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Tödliche Messerattacke in Linienbus:"Sie hatte keine Chance"

Prozessbeginn wegen Mordes in Linienbus

Der Angeklagte (links) soll im Juli 2020 seine Ehefrau vor den Augen mehrerer Schüler in einem Linienbus erstochen haben.

(Foto: dpa)

Während einer Busfahrt im Allgäu sticht ein Mann mit einem Küchenmesser auf eine Frau ein. Vor Gericht schweigt der mutmaßliche Täter, Zeugen beschreiben einen heimtückischen Angriff.

Von Florian Fuchs

Eines der Kinder, sagt ein Zeuge, hat das Messer wohl noch vom Boden des Linienbusses aufgehoben und auf einen Sitz gelegt - direkt nach der Bluttat. Ein anderes Kind, so berichtet es der Busfahrer vor dem Landgericht, habe ihn gefragt, ob es denn nun überhaupt heimgehen dürfe. "Ja, raus mit euch", hat der Busfahrer den Schülern zugerufen, er musste sich ja um die schwer verletzte Frau kümmern. Der Linienbus, der zwischen Kempten und Obergünzburg im Allgäu verkehrt, war plötzlich kein Ort mehr gewesen für Schulkinder, die ihn eigentlich täglich nutzen: Während der Fahrt, vor den Augen der anderen Fahrgäste, hatte ein 37-Jähriger seine getrennt von ihm lebende Ehefrau erstochen.

Zeugen und Anklage schildern den Tod der Frau beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Kempten am Dienstag als lang angekündigte Tragödie: Der Mann war wohl bereits häufig gewalttätig geworden, nicht nur gegen seine Frau, auch gegen seine vier Kinder. Die 27 Jahre alte Ehefrau hatte dennoch die Kraft gefunden, sich von ihm zu trennen. Sie hatte ein Kontaktverbot erwirkt, die Behörden haben schnell reagiert, und dennoch hat am Ende keine Maßnahme geholfen: Elf Stichwunden, vier davon in den Kopf und fünf in Brust und Rücken, führt die Anklage auf. Die Staatsanwaltschaft plädiert auf Mord. Der Ehemann, davon sind die Ankläger überzeugt, soll aus Rache gehandelt haben: Die Trennung seiner Frau empfand er demnach als Schande.

Eine Freundin des Opfers erzählt vor Gericht, dass sie 2015 gleichzeitig auf der Flucht aus Afghanistan nach Deutschland gekommen sei. In all den Jahren im Flüchtlingsheim habe sie wie andere Bewohner immer wieder Auseinandersetzungen in der Familie miterlebt. "Die Wände waren dünn", sagt sie vor Gericht und schildert Schläge, Blutergüsse und Drohungen. Der Angeklagte sei sehr eifersüchtig gewesen, später zog er mit seiner Frau und den Kindern in eine Wohnung. Dort eskalierte die Situation laut Anklage im November 2019: Die Tochter war nach Auffassung des Angeklagten zu spät heimgekommen, gegen 20 Uhr warf er ihr einen Teller gegen die Stirn. Seine Ehefrau, die die Tochter beschützen wollte, zog er an den Haaren, schlug sie mit der Faust und trat sie. Die Staatsanwaltschaft hat den Mann deshalb auch wegen Körperverletzung angeklagt, und wegen Bedrohung: Schon damals kündigte er der Tochter an, dass er ihre Mutter eines Tages erstechen werde.

Wegen dieses Vorfalls und weiterer Drohungen wurde ein Kontaktverbot erlassen, der heute 38-Jährige durfte sich der vormals gemeinsamen Wohnung nicht mehr nähern und keinen Kontakt zu seiner Frau aufnehmen. Das hielt ihn aber nicht auf, sie weiter zu terrorisieren. Die Freundin schilderte, dass die Ehefrau all die Wochen bis zu ihrer Tötung in ständiger Furcht lebte. Oft habe sie einen Umweg zu einer stärker frequentierten Bushaltestelle genommen, einmal habe sie sich nicht mehr getraut, in einem Supermarkt einzukaufen, weil sie den Angeklagten in der Nähe gesehen habe. Ihr Ehemann indes habe sich bei einer Gelegenheit um Kontakt zu den Kindern bemüht und ihnen dann erzählt, dass er "Hackfleisch" aus ihrer Mutter machen würde. "Sie hatte Angst", sagte die Freundin.

Im Bus befand sich die Ehefrau mit ihrer Freundin, sie fuhr von Kempten von einem Deutschkurs nach Hause. Die Frauen bemerkten, wie der Ehemann einstieg und sich schräg hinter die beiden setzte. "Er wirkte nervös", sagte die Zeugin vor Gericht, die ihrer Freundin vorschlug, zunächst mit ihr nach Hause zu kommen. Doch sie wollte schnell die Kinder von Schule und Kindergarten abholen. Kurz vor dem Ortsschild Obergünzburg drückt sie den "Halt"-Knopf, setzte sich noch einmal. Dann, da sind Anklage und Zeugenaussagen eindeutig, stand der Ehemann unvermittelt auf, zog ein langes Messer hervor und stach von hinten auf sein Opfer ein. "Sie hatte keine Chance", sagt ein Gymnasiast aus, der ebenfalls im Bus unterwegs war.

Der Busfahrer schildert, wie er Tumult bemerkte und erst an eine Schlägerei zwischen Schülern dachte. Dann sah er im Rückspiegel, was wirklich vor sich ging. Er steuerte den Bus an die Seite, sprang auf, entwaffnete den Angreifer und schlug ihn in die Flucht, Der Angeklagte lief zu Fuß weg, die Polizei suchte mit zahlreichen Einsatzkräften nach ihm, auch mit einem Hubschrauber. Kurz darauf wurde er festgenommen. Seine Ehefrau starb nach der Tat im Krankenhaus. Polizisten mussten die Zeugen, die im Bus saßen, erst mühevoll ausfindig machen. Einige hatten die Polizei und Sanitäter verständigt, einige Schüler waren nach Hause gelaufen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte die Tat lange geplant hatte. So war er einige Stationen nach dem Halt eingestiegen, an dem er normalerweise auf den Bus wartete. Offenbar wollte er seine Frau überraschen. Er habe kein Wort gesprochen vor der Tat, sondern einfach zugestochen, ohne Vorwarnung, so schildern es die Zeugen. Auch im Prozess will der 38-Jährige nichts sagen, er lauscht nur den Übersetzungen des Dolmetschers. Er habe Sorge um seine Stellung in der afghanischen Gemeinde seiner neuen Heimat im Allgäu gehabt, wenn er nicht mehr das Familienoberhaupt sein dürfe, sagt die Freundin des Opfers vor Gericht. Der Prozess dauert an, ein Urteil könnte Mitte Februar fallen.

© SZ.de/dpa/mmo/van
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