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Mollath vor dem Untersuchungsausschuss:106 Seiten voller Hinweise. Niemand fragt nach.

Immer wieder bezieht sich Mollath auf die 106 Seiten umfassende Verteidigungsschrift, in der er seine Schritte dokumentiert habe. Mollaths Beschreibung ist teils sehr kleinteilig, fast akribisch. Er nennt unzählige Namen, Daten, beschreibt chronologische Ereignisse und wirkt bei alldem sehr aufmerksam und wach. "Hat denn wegen der 106 Seiten niemand von der Steuerfahndung oder der Staatsanwaltschaft bei Ihnen nachgefragt?", will ein Ausschuss-Mitglied wissen. Mollaths Antwort ist deutlich: "Nein, niemand. Zu keinem Zeitpunkt."

Die Besucher blicken konzentriert nach vorne, die meisten können Mollath nur von hinten sehen, manche auch von der Seite. Doch niemand will ein Wort verpassen. Obwohl Mollath ein Mikrofon vor sich hat, klingt seine Stimme eher leise. An manchen Stellen nicken einige leicht mit dem Kopf, als hätten sie von dieser Episode im Leben des Gustl Mollath schon einmal gehört - oder gelesen. Andere notieren mit, als dürfte kein noch so kleines Detail verloren gehen.

Auch die Mitglieder des Untersuchungsausschusses blicken konzentriert auf Mollath, während er beschreibt, wie die Situation immer weiter eskalierte. Die Streitigkeiten mit seiner Exfrau; seine Versuche, bei Banken, Juristen, Beamten und Politikern irgendetwas zu bewegen; irgendwann die rechtlichen Schritte von Petra M. gegen ihn. "Ich kannte meine Exfrau ja sehr lang und wusste, sie ist impulsiv - und wenn sie ihren Kopf nicht durchsetzen kann auch ein bisschen rumpelstilzchenhaft. Da dachte ich, das wird schon wieder." Spätestens als die Anklage vorlag, sei ihm aber klar geworden: Das wird nichts mehr.

Zu den harschen Vorwürfen, die seine Exfrau Petra M. in einem genau an diesem Dienstag erschienen Interview äußert, wird Mollath auch erst nach seiner Zeugenaussage befragt. "Haben Sie wirklich nie die Hand gegen ihre damalige Frau erhoben?" fragt ihn ein Journalist vor dem Sitzungssaal. Mollath schnaubt und schüttelt den Kopf: "Nein, nie." Genauso wenig habe er Autoreifen zerstochen. Nachweisbar ist das heute allerdings nicht mehr - und damals wurden keine Spuren gesichert.

Seine Unterbringung in der Psychiatrie spricht Mollath immer wieder am Rande seiner Ausführungen an. Jedes Mal wird dabei deutlich, wie sehr er sein Leben dort hasst. Er beschreibt, wie es ist, nachts aufgeweckt zu werden, keinen natürlichen Schlafrhythmus mehr zu finden. Dass er wahnhaft sei, weist Mollath von sich. Nach all den Vorwürfen, die gegen ihn erhoben worden seien, stelle sich mittlerweile die Frage, wer dieser Mollath überhaupt sei. "Ich behaupte: Ich bin immer noch derselbe", betont er und meint damit wohl sein früheres Leben.

Am Ende seines Vortrags richtet Mollath noch einen Wunsch an die Abgeordneten - für den Fall, dass er auch nach den aktuellen Ereignissen und der möglichen Wiederaufnahme des Falls nicht wieder freikommen sollte. "Wenn es wirklich dazu kommt, dass ich bin zum Lebensende festgehalten werden soll, dann bitte ich darum, dass dies in Sicherungsverwahrung wie im Gefängnis geschieht. Aber nicht in dieser Anstalt", bittet Mollath. "Diese Situation wünsche ich nicht mal meinem ärgsten Feind."

Was bleibt von diesem Auftritt, ist ein noch größerer Wust an Informationen, Namen, Daten, Zahlen. Aber auch wichtige Eindrücke, die vielleicht helfen, eben genau diese Frage zu beantworten: wer dieser Gustl Mollath eigentlich ist? Zweieinhalb Stunden lang hat Mollath über kleinste Details referiert. Ruhig, gelassen, strukturiert. Mag sein, dass er in den vergangenen sieben Jahren genug Zeit hatte, sich das alles zurechtzulegen. Dennoch: Nach diesem Nachmittag lässt sich nur noch schwer behaupten, er sei ein von Wahnvorstellungen getriebener Verrückter.

© Süddeutsche.de/segi
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