Geschichte Hört die Signale

Der Nationalsozialist Julius Streicher versuchte die Münchner im Jahr 1923 notgedrungen noch ohne Lautsprecher zu überzeugen.

(Foto: SZ Photo/Scherl)

Ob ein Umsturz gelingt, hängt auch davon ab, ob die Menschenmenge den Revolutionär versteht. 1918 gab es aber noch keine Lautsprecher, deshalb setzten sich die größten Schreihälse durch.

Von Hans Kratzer

Die am Nachmittag des 7. November 1918 auf der Münchner Theresienwiese losgetretene Revolution wird in ihrem 100. Gedenkjahr natürlich bis in die feinsten Details ausgeleuchtet. Dabei tritt aber deutlich hervor, dass sich die Abläufe dieses denkwürdigen Tages nicht mehr hundertprozentig rekonstruieren lassen. Zum einen existieren nur wenige Fotografien von der Massenversammlung am Fuße der Bavaria, zum anderen zeichnen die vorliegenden Schrift- und Tondokumente von Augenzeugen kein einheitliches Bild. Vor allem harren mehrere Randfragen einer Erklärung. Oft wird in der Rückschau der Stand der modernen Technik auf die Vergangenheit projiziert. Das führt hie und da in die Irre. Offen ist zum Beispiel das Rätsel, wie sich die Volksredner Erhard Auer und Kurt Eisner vor der Menschenmenge verständlich machten. Eine zeitgenössische Fotografie zeigt unter- und oberhalb der Bavaria weitflächige Trauben von Menschen.

Die Redner hatten an diesem Novembertag vielleicht das Problem, dass der Dunst den Hall ihrer Stimmen schluckte. Die weitaus größere Schwierigkeit aber bestand darin, dass es um diese Zeit noch keine Lautsprecher gab, allerhöchstens waren Flüstertüten im Gebrauch. Wilhelm Füßl, der Leiter des Archivs des Deutschen Museums, teilte dazu allerdings mit: "Auf allen mir bekannten Fotografien sind die Sprecher der Novemberrevolution immer ohne Hilfsmittel zu sehen." Flüstertüten hatten zudem nur eine begrenzte Reichweite, mehr als ein paar Tausend Menschen dürften sie selbst mit diesem Gerät nicht erreicht haben. Eine berechtigte Frage lautet deshalb: Wie konnten die Politiker eine Revolution anzetteln, wenn nur eine Minderheit ihre Reden hören konnte?

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Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (1887-1980) erinnerte sich in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk, dass auf der Theresienwiese damals etwa zehn Redner gesprochen hätten, "und oben auf der Bavaria stand ein kleines Häuflein mit roten Fahnen. Wie ich hörte, war das Eisner mit Soldaten und seinen Getreuen".

Mehreren Quellen zufolge hat der SPD-Vorsitzende Erhard Auer vor der Bavaria gesprochen. Über den Standort des USPD-Führers Kurt Eisner gibt es unterschiedliche Angaben. Er hat wohl eher am Rande der Theresienwiese geredet, auf der sich zwischen 40 000 und 100 000 Menschen versammelt haben dürften. "Die ganze Wiese war schwarz von den Stufen der Bavaria herunter und rechts und links", schilderte der Fotograf Joseph Breitenbach (1896-1984) die Szenerie. Der Schriftsteller Friedrich Burschell (1889-1970) berichtete, um Eisner herum hätten sich immer mehr Menschen gedrängt, vor allen Dingen Soldaten und Genesende aus den Lazaretten.

Die im Deutschen Museum in München tätige Technikhistorikerin Sonja Neumann bestätigt, dass zur Zeit der Revolution von 1918/19 noch keine Lautsprechertechnik auf dem Markt war. "Es gab eigentlich nichts." Die ersten elektrodynamischen Systeme wurden erst bei der Berliner Funkausstellung 1925 vorgestellt. Sie wurden auch gleich zur Beschallung einer größeren Menschenmenge eingesetzt, hatten aber zunächst nur einen geringen Wirkungsgrad. "Eine der ersten mir bekannten Gelegenheiten war übrigens die Übertragung der Eröffnungsveranstaltung des Deutschen Museums mittels Blatthaller-Lautsprecher", sagt Frau Neumann. Trotzdem erstaunt es schon ein wenig, dass sich diese Technik so lange nicht weiterentwickelt hatte, "denn das elektrodynamische Lautsprecherprinzip war seit 1878 durchaus bekannt", wie Frau Neumann sagt. Werner von Siemens hatte damals das Patent für einen elektrodynamischen Lautsprecher erhalten, allerdings gab es dafür noch keinen geeigneten Verstärker.

