Kultur in Bayern:Kriemhild in Plattling

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Kultur in Bayern: Apokalyptisch: Brunhild (Tamara Halser, rechts) und Frigga (Maria Armansperger, links) erscheinen in Gunthers (Martin Halser) Träumen.

Apokalyptisch: Brunhild (Tamara Halser, rechts) und Frigga (Maria Armansperger, links) erscheinen in Gunthers (Martin Halser) Träumen.

(Foto: Manfred Pichler)

Die niederbayerische Stadt ist in vier berühmten Verszeilen im Nibelungenlied verewigt. Grund genug, um alle vier Jahre in einem Festspiel an den Aufenthalt der Nibelungen zu erinnern.

Von Hans Kratzer, Plattling

In seinem Buch "Gebrauchsanweisung für Niederbayern" (Piper, 2006) hat der Journalist Teja Fiedler den Befindlichkeiten seiner Heimatstadt Plattling ein ganzes Kapitel gewidmet. Natürlich geht es darin um die Fußballer der Spielvereinigung, die lange Jahre vor dem Sprung in die Profiliga standen, jetzt aber in den Niederungen der Kreisliga herumkrebsen. Vorbei sind auch die glorreichen Zeiten der Sandbahnfahrer, damals, als sich der Lokalmatador Maxreiter (genannt Maxe) gegen den Schrecken der Sandbahnen, den Abensberger Gunzenhauser (Gunze), vor Tausenden fiebernden Fans in die Kurven legte und heftigste Emotionen schürte.

Fußball, Sandbahn, Isarflimmern, alles wunderbar, aber die größte Plattlinger Sensation ist zweifellos das Nibelungenlied, so komisch das auf Anhieb auch klingen mag. Tatsächlich reiht sich Plattling in die großen Orte der deutschen Literatur ein, was gerade in diesen Tagen wieder saftig zum Ausdruck kommt. Denn die Stadt befindet sich mittendrin in ihrem Nibelungen-Festspiel, das alle vier Jahre die glorreiche Vergangenheit in Erinnerung ruft.

"Dort zu Pledelingen schuf man ihnen Ruh, das Volk allenthalben ritt auf sie zu. Man gab, was sie bedurften, williglich und froh, sie nahmen es mit Ehren, so tat man auch bald anderswo." Diese Zeilen über Plattling (Pledelingen) sind tatsächlich im Nibelungenlied nachzulesen, dem größten mittelalterlichen Heldenepos überhaupt. Zwar hat Hagen den Siegfried nicht in Plattling, sondern irgendwo im Odenwald gemeuchelt, aber immerhin beschreibt der unbekannte Verfasser des Nibelungenliedes Plattling um das Jahr 1200 als den Mittelpunkt des Nibelungenzuges, der von Worms in das ungarische Esztergom führte. Demnach nahmen die Plattlinger Kriemhild, eine der Hauptfiguren der Geschichte, gastfreundlich auf.

Umso enthusiastischer interpretiert der Festspielverein Plattling alle vier Jahre jene vom Dichter konstruierte Zusammenkunft Kriemhilds mit ihrem Onkel, dem Bischof Pilgrim von Passau. Dieser reist im Bühnenspiel seiner Nichte entgegen. In Plattling versucht er vergeblich, sie von ihrer verhängnisvollen Weiterfahrt abzubringen. Kriemhild, ganz in Trauer über den Mord an ihrem Gemahl Siegfried, will den Hunnenkönig Attila heiraten und mit diesem zusammen Rache an Hagen und den Nibelungen nehmen. Deshalb reist sie mit ihrem Tross über Plattling ins Hunnenland.

Kultur in Bayern: In Plattling geschehen: Bischof Pilgrim (Peter Mader) redet Kriemhild (Renate Kinkel) ins Gewissen.

In Plattling geschehen: Bischof Pilgrim (Peter Mader) redet Kriemhild (Renate Kinkel) ins Gewissen.

(Foto: Manfred Pichler)

"Kriemhilds Vergeltung" lautet das Stück, das die Autoren Josef Berlinger und Eva Sixt auf Basis der Nibelungensage für die Plattlinger geschrieben haben. Sie wählten dafür 45 Schauspieler aus, die in dem zweieinhalbstündigen Stück in 80 Rollen schlüpfen. Das Publikum äußerte sich nach der actionreichen Premiere am Wochenende durchwegs begeistert.

"Den Plattlingern ist die Nibelungensage von klein auf bekannt", sagt Kathrin Tost, die Leiterin des Kulturamtes. Berlinger und Sixt haben das Stück mit viel Lokalkolorit gewürzt, was nicht zuletzt in den Gummistiefeln der Akteure zum Ausdruck kommt, da die Plattlinger ja ein wassergeplagtes Volk sind. "Natürlich haben wir da fantasiert", sagt Eva Sixt, aber es hat großen Spaß gemacht, weshalb der erste Teil zu einer Art dialektaler Komödie geraten ist, nach dem Motto: Da rührt sich was in Plattling. Weil die Geschichte aber eine Tragödie ist, gerät zumindest der zweite Teil recht gruselig.

Auch andere Orte in Bayern sind eng mit der Nibelungensage verwoben. Vor gut 450 Jahren entdeckte der Chronist Wiguläus Hundt im Archiv der Burg Prunn (Landkreis Kelheim) eine der ältesten Handschriften des Nibelungenliedes. Das in der Staatsbibliothek verwahrte Exemplar wurde um 1330 angefertigt und gehört zum Weltdokumentenerbe der Unesco.

Auch der sich gemütlich in die Donauauen schmiegende Markt Pförring wird im Nibelungenlied erwähnt. Justament in diesem Hallertauer Flecken soll sich nämlich der Hof jenes Fährmanns befunden haben, der von Hagen von Tronje erschlagen wurde, weil er die Nibelungen nicht über die Donau setzen wollte.

Kriemhilds Vergeltung, Magdalenenplatz in Plattling: Donnerstag, Freitag und Samstag (jeweils 21 Uhr, Karten: https://plattling.fairetickets.de). Auf dem Stadtplatz beginnt am Donnerstag zudem der bis Sonntag dauernde mittelalterlich geprägte Nibelungenmarkt. Infos: nibelungenfestspiele.com.

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