Kriminalität Sexuelle Übergriffe gegen Männer? "Ach, das wünschst Du Dir wohl"

Der Diplom-Sozialpädagoge Matthias Becker, 53, arbeitet als Lehrbeauftragter an Hochschulen in Benediktbeuern und München. Zusätzlich hat er eine Halbtagsstelle bei der Stadt Nürnberg.

(Foto: Christine Dierenbach)

Männliche Opfer werden selten ernst genommen, sagt Matthias Becker. Er weiß als Ansprechpartner bei der Stadt Nürnberg, dass viele sich schämen, sich jemandem anzuvertrauen.

Von Olaf Przybilla

Die Stelle des Diplom-Sozialpädagogen Matthias Becker als Ansprechpartner für Männer bei der Stadt Nürnberg war zunächst nur ein Pilotprojekt, ausgestattet mit ein paar Stunden. Nach anderthalb Jahren aber bekommt der 53-Jährige nun eine feste Stelle - und sämtliche Fraktionen votierten dafür. Besonders die Parteien auf der linken Seite des politischen Spektrums hatten anfangs Bedenken, erzählt Becker im SZ-Interview. Schließlich galt sein Posten als erster seiner Art in Deutschlands Städten: Will da etwa einer tradierte patriarchalische Werte wiederherstellen oder stärken? Und geht das nicht zulasten der Frauen im Gleichstellungsbereich? Inzwischen habe keiner mehr Zweifel, dass es da Bedarf gebe, sagt er. Und die dummen Sprüche würden auch weniger.

Eines der Tabu-Themen, mit denen Männer sich an ihn wenden, ist Gewalt in der Ehe. "Etwa 19 Prozent aller Opfer partnerschaftlicher Gewalt sind männlich", sagt Becker, der auch als Hochschullehrer für Gender Studies tätig ist. Die Hürde, sich damit jemandem anzuvertrauen, ist nach seiner Beobachtungen besonders hoch. Immerhin fühlten sich Opfer in ihrer "gesellschaftlich geforderten Männlichkeitsrolle ganz grundsätzlich infrage gestellt".

Aber Becker hört auch von Gewalt und sexuellen Übergriffen weiblicher Vorgesetzter. Auch von Machtspielchen und Erniedrigungen. Und er glaubt nach anderthalb Jahren im Nürnberger Frauenbüro, wo seine Stelle angesiedelt ist, dass die Dunkelziffer in seinem Bereich besonders hoch ist: "Ich bin mir sicher, dass die Dimension noch gar nicht erfasst ist." Männer als Opfer sexueller Übergriffe würden nur selten ernst genommen. Oft heiße es da: "Ach, das wünschst Du Dir wohl, hm?"

Nach 30 Jahren Emanzipation glaubt Becker eine Art männlichen "Co-Feminismus" beobachtet zu haben. In dieser Zeit aber hätten Männer "zu wenig herausgefunden, was sie selbst brauchen und wollen". Herausforderungen sieht er für beide Geschlechter - momentan aber "mehr für Männer".

Lesen Sie mit SZ Plus das gesamte Interview mit Matthias Becker über Gewalt gegen Männer:
Psychologie Wenn der Mann das Opfer ist

Übergriffe auf Männer

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