So haben sich die Menschen irgendwo auf der Theresienwiese, abseits der Hauptkundgebung von Auer, auch um die Revolutionsführer Eisner, Gandorfer und Fechenbach geschart. Gemäß dem Zeugnis der alten Fotografien wurde dies so ähnlich in Moskau praktiziert, wo die großen Kommunistenführer zu den Massen sprachen: Der Redner stand auf einem erhöhten Pult oder auf einer Ladefläche und rundherum drängte sich die Menge. Nur wer weit genug vorne stand, bekam mit, was gesagt wurde. In München scheinen die revolutionären Parolen auch ohne Lautsprecher deutlich genug gehört worden zu sein. "'Es lebe der Friede!', schrien in diesem Augenblick um mich herum die Leute. 'Frie-ie-iede!' pflanzte sich fort und scholl weiter. Und brausend riefen alle: 'Hoch Eisner! Hoch die Weltrevolution!' Ungefähr eine Minute war es still." Dann schrie Fechenbach: "Kurt Eisner hat gesprochen. Es hat keinen Zweck mehr, viele Worte zu verlieren! Wer für die Revolution ist, uns nach!" So beschrieb der Schriftsteller Oskar Maria Graf die Vorgänge in seinem Roman "Wir sind Gefangene".

Weil es aber keine Lautsprecher gab, folgte die große Mehrheit der Menschen dem SPD-Führer Auer in die Innenstadt, wo sie sich zerstreute. Nur ein kleiner Teil folgte Eisner beim eigentlichen Revolutionsmarsch zur Befreiung der Kasernen. Eisner konnte sich auch noch nicht auf den Rundfunk stützen, der erst 1924 in Gang kam. Dass die Lautsprechertechnik und die damit einhergehende Radiotechnik sehr bald Hauptsäulen der politischen Agitation bilden würden, ahnte damals noch niemand. Vor allem die Nationalsozialisten erkannten dieses Potenzial sehr schnell. Politische Redner konnten ihre Botschaften bis in die frühen 20er-Jahre allein mit der Kraft ihrer Stimme ins Volk streuen. Dies erklärt vermutlich auch, warum die großen und kleinen Naziführer allesamt solch schrille Schreihälse waren. Sie eroberten in der noch lautsprecherfreien Frühzeit ihrer Partei die Massen im größten Schreimodus, den ihre Stimmen hergaben.

Die sogenannten Pilzlautsprecher nutzten die Nazis etwa bei ihren Aufmärschen, wie hier im Jahr 1939.

(Foto: SZ Photo/Scherl)

Hitlers Redetechnik, die wegen ihrer Lautstärke viel Energie verbrauchte, aber auch Energie zum Ausdruck bringen sollte, wurde geprägt in den vor großen Auditorien zelebrierten Auftritten und Reden der frühen 20er-Jahre. Aber auch die Nazis mussten mit der neuen Technik der Groß- und Pilzlautsprecher erst zurechtkommen, die im Umkreis von 50 Metern sehr gut verständlich waren. Die Medienwissenschaftlerin Cornelia Epping-Jäger hat diesbezüglich einmal die Ereignisse vom 1. Mai 1934 in Erinnerung gerufen, die beinahe in einem akustischen Desaster endeten. Auf dem Tempelhofer Feld in Berlin wurden an jenem Tag erstmals riesige Lautsprecheranlagen ausprobiert, fast zwei Millionen Menschen sollten beschallt werden. In den Wochenschaufilmen war aber nur das Echo zu hören. Die Redner konnten nicht sprechen, wie sie es bis dahin gewohnt waren, sondern sie mussten abwarten, bis der Ton beim letzten Lautsprecher an- und dann wieder zu ihnen zurückgekommen war.

Trotzdem war dieser Ersteinsatz der rundstrahlenden Telefunken-Großlautsprecher richtungweisend. Rundstrahler gaben fortan den Massenkundgebungen im Deutschen Reich ihr elektroakustisches Gepräge. Der Pilzlautsprecher, wie die Firma Telefunken ihr erstes Rundstrahlermodell nannte, wurde zum Markenzeichen. Wie die bayerische Revolution von 1918 mit Lautsprecher und Radiotechnik verlaufen wäre, ist eine Frage, die zu interessanten Spekulationen ermuntert.

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