wenigen Fotografien, die das Elend dokumentieren, zeigen furchtbare Zerstörungen, die mancherorts den Schrecken des maschinell geführten 1. Weltkriegs vorwegnahmen. Nur ist der Krieg von 1866 wegen der folgenden Katastrophen in Vergessenheit geraten, aber weniger grausam wurde er deshalb nicht geführt.

Die Entscheidung fiel am 3. Juli 1866 im böhmischen Königgrätz, wo Österreichs Armee schwer geschlagen wurde. Danach folgten in Franken noch ein paar sinnlose Scharmützel mit den militärisch weit überlegenen Preußen, die den Bayern jedoch große Opfer abverlangten. Allein das Gefecht bei Kissingen am 10. Juli 1866 forderte 244 Tote und gut 1300 Verwundete, die zu versorgen waren. Dazu musste die Bevölkerung mindestens 20 000 preußische Soldaten verpflegen, die am nächsten Tag durch die Kurstadt zogen.

Das Land Bayern war damals, einige Jahrzehnte nach dem hohen Blutzoll unter Napoleon, immer noch kriegsmüde und militärisch geschwächt. Dazu regierte ein König, der den Krieg und den Militarismus hasste. Ludwig II., erst zwei Jahre im Amt, hatte sich deshalb im 1866er-Krieg deprimiert auf die Roseninsel zurückgezogen, während sein kleiner, fast noch kindlicher Bruder Otto als Mitglied des Königshauses aufs Schlachtfeld ziehen musste. Das Kriegselend, die Schmerzensschreie der Verwundeten und der Anblick von Gefallenen erschütterten dessen sensibles Gemüt, Ottos Geist verwirrte sich von da an zunehmend, weshalb er später den bayerischen Thron nicht besteigen konnte.