Lebensmittel:Siegel, Label, Zertifikate - so bewahren Sie den Bio-Durchblick

  • Mehr als 300 verschiedene Bio-Logos gibt es in den deutschen Supermärkten.
  • Die EU-Ökoverordnung soll einheitlich den Bio-Markt in ganz Europa regeln. Das Siegel mit dem hellgrünen Sternenblatt stellt den kleinsten gemeinsamen Nenner dar.
  • Das neue bayerische Bio-Siegel soll vor allem Regionalität gewährleisten.

Von Marie Kilg, Maria Stöhr und Jean-Marie Magro

Fast jedes Produkt ist in der ökologischen Variante zu haben: Bio-Nusscreme, Bio-Nudeln, Bio-Saft. Was "Bio" von Fall zu Fall bedeutet, soll am Logo oder Siegel zu erkennen sein. Sind wirklich alle Zutaten bio? Wie viel Platz hatte das Huhn? Und was hat es gefressen? Statt Transparenz schafft die Öko-Zertifizierung aber Verwirrung. Denn es gibt jetzt schon mehr als 300 verschiedene Bio-Logos in den deutschen Supermärkten.

Im November hat der Freistaat Bayern ein weiteres vorgestellt, das bayerische Bio-Siegel. Die Logik hinter dem regionalen Wapperl: Bio-Produkte werden immer beliebter, die Nachfrage wächst schneller als die Anbaufläche. Das führt dazu, dass die Lebensmittel von weit her kommen.

"Bio-Frühkartoffeln aus Ägypten - das ist aus ökologischer Sicht natürlich ein Widerspruch", sagt Michael Lüdke, der das Siegel im Landwirtschaftsministerium mitentwickelt hat. Ökologische Nachhaltigkeit, die das Wörtchen "bio" suggeriert, und unnötig weite Transportwege passen nicht zusammen. Deswegen will Bayern die Bio-Produktion im eigenen Land fördern. Das neue bayerische Siegel soll für beides stehen: Bio und Regionalität.

Kleinster gemeinsamer Nenner

Das ist aber die Ausnahme. Die EU-Kommission hält laut Lüdke regionale Zertifikate für überflüssig. Die EU-Ökoverordnung, seit 1992 Grundlage für Bio-Zertifikate in der EU, soll einheitlich den Bio-Markt in ganz Europa regeln. Das Siegel mit dem hellgrünen Sternenblatt stellt den kleinsten gemeinsamen Nenner dar.

Ein Produkt, das damit gekennzeichnet wird, muss ein Minimum an Kriterien erfüllen - aber längst nicht vollständig bio sein. Die Bauernhöfe müssen nicht zu hundert Prozent ökologisch bewirtschaftet werden, in Ausnahmefällen sind Teilbereiche mit konventioneller Landwirtschaft erlaubt. Auch das Futter für die Tiere muss nicht zu hundert Prozent ökologisch sein. Kann der Eiweißbedarf im Futter nicht mit Bio gedeckt werden, darf mit konventionellem Futter nachgeholfen werden.

Höhere Standards, wie sie zum Beispiel die traditionellen Anbauverbände wie Bioland, Demeter und Naturland anbieten, werden durch zusätzliche Logos ausgewiesen. Die Verbände werben mit strikteren Vorschriften. Ob Regionalität, Fütterung oder Tierhaltung - ihre Siegel sollen exklusive Qualität auszeichnen. Denn der Kontrolleur prüft zusätzlich zu den obligatorischen EU-Auflagen noch die strengeren Kriterien der Verbände.

Bioland schreibt 36 Quadratmeter pro Huhn vor

Auf einem Hektar Land dürfen laut EU-Verordnung 580 Masthühner leben, das entspricht etwa 17 Quadratmetern pro Huhn. Bei den Verbänden haben die Tiere mehr als doppelt so viel Platz. Bioland schreibt zum Beispiel mindestens 36 Quadratmeter pro Huhn vor.

Beim Ecoland-Siegel werden eigens Paten für den Tiertransport bestimmt, welche die Tiere begleiten und die Verantwortung für ihr Wohlergehen übernehmen - und zwar mindestens eine Person für jeden Schritt des Weges, vom Hof bis zur Schlachtung. Die EU-Zertifizierung lässt noch etwa 45 Zusatzstoffe in Öko-Lebensmitteln zu. Demeter und Naturland nur 22.

Und dann gibt es noch die eigenen Bio-Logos der Discounter-Ketten wie Aldi oder Lidl, die noch mehr Verwirrung stiften. Sie setzen oft neben dem EU-Siegel eigene Bio-Logos auf die Verpackung. Diese sind Markenlogos und garantieren nur die EU-Standards. Auch das Bio-Sechseck ist mit dem EU-Siegel inhaltlich identisch, wird aber oft noch mit aufgedruckt.

Es gilt: Verbandsinteressen gehen vor Ökologie

Insgesamt hat sich der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt, auf fast acht Milliarden Euro im Jahr 2014. Bauernhöfe des ältesten deutschen Anbauverbands Demeter erzielten im vergangenen Jahr ein Umsatzwachstum von 15 Prozent mit ihren Waren. Immer mehr Landwirte steigen auf Bio um. Sie erwarten, dass der Markt weiter wachsen wird.

Bei den Auflagen für das bayerische Bio-Siegel orientiert sich das bayerische Landwirtschaftsministerium an den Kriterien von Bioland, Demeter und Co. Das bedeutet unter anderem mehr Platz für die Tiere als beim EU-Siegel und strengere Auflagen bei der Düngung. Der Unterschied zu den bestehenden Siegeln liegt in der Regionalität. Die ist zwar auch beispielsweise bei Demeter wichtig. Aber sie ist an den Verband geknüpft: Landwirte werden angehalten, Futter von anderen Demeter-Höfen zu kaufen, auch wenn es vielleicht Bio-Bauernhöfe gibt, die näher sind als der nächste Demeter-Hof. Es gilt: Verbandsinteressen gehen vor Ökologie.

Hier hat das bayerische Siegel einen Vorteil. "Unser regionales Siegel verdeutlicht, wo die Rohstoffe herkommen. Das Bayerische Bio-Siegel gibt die Garantie, dass alle Schritte in Bayern passiert sind", sagt Lüdke. Alle Zutaten müssen also aus Bayern kommen, und die gesamte Verarbeitung muss auf bayerischem Boden geschehen. Doch das ist nur möglich, wenn es auch genug Bio-Bauern in Bayern gibt, die all die verschiedenen Zutaten liefern.

Wenn einem Hersteller trotz aller Bemühungen für den Joghurt ein letzter Aromastoff fehlt, weil der in Bayern einfach nicht in ökologischer Produktion hergestellt wird, dann kann er eine Ausnahme beantragen. Die soll allerdings nur die Zeit überbrücken, bis die Produktion in Bayern aufgebaut ist. Grundsätzlich gilt: Bio ist nicht gleich Bio. Der Verbraucher muss genau hinschauen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB