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Landtag:Reden über den Klimawandel

Im Umweltausschuss berichten Experten über ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse - dabei schert einer aus

Eines muss Rosi Steinberger loswerden und zwar sofort. Noch ein paar Worte zur Begrüßung, dann ruckelt die Vorsitzende des Umweltausschusses im Landtag sich das Mikro zurecht. Steinberger von den Grünen ist eigentlich keine, die in den Vordergrund drängt und doch will sie jetzt nur über ihre eigene Meinung sprechen. Es hat mit dem Mann zu tun, der direkt vor ihr sitzt, nur ein paar Meter entfernt, schwarzer Anzug, graue Haare. Was dieser Mann für Thesen verbreitet, halte sie für "falsch, irreführend und wissenschaftlich unhaltbar", sagt Steinberger. Persönliche Anmerkung beendet, es folgt der Hinweis auf das Kuchenbüffet.

Der Mann, von dem sich Steinberger so deutlich distanziert, heißt Sebastian Lüning, von Beruf Geologe. Wie acht weitere Wissenschaftler ist er gekommen, um den Abgeordneten am Donnerstag etwas zum Klimawandel zu erzählen. Mit dem kleinen Unterschied, dass Lüning an einen vor allem durch den Menschen verursachten Klimawandel nicht glaubt, genau wie die AfD-Fraktion, die ihn eingeladen hat. Auch nicht glauben konnten offenbar viele, was Steinberger, immerhin von den Grünen, ein paar Tage vorher über Lüning gesagt hatte: "Man kann seine Thesen wissenschaftlich belegen." Wer daraus den Schluss ziehe, sie würde Lünings Ansichten teilen, liege falsch. Diese Botschaft ist ihr als Grüne wichtig und leicht zu verstehen. Danach wird es ein wenig schwieriger. Steinberger hält Lünings Ansichten nicht für wissenschaftlich plausibel, ihn selbst aber für einen wissenschaftlich arbeitenden Experten. Wie das zusammenpasst, bleibt ihr Geheimnis. Sicher ist: Sie sieht keinen Grund, ihn von einer Anhörung auszuschließen, anders als SPD-Mann Florian von Brunn, für den Lüning nicht auf dem Boden der Wissenschaft steht.

Am Donnerstag sitzt Lüning in einer Reihe mit allen anderen Experten. Es ist so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit, die er mit ihnen teilt. Der Klimawandel ist menschengemacht, er ist gefährlich und es muss so schnell wie möglich etwas gegen ihn unternommen werden. Da sind sich alle außer Lüning einig. Seine Einwände zerlegen sie ihm Stück für Stück. Angefangen mit seiner Gutachtertätigkeit beim Weltklimarat (IPCC). Die könne jeder bekommen, der sich registriere, sagt Julia Pongratz, Geografie-Lehrstuhlinhaberin der LMU München. Lüning sagt, in der Klimageschichte habe es öfter Wärmeperioden gegeben, auch, als der Mensch noch keinen Einfluss nehmen konnte. "Uralt", nennt Heiko Paeth, Klimaforscher von der Universität Würzburg, die Argumente: "Ich fühle mich gleich 20 Jahre jünger." Die früheren Wärmeperioden seien von Meteoriteneinschlägen und Vulkanen ausgelöst worden, die heutige durch den Menschen. Ein Konsens, dem hundert Prozent der Wissenschaftler des IPCC zustimmten. Eine mögliche Gemeinsamkeit aber sieht auch Paeth zwischen früheren Hitzeperioden und heute: "Es sind die großen Phasen des Massensterbens."

Damit das nicht passiert, präsentierten die Experten Vorschläge, etwa für Unterfranken, laut Paeth die trockenste Region Deutschlands. Ändere sich nichts, werde die Temperatur in Bayern bis 2100 um fünf Grad steigen, in Unterfranken um 5,5 Grad. Schon 2035 wäre die Trinkwassersicherheit stark eingeschränkt. Die Tiefsttemperaturen in Würzburg würden dreißig Grad nicht unterschreiten. Tropennächte, in denen es mindestens zwanzig Grad hat, würden um die Hälfte steigen - mit tödlichen Folgen. "Wir haben Zehntausende Hitzetote zu erwarten", sagt Michael Sterner, Professor der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg.

Was der Freistaat tun kann? Auf jeden Fall mehr als bisher. Mit den jetzigen Maßnahmen würden die Koalitionsziele nicht erreicht, sagt Sterner. Mehrere Experten plädieren dafür, die 10-H-Abstandsregel für Windräder abzuschaffen, die laut Sterner nicht zur Befriedung diene, wie die Regierung argumentiert. Er zumindest habe bei einer Veranstaltung zur Windenergie Polizeischutz gebraucht. Zusammen mit Petra Hutner vom Verband Windenergie ist er dafür, den Klimaschutz über Denkmal- und Artenschutz zu stellen. Nur 0,03 Prozent der nicht natürlich verendeten Vögel, stürben durch Windräder.

Am Ende löst ein Ausspruch des CSU-Abgeordneten Martin Huber bei der Opposition Aufsehen aus. Die 10-H-Regelung sei ja "nicht in Stein gemeißelt", sagt der und weckte bei einigen schon Hoffnung auf eine Abschaffung. Huber aber wollte nur darauf hinaus, dass Kommunen sie ja umgehen könnten. "Man hört immer das, was man gerne hören will, sagt SPD-Frau Ruth Müller.

© SZ vom 14.02.2020
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