Olympia Der gwamperte Herkules

Ein wahrer Bayer: Als Josef Straßberger 1932 auf dem Weg nach Los Angeles ein Fassl Bier verlor, soll er geweint haben.

(Foto: Andreas Lechner)

Josef Straßberger war der erste Olympiasieger aus Bayern. 1928 gewann der Metzgermeister in Amsterdam Gold im Gewichtheben. Auch dank Doping - mit Bier und Cognac.

Von Hans Kratzer

Schon vor 80 Jahren haben Olympiakämpfer gerne zu Dopingmitteln gegriffen. Natürlich waren das noch keine Hormongaben und anabolen Substanzen, nach damaliger Überzeugung reichten nämlich schon eine Mass Bier oder ein Stamperl Cognac, um den Körper auf Leistung zu trimmen.

Auf dieses Rezept schwor jedenfalls der Münchner Gewichtheber Josef Straßberger, der erste Bayer, der bei Olympischen Spielen als Einzelathlet eine Goldmedaille gewann, und zwar 1928 in Amsterdam. Welch eine schillernde Figur Straßberger war, deutet folgende Episode an: Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles hatte der Gewichtheber ein Fassl Bier mitgenommen, das als Behältnis für Massage-Öl etikettiert war.

Obwohl in den USA strenges Alkoholverbot herrschte, wollte Straßberger das Fass ins Olympische Dorf schmuggeln. Auf der Zugfahrt nach Los Angeles verschwand das Bier allerdings. Wie Zeitzeugen später berichteten, habe Straßberger ob des Verlustes geweint. Ohne sein gewohntes Stärkungsmittel holte er statt Gold nur die Bronzemedaille.

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Olympiasieger war er trotzdem. Vier Jahre vorher, bei den Sommerspielen in Amsterdam, war der Herkules aus Bayern, wie er bisweilen genannt wurde, mit einer Leistung von 372,5 Kilo im Dreikampf von den Gegnern nicht zu besiegen gewesen. Heutzutage sehen Olympiasieger, selbst die Gewichtheber, aus wie austrainierte, sehnige Renngäule. Bei den aktuellen Olympischen Spielen in Rio de Janeiro würde das Publikum sicherlich große Augen machen, wenn einer wie der Straßberger Sepp die Arena beträte, ein Berg von einem Mann, gwampert und rund wie ein Wirt und Metzger, der er ja auch war. Trotzdem hat es Straßberger im Sport sehr weit gebracht, mitsamt seinem Umfang war er ein Top-Athlet.

Auf dem Heuboden richtete er sich einen Kraftraum ein

"Straßberger ist in jeder Hinsicht eine spannende Figur", sagt sein Enkel Andreas Lechner, der gerade an einem Roman über den Gastwirt und Gewichtheber arbeitet. In Straßbergers Person spiegeln sich alle Höhen und Tiefen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Straßberger sagte selber über sich: "Es ist nicht leicht, ein Olympiasieger zu sein."

Das Gewichtheben hatte damals einen ganz anderen Stellenwert als heute. Der Fußball hatte noch längst nicht das übrige Sportgeschehen marginalisiert. Der 1894 geborene Straßberger wuchs auf einem kleinen Bauernhof in der Nähe von Kolbermoor bei Rosenheim auf.

Schon als Bub hatte er auf Jahrmärkten und Volksfesten die starken Männer bewundert, die dort beim Steinheben ihre Kräfte maßen. Im Heuboden auf dem elterlichen Hof eiferte er seinen Vorbildern nach und richtete dort einen Kraftraum ein, in dem er den Grundstock für seine große Karriere legte. Als er später nach München übersiedelte und aus dem 1. Weltkrieg zurückkehrte, schloss er sich den Hebern des TSV 1860 München an.

Nach dem Olympiasieg von Amsterdam wurde Straßberger in München unter frenetischem Jubel empfangen. Mit Reichspräsident Paul von Hindenburg durfte er im offenen Wagen durch die Straßen der Stadt fahren - nun war er berühmt und hoch geachtet.

Geschickt nutzte Straßberger seinen frischen Ruhm, um auch beruflich Fuß zu fassen. Er übernahm ein Wirtshaus mit hauseigener Metzgerei in der Münchner Schützenstraße, das alsbald zum Treffpunkt der Sportwelt wurde. Er trainierte aber fleißig weiter, sammelte einen deutschen Meistertitel nach dem anderen und wurde sogar Weltmeister. Sein letztes sportliches Ziel wäre die Teilnahme an den Olympischen Spielen von Berlin im Jahr 1936 gewesen. Aber der Körper spielte nicht mehr mit, statt Straßberger durfte der jüngere Konkurrent Josef Manger starten.

Die Goldmedaille von 1928 ging in den Trümmern des Krieges verloren

Seine Karriere als Gewichtheber war beendet, aber Straßberger war auch als Gastronom lange Zeit auf Erfolgskurs. Er pachtete das Hotel Münchner Hof in der Dachauer Straße und legte sich wie alle erfolgreichen Gastronomen Rennpferde zu, mit denen er schließlich mehr Geld verdient hat als mit seiner Hotelgastronomie.

Es hätte alles seinen guten Lauf genommen, wäre nicht der nächste Krieg dazwischengekommen. Im Februar 1945 wurde Straßbergers Hotel von einer Brandbombe zerstört. In letzter Sekunde retteten sich die Familie und die Angestellten aus dem einstürzenden Haus. Drei Tage lang, so erzählt es Andreas Lechner, habe sein Großvater in den rauchenden Trümmern und in der Asche nach seiner Goldmedaille gesucht, die ihm so viel bedeutet hat - ohne Erfolg.

Seine guten Verbindungen ermöglichten es ihm, nach dem Krieg die Gastronomie der Münchner Sportschule in Grünwald zu übernehmen. Doch Straßberger starb früh im Alter von 56 Jahren an einem Schlaganfall. Bald geriet dieser große Sportler in Vergessenheit, heute erinnert nur noch die Straßberger-Straße im Münchner Olympiadorf an ihn.

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