Niederbayern Einmal überschwemmt, für immer traumatisiert

Irgendwann fließt das Hochwasser ab - doch in den Köpfen bleibt es. Trotzdem fahren viele Opfer früherer Fluten jetzt nach Niederbayern, um zu helfen.

Von Ana Maria Michel

Karin Holzbauer hat sich dazu entschieden, mit der Feuerwehr nach Simbach zu fahren. Sie will die Menschen im Landkreis Rottal-Inn unterstützen, die ihr vor drei Jahren geholfen haben. Damals stand ihr Haus in Fischerdorf, einem Ortsteil von Deggendorf, unter Wasser. Die Familie Holzbauer wurde 2013 von der Bergwacht mit einem Boot gerettet. Nachts durch das menschenleere Dorf mit dem Ruderboot, das war einer der schlimmsten Momente, sagt Holzbauer.

Dass die Bilder von damals wieder hochkommen werden, wenn sie in Simbach ist, nimmt sie in Kauf. "Wir haben 2013 so viel Hilfe von wildfremden Menschen aus allen Teilen Bayerns bekommen, wir wollen ein Stück davon zurückgeben", sagt sie. Holzbauer weiß, was die Leute in den vom Hochwasser betroffenen Gebieten jetzt brauchen: schnelle und tatkräftige Unterstützung.

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Nach Niederbayern und der Oberpfalz trifft es das Oberland: Allein in der Gemeinde Polling wurden die Schäden auf rund sieben Millionen Euro beziffert.

Holzbauer weiß auch, dass es sehr lange dauert, so ein Ereignis zu verarbeiten. "Wenn es ein paar Tage am Stück regnet, drehen sich die Gedanken im Kreis", sagt sie. So schlimm wie jetzt sei es schon lange nicht mehr gewesen. Abgeschlossen hat Holzbauer mit dem Hochwasser von 2013 noch lange nicht. "Der Gedanke ist allgegenwärtig, die neue Einrichtung erinnert täglich daran", sagt sie. Auch heute noch gibt es wegen des Hochwassers Probleme am Haus. 290.000 Euro hat die Sanierung gekostet.

Aus ihrer Erfahrung weiß Holzbauer, was den Menschen in den betroffenen Gebieten in Niederbayern jetzt bevorsteht. "Es ist ein langer Weg mit viel Arbeit, körperlich und seelisch werden sie an ihre Belastungsgrenzen kommen." Holzbauer will etwas Trost bringen, vielleicht auch ihre Erfahrungen teilen und zeigen, dass es weitergeht. Eine Frage wird sie sicher nicht stellen: "Wie geht's?" Das bringe den Menschen im Moment nichts.

Familien, die alles verloren haben

Reiner Fleischmann kann das bestätigen. Er ist bei den Maltesern Leiter der psychosozialen Nachversorgung in Bayern und sitzt im Moment im Einsatzstab in Pfarrkirchen. Von dort aus koordiniert er etwa 20 Mitarbeiter der Malteser, die im betroffenen Landkreis Rottal-Inn unterwegs sind.

Fleischmanns Mitarbeiter fragen auch nicht "Wie geht's?". Sie fragen, wie es mit den Aufräumarbeiten vorangeht. Oft fangen die Leute irgendwann von selbst an, über sich und ihre Sorgen zu sprechen. Da sind Familien, die vor kurzem erst in ihr neues Haus eingezogen sind, und jetzt alles verloren haben. Oder ältere Leute, die kein soziales Netzwerk haben und dringend Hilfe brauchen.

Hochwasser in Niederbayern

Was die Fluten angerichtet haben

Fleischmann hat Erfahrung mit Hochwasser. 2013 haben die Malteser die Flutopfer in Deggendorf betreut. "Die Probleme werden bei den meisten erst kommen, wenn sie fertig mit dem Aufräumen sind", sagt Fleischmann. Behördengänge, Formulare, Wartezeiten: Das steht den Betroffenen in Niederbayern alles noch bevor. "Im Moment bekommen sie von den Helfern sehr viel Trost", sagt Fleischmann.

Doch die Helfer sind irgendwann wieder weg. "Die Leute werden dann quasi noch ein zweites Mal überflutet." Sie realisieren erst dann die finanzielle Belastung, vielen hat die Flut die Existenz weggespült. Das Ziel der Malteser ist, dass die Opfer des Hochwassers möglichst schnell aktiv werden, sich Hilfe holen und sich um die Anträge kümmern, die sie jetzt ausfüllen müssen, damit es weitergeht.