Mittelfranken:Neustadt an der Aisch: Rotes Kreuz wird seit Jahren terrorisiert

Mittelfranken: Seit zweieinhalb Jahren werden die BRK-Mitarbeiter in Neustadt an der Aisch von einem Unbekannten terrorisiert. (Symbolbild)

Seit zweieinhalb Jahren werden die BRK-Mitarbeiter in Neustadt an der Aisch von einem Unbekannten terrorisiert. (Symbolbild)

(Foto: Catherina Hess)
  • Seit zweieinhalb Jahren wird der BRK-Kreisverband in Neustadt an der Aisch von einem Erpresser schikaniert.
  • Die Drohungen, die mal auf Facebook, per SMS oder E-Mail kommen, füllen inzwischen zehn Aktenordner.
  • Über das Motiv des Unbekannten kann nur spekuliert werden.
  • Einen Anhaltspunkt könnte jedoch die Kündigung von zwei Mitarbeitern im Jahr 2013 geben.

Von Johannes Hirschlach, Neustadt/Aisch

Ein Sonntag Anfang Februar, 5.45 Uhr: Im mittelfränkischen Sugenheim erfasst ein 39-Jähriger mit seinem Auto einen jungen Mann, der auf der Straße gelegen hatte. Sofort machen sich Polizei und Rettungskräfte des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) auf den Weg zur Unfallstelle, doch die Verletzungen des 20-Jährigen sind zu schwer. Als die Helfer eintreffen, ist das Unfallopfer bereits tot, das ergibt die spätere Obduktion.

Eine Tragödie, die sich im ländlichen Kreis Neustadt an der Aisch rasant herumspricht, die große Anteilnahme hervorruft. Und eine Tragödie, die eine dubiose Gestalt im Umfeld des Neustädter BRK-Kreisverbandes schamlos ausnutzt. An jenem Sonntagabend erscheint auf Facebook unter dem Namen des Nutzers "BRK NEA Intern" ein Beitrag, der sich explosionsartig im Netz verbreitet.

Mitarbeiter wurden als Pädophile und Rechtsextreme diffamiert

Binnen Stunden wird der Text Hunderte Male geteilt: Demnach habe das Opfer beim Eintreffen der Rettungskräfte noch gelebt. Doch weil es dem Krankenwagen an moderner technischer Ausstattung gefehlt habe, sei der Patient gestorben. Dazu lädt der inzwischen gesperrte Nutzer ein Bild des Opfers hoch, veröffentlicht dessen Namen und die der anwesenden Sanitäter. Die Schuld weist "BRK NEA Intern" einer Person zu: dem Kreisgeschäftsführer des BRK, Ralph Engelbrecht - der zu geizig sei für die nötige Spezialausrüstung.

Wer Engelbrecht dieser Tage in seinem Neustädter Büro besucht, trifft einen Mann, der sich nicht mehr so recht zu helfen weiß. Der Beitrag in den sozialen Medien sei nur der aktuellste, "traurige Höhepunkt", sagt der 50-Jährige, weißes Hemd mit Rot-Kreuz-Emblem, angegrautes Haar. Seit nunmehr zweieinhalb Jahren werden Engelbrecht und die 105 Mitarbeiter des Kreisverbandes von einem Erpresser schikaniert, der mal auf Facebook, mal per SMS oder E-Mail Drohungen ausspricht. Das Ziel: "Er oder sie will, dass ich hier kündige", sagt Engelbrecht. Über das genaue Motiv können sowohl er als auch die Ermittlungsbehörden nur spekulieren.

Einen Anhaltspunkt könnte ein Blick in die jüngere Vergangenheit des Kreisverbandes liefern: 2013 erhielten zwei Rettungsassistenten die Kündigung, weil sie Patienten in Notsituationen Medikamente außerhalb ihrer Befugnis verabreicht hatten. Der Vorfall machte bundesweit Schlagzeilen. Die Patienten hatten sich nicht beschwert, ihnen war ja geholfen worden. Das BRK sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, Mitarbeiter überzogen zu bestrafen. Es gab Kritik von vielen Seiten.

Wenige Monate danach bekam Engelbrecht die ersten Droh-Mails, andere Angestellte wurden in sozialen Netzwerken als Pädophile und Rechtsextreme diffamiert. Inzwischen sind es zehn prall gefüllte Aktenordner, welche die bizarren Provokationen des anonymen Absenders dokumentieren: "Kinderpornos auf nem Wachrechner wär doch was geiles oder?", heißt es da, "lieber siehst du deine Mitarbeiter am Strick baumeln" an anderer Stelle. "Hast du eigentlich keine Angst allein nachts auf abgelegener Rettungswache?", empfing eine Führungskraft als Nachricht und Engelbrecht selbst erhielt den Hinweis: "Da kann es dann aber auch passieren, dass X den Y auf der Wache abknallt."

Es folgten Paketbestellungen an die Geschäftsstelle und an Privatadressen der Mitarbeiter. Laptops, Sexspielzeuge, Heizöl, "an einem Geburtstag hatten wir einen 40-Tonner mit Getränken vor der Haustür stehen", erinnert sich Engelbrecht. Als eine Rettungskraft im Dienst einen Herzinfarkt erlitt, jedoch überlebte, bekamen Angehörige tags darauf eine Urne und einen Gedenkkranz "im Namen der Geschäftsführung" zugesandt.

